Arabische Welt Zwischen Zweifeln und Hoffnungen

Der wahrscheinliche Sieg der Hamas-Bewegung wird in weiten Teilen der arabischen Welt mit Freude und Genugtuung aufgenommen. Andere islamische Gruppierungen erhoffen sich nun einen Aufschwung. Andere setzen auf die Entzauberung der Radikalen.


Beirut - "Das ist ein Sieg für alle freien Menschen in der Region", sagt Ajjub Muhanna. Der 29-Jährige besitzt einen Ersatzteil-Laden in der libanesischen Stadt Raschaja. "Die Palästinenser haben der Partei ihre Stimme gegeben, die ihr eigenes Blut hergegeben hat." Der saudi-arabische Fernsehmoderator Dawood al-Schirian erhofft sich einen "positiven Effekt auf den politischen Prozess", denn die Hamas habe in den palästinensischen Gebieten einen guten Ruf.

Die Beteiligung der Hamas an der Wahl zeigt für ihn, dass die Organisation das Oslo-Abkommen zwischen Palästinensern und Israel indirekt anerkannt hat. Schließlich sei die palästinensische Autonomiebehörde, die künftig von der Hamas dominiert wird, aus dem Oslo-Prozess hervorgegangen, sagt Schirian.

"Der arabische Scharon"

Er hält sogar Friedensverhandlungen zwischen der Hamas und Israel für möglich. Allerdings würden die Islamisten harte Verhandlungspartner sein. "Sie wären der arabische Scharon", sagt er, und meint den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon.

"Die Hamas wird hart sein, aber nur so sind Zugeständnisse der Israelis zu erreichen." Der syrische Islam-Experte Sami Mubajed sieht indes harte Zeiten für die Hamas anbrechen. "Bislang wurde sie respektiert und geehrt, weil sie eine Widerstandsgruppe war", sagt er. "Jetzt kann sie scheitern, wie jede andere Bewegung, die sich auf den politischen Prozess eingelassen hat." Die Versprechen der Hamas seien jedenfalls kaum einzuhalten, sagt Mubajed. "Widerstand ist sehr ehrbar, Politik ist ein schmutziges Spiel." Die bislang von der Fatah geführte Autonomiebehörde ist seinen Worten zufolge hoch korrupt, und dies werde auf die Hamas abfärben.

Allerdings bleiben ihre Befugnisse auch beim Gewinn einer absoluten Mehrheit beschränkt: Präsident bleibt Fatah-Chef Mahmud Abbas, der zugleich Präsident der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) bleibt und damit weiter für die Verhandlungen mit Israel verantwortlich ist. Trotzdem geht der Experte davon aus, dass der Sieg der Hamas auch andere islamistische Bewegungen in der Region zu einer Beteiligung am politischen Prozess motivieren könnte.

Essam al-Arjan, ein Sprecher der ägyptischen Muslimbruderschaft, zeigte sich begeistert. "Das ist ein großartiger Erfolg für Hamas", sagte er, dessen Organisation bei der ägyptischen Parlamentswahl ihren Anteil von 17 auf 88 Sitze vergrößern konnte. Entscheidend für die Hamas sei nun aber, dass sie gute Beziehungen mit arabischen Regierungen, aber auch zum Westen erhalte oder aufbaue. "Nur so kann sie die Unterstützung für die Palästinenser sichern."

Danno Abu-Nasr, AP



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