Arabische Presseschau Wut auf die Aggressionsmaschine

Bomben auf Wohngebiete, viele verletzte Zivilisten: Die Wut über das Kriegsgeschehen im Irak ist heute Hauptthema in der arabischen Presse. Gleichzeitig kennzeichnen die Artikel eine große Hoffnungslosigkeit über den geringen Einfluss der arabischen Staaten.

Von Carola Richter und Daniel Kinitz


Die palästinensische Tageszeitung "al-Quds" bezeichnet den kürzlichen Einschlag einer Bombe in ein Wohnviertel der irakischen Hauptstadt als "schreckliches Blutbad" und fragt in ihrem Leitartikel ob dies ein "Befreiungskrieg oder eine Zerstörungskampagne" sei.

Die syrische Zeitung "Teshreen" macht mit der Schlagzeile auf "Aggressionsmaschinerie greift mit Raketen und Streubomben Wohngebiete an und tötet und verletzt Hunderte Zivilisten in Bagdad, Basra und Nassirija." Von einem "Gemetzel in Bagdad" schreiben die libanesische Zeitung "as-Safir" und die in London erscheinende "al-Hayat".

Die Äußerung des amerikanischen Präsidentenberaters Richard Perle vom Mittwoch, dass die Uno Konflikte nicht lösen, sondern nur noch verschlimmern könnte, kommentiert die arabische Presse mit Hoffnungslosigkeit.

Salih Bashir, Kommentator bei "al-Hayat", spricht von der "trostlosen letzten Sitzung des Sicherheitsrates" und dem ebenso "trostlosen Treffen der arabischen Außenminister". Es sei "als ob Amerika mit seiner absoluten Macht im Begriff ist, den Traum zu verwirklichen, die Auseinandersetzungen zwischen den Staaten zu beenden, der aber zum Albtraum wird".

Die libanesische Zeitung "as-Safir" hebt den Konflikt auf eine philosophische Ebene. "Bisher haben wir uns bemüht, den unklaren Begriff der Globalisierung zu verstehen. Aber nachdem wir aus dem Mund des amerikanischen Außenministers Colin Powell gehört haben, dass die USA 'Nach dem Irak den Nahen Osten neu ordnen wollen', ist jeder andere Globalisierungsbegriff besser" als der des amerikanischen Unilateralismus, schreibt "as-Safir".

In der saudischen Zeitung "Okaz" wird ein arabischer Experte für strategische Studien zitiert, der in Reaktion auf Perle sagt, die arabischen Staaten sollten "mit all ihrer Kraft einen Wiederbelebungsversuch der Uno starten". Selbst wenn der Sicherheitsrat bei der Verhinderung des Kriegsausbruches gescheitert sei: "Dies ist keine Rechtfertigung, ihn zu beerdigen. Die arabische Gemeinschaft ist eine schwache Gemeinschaft und braucht deshalb eine Schirmorganisation wie die Uno."

"Okaz" weist auf eine Initiative der arabischen Außenminister hin, die "von der internationalen Gemeinschaft die Annahme eines Beschlusses erreichen wollen, der die alliierten Kräfte zum bedingungslosen Rückzug aus dem Irak auffordert." Die Zeitung räumt aber selbst ein, dass ein solcher Beschluss am Veto Großbritanniens und der USA sofort scheitern würde.

Dass die arabische Gemeinschaft in der Tat schwach ist und der Zusammenhalt auf Regierungsebene bröckelt, zeigt die jordanische Zeitung "al-Dustour". Vor dem Hintergrund der jordanisch-irakischen Beziehungen, die sich in den letzten Tagen merklich abkühlten, spricht das Blatt von einem beginnenden "kalten Krieg" in der arabischen Welt.

"Al-Dustor" schreibt: "Es gibt arabische Staaten, in denen sind bekanntermaßen amerikanische Streitkräfte stationiert. Und dann gibt es Staaten, die sagen, dass sie so etwas nicht tun. Und dann gibt es Staaten, die immer offensichtlicher Amerika im Geheimen helfen." Die Zeitung beklagt, dass "im Schatten des heißen und gefährlichen Krieges die Differenzen zwischen den Bruderstaaten eskalieren". Diese würden nur dem Feind nützen.

Die libanesische Zeitung "an-Nahar" berichtet zudem von einer "unterschwelligen Krise zwischen Kairo und Damaskus". Der ägyptische Außenminister protestierte demzufolge dagegen, dass die Syrer Demonstrationen vor der ägyptischen Botschaft in Damaskus zugelassen hätten. Während dieser seien Parolen skandiert worden, die Husni Mubarak dafür verurteilen, Saddam Hussein in einer Erklärung die Verantwortung für den Krieg zugeschoben zu haben.

Derweil geht die "Schlacht um die Fernsteuerung" ("al-Hayat") in eine neue Runde. Die Internetseite von al-Dschasira ist seit Mittwoch nicht mehr abrufbar, just zu dem Zeitpunkt, als der Sender einen englischen Online-Dienst in Betrieb nahm. Ein Verlust der Vielfalt im Internet, waren doch nach einer Analyse von "al-Hayat" beispielsweise die Saudis davon überzeugt, "dass die Berichterstattung der Satellitenkanäle erfolgreich ist, und dass die arabischen Sender sie Stunde um Stunde zur Schlacht bringen".



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