Arabische Presseschau "Wasser auf die Mühlen des Extremismus"

Die Analyse des Berliner Middle East Media Research Institutes zeigt, dass die Veröffentlichtung der Mohammed-Karikaturen in der arabischen Presse zumeist heftig kritisiert wird. Die Zeichnungen beleidigten 1,5 Milliarden Muslime und seien nicht durch Meinungsfreiheit gedeckt, heißt es in den Kommentaren.

Berlin - Derlei beleidigende Angriffe auf ein Fünftel der Weltbevölkerung widersprächen allen internationalen Bemühungen um einen Dialog und Toleranz zwischen den Kulturen und Religionen und förderten lediglich den Extremismus, heißt es in einem Kommentar der in London erscheinenden panarabischen Tageszeitung "Al-Sharq Al-Awsat". Die Angriffe auf den Islam hätten "ein so gefährliches Ausmaß erreicht, dass sie im Rahmen des internationalen Rechts behandelt werden müssen".

Demokratie und Meinungsfreiheit dürften nicht dazu dienen, dass "gegen die Menschenrechte auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit verstoßen wird", schreibt das Blatt weiter. Gleichzeitig müsse die arabische Öffentlichkeit aber auch grundsätzlich deutlich machen, dass der Islam und die Muslime jegliche Beleidigung und Angriffe auf andere Religionen und Kulturen ablehnen würden.

Auch der Kommentator der saudischen Zeitung "Al-Jazeera" betont, dass es insbesondere nach dem 11. September 2001 darum gehe, das Bild des Islam in der Welt gerade zu rücken. Dazu müsse gegen solche Angriffe auf den Islam und die Muslime wie jene in "Jyllands Posten" entschieden vorgegangen werden. Es könne nicht angehen, dass in europäischen Medien Meinungsfreiheit gelte, wenn der Islam beleidigt würde, der Holocaust aber zum Beispiel nicht angezweifelt werden dürfe. Gefordert werden koordinierte Proteste auf höchster diplomatischer Ebene.

Auch der Chefredakteur der in London erscheinenden "Al-Quds Al-Arabi", Abd Al-Bari Atwan, versteht die Karikaturen als Angriff auf 1,5 Milliarden Muslime. Er kritisiert die Verteidigung der Karikaturen und vergleicht dies mit dem Umgang mit Antisemitismus in Europa. Vor diesem Hintergrund begrüßt er die Proteste in der arabischen Öffentlichkeit und fordert die arabischen Regierungen auf, mit ähnlichen Maßnahmen auch gegen die US-Politik im Nahen und Mittleren Osten vorzugehen. "Zielgerichtete Beleidigungen wie diese sind Wasser auf die Mühlen des Extremismus. Sie vergiften die Beziehungen zwischen dem Islam und dem Westen, stacheln zur Gewalt an und erleichtern es al-Qaida und anderen, zornige junge Männer für Racheakte gegen die westlichen Gesellschaften zu rekrutieren", schreibt Atwan.

Auf der bekannten liberalen arabischen Nachrichten-Website "Elaph" erschien ein Kommentar, der eine ganz andere Position einnimmt: Der Autor Baha Al-Musawi stellt die Frage, was die Araber und Muslime dazu beigetragen haben, dass ein solch schlechtes Bild vom Islam in der westlichen Öffentlichkeit entstanden ist. Vor allem angesichts des islamistischen Terrorismus kommt er zu dem Schluss, dass sich die Araber und Muslime eigentlich bei ihrem Propheten entschuldigen müssten, weil sie zugelassen haben, dass al-Qaida und andere das Bild des Islam so entstellen konnten.

"Unser Problem besteht doch immer wieder darin, dass wir das wir uns nur mit den Ergebnissen aber nicht mit den Ursachen beschäftigen. Immer sind es die anderen, die Fehler machen und wir haben recht [...] Als hätte Gott auf dieser Welt niemand außer uns geschaffen", schreibt Musawi. "Warum beschäftigen wir uns nicht mit dem wirklichen Problem, dass diesen kleinen Zeichner dazu bewegt hat, den Propheten Mohammed auf diese widerwärtige Art zu zeichnen? [...] Warum präsentieren wir nicht ein Bild von Mohammed als gläubigem, aufrichtigem und toleranten Menschen, anstatt dass wir Mohammed zu einem Bild von Bin Laden, einem Schwert, des Tötens, der Taliban, der Enthauptung und des Selbstmords verkommen lassen? [...] Wie können wir Blut vergießen, obwohl Mohammed das verboten hat?"

phw

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