Arabiens TV-Revoluzzer Der Tabubruch ist Programm

Mit Spott und frechen Parodien gegen die Herrschenden: Die Umbrüche im Nahen Osten spiegeln sich auch im arabischen Fernsehen wider. Eine neue Lockerheit zieht ein, junge Köpfe brechen mit alten Verboten. Einer der TV-Revoluzzer hat seine Karriere auf dem Tahrir-Platz begonnen.

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Katar/Dubai - Leicht bekleidete Frauen? Oder Männer, die aus Teetassen Alkohol schlürfen? Bis jetzt ein absolutes Tabu im arabischen Fernsehen. Auch an Parodien der Herrschenden hat sich bis vor kurzem niemand heran getraut. Doch jetzt loten junge Medienmacher die Grenzen des Erlaubten aus - und reißen sie ein.

Die neue Generation, die sich in der arabischen Welt zu Wort meldet, erschüttert nicht nur die Patriarchen an der Staatsspitze. Das Ringen um die Macht zeichnet sich auch in den Medien ab: Ein Streit tobt im Nahen Osten darum, was das Fernsehen zeigen darf und was nicht. "Das Fernsehen im Nahen Osten ist in den letzten zehn Jahren viel abwechslungsreicher geworden. Was vor nur ein paar Jahren noch gewagt war, ist inzwischen Routine und breitet sich in der Region aus", sagt Jon W. Anderson, der das "Arab Information Project" der US-Universität Georgetown leitet, das seit 1995 untersucht, wie Satellitenfernsehen und Internet die arabischen Gesellschaften verändern.

Experten schätzen, dass das Satellitenfernsehen mindestens eine so große Rolle wie das Internet gespielt hat in der Politisierung der Menschen in Nahost. Denn eine Satellitenschüssel auf dem Dach haben häufig selbst die ärmsten Haushalte, junge wie alt Menschen. Der Fernsehsender al-Dschasira aus Katar hat etwa mit seinen Politik-Talkshows neue Maßstäbe gesetzt: Erstmals konnten Syrer oder Ägypter in ihren Wohnzimmern Debatten verfolgen, für die sie auf der Straße im Gefängnis landen würden.

Gleichzeitig wächst die Zahl der Privatsender, die immer heftiger an den Tabus der Sittenwächter rüttelt. "Wo das Fernsehen direkt auf Marktkräfte reagiert, verschiebt es die Grenzen", sagt Dale F. Eickelman, der an der renommierten US-Universität Dartmouth College über den Einfluss von Medien in der muslimischen Welt forscht.

"Arabien sucht den Superstar"

Mit Sendungen wie "Big Brother" oder "Arabien sucht den Superstar", wo knapp bekleidete junge Frauen und Männer auftreten, oder mit gewagten Musikvideos sorgen der libanesische Sender LBC oder der in Dubai ansässige MBC regelmäßig für Proteste des religiösen Establishments. Auch diese Sender sind in der gesamten Region empfangbar und werden inzwischen von kleineren Privatsendern auf Jagd nach Einschaltquoten imitiert.

Der Tabubruch macht Programm.

Zudem setzt das Internet die TV-Sender unter Druck, mutiger zu werden. Wer auf YouTube sehen kann, was ihm gefällt, der schaltet aus, wenn im Fernsehen nur staatliche Propaganda gepredigt wird.

"Die jungen Menschen im Nahen Osten sind eine Generation, die Zensur zwar kennt, aber aus Bereichen wie dem Internet, wo sie weniger schwer wiegt als etwa im Staatsfernsehen", sagt der Anthropologe Anderson, "ihnen hat YouTube und Facebook ermöglicht, von Medienkonsumenten zu Medienproduzenten zu werden."

Die ersten dieser selbstgemachten TV-Revoluzzer ziehen nun bei den Fernsehsendern ein.

SPIEGEL ONLINE stellt drei neue Formate vor, die für Furore sorgen:

1. "Es gibt jemanden" - "Sex and the City" aus Bagdad

Goldkettchen um den Hals, Gel im Haar, karierte Hemden: In der irakischen Fernsehsendung "Es gibt jemanden" sitzen ein paar junge Männer auf der Couch und machen Witze über Sex und Beziehungsprobleme. Sie spielen gute Freunde, die sich einfach nur unterhalten. Und sie trinken dabei. Im Irak hat die Sendung Proteststürme ausgelöst.

"Unter uns Freunden reden wir immer über solche Sachen", erzählte einer der Produzenten der amerikanischen Zeitung "New York Times", "warum sollen wir dem Publikum nicht die Realität zeigen?"

Zwar regen sich Regierung und Religiöse regelmäßig über die Show auf. Doch beim Publikum kommt sie an: Die Sendung erreicht Spitzeneinschaltquoten. Die DVDs der Show verkaufen sich bestens. Ausgestrahlt wird sie auf einem Privatsender, der einem libanesischen Unternehmer gehört und als einer der wenigen politisch unabhängigen Sender im Land gilt.

Bei allem Mut passen die TV-Stars jedoch auf, die Grenzen nicht zu weit zu überschreiten. Getrunken wird aus bunten Kaffeetassen, damit der Inhalt nicht erkennbar ist. Eine DJane, die in der Sendung Musik auflegte und tanzte, wurde wieder abgeschafft, nachdem sich das religiöse Establishment darüber beschwerte. Sexwitze tarnen die Männer unter Wortspielen.

"Wir wollten von Anfang an sehen, wie weit wir gehen können", sagt Yasir Sami, einer der Macher der Sendung. Religion und Politik seien jedoch Tabu. Darüber Witze zu machen, könnte im Irak schnell blutiger Ernst sein.

2. "Al-Bernameg" - Comedy-News aus Ägypten

Bassem Youssef hat sich auf die Herzen der Ägypter spezialisiert. Während der Straßenschlachten auf dem Tahrir-Platz 2011 verarztete der 38 Jahre alte Herzchirurg dort die Verwundeten. Als der ägyptische Machthaber Husni Mubarak zwar gestürzt war, aber sich wenig änderte, kümmerte er sich darum, die Ägypter aufzumuntern - mit einer selbst produzierten Satiresendung auf YouTube.

Inzwischen hat es seine Show unter dem Namen "al-Bernameg", übersetzt "Das Programm", ins Fernsehen geschafft, dreimal die Woche auf ONtv, dem 2009 gegründeten Sender des Milliardärs Naguib Sawiris. Die Show ist ein Hit bei den unter 30-Jährigen, der Revolutionsgeneration. Demnächst soll Youssef sogar fünfmal die Woche ausgestrahlt werden.

Sein Erfolgskonzept ist simpel, jedoch revolutionär: Vor Bassem Youssefs Spott ist kaum jemand sicher. Und das in einem Land, in dem die Oberen keinen Spaß verstehen. Unerschrocken parodiert Youssef die Staatsmedien, Politiker und selbst seinen Chef Sawiris. Vorbild ist für ihn dabei die amerikanische "Daily Show", die der Mediziner bei einer Reise in die USA für sich entdeckte. Dort wird das politische Tagesgeschehen mit Einspielern aus den großen TV-Sendern zusammengefasst und durch den Kakao gezogen.

So schnitt Youssef in seiner ersten Sendung die Warnungen der Staatsmedien vor den Tahrir-Platz-Demonstranten zusammen. Der Tenor: Die Protestierenden seien alles nur vom Ausland bezahlte Ganoven. Eine Handvoll ägyptische Dinar hätten sie bekommen, eine Handvoll Euro. Ein anderer Sender berichtete, die Menschen hätten kostenlose Lunchpakete von Kentucky Fried Chicken erhalten. Youssefs Kommentar dazu: "Leute, das heißt nur eins - auf zum Tahrir-Platz!"

Seine Gegner beißen sich bisher an Youssef die Zähne aus. Durch seine Popularität hat er einen gewissen Schutz. Wer ihn öffentlich angreift, erscheint als Vertreter des alten Regimes. Wer mit ihm lacht, wirkt modern.

Doch wo seine Grenzen liegen, weiß auch der TV-Star: "Ich mache mich nicht über Religionen lustig und ich greife den Obersten Militärrat nicht an. Noch nicht", sagte er im September 2011 einer ägyptischen Zeitung.

3. "Ala Attayer" - Parodie aus Saudi-Arabien

Videos der saudi-arabischen Parodiesendung "Ala Attayer", übersetzt in etwa "schnell gemacht", finden auf YouTube regelmäßig Millionen Zuschauer. In der Sendung machen sich junge Saudi-Araber über die Oberen lustig - von korrupten Beamten bis zu den Medienwächtern. Inzwischen haben sich noch weitere saudi-arabische Comedy-Shows auf YouTube mit Millionenklicks etabliert. Saudi-Arabien hat eine der am besten vernetzten und jüngsten Bevölkerungen der Region: 70 Prozent der Einwohner sind unter 30 Jahre alt.

In den Sketchen wird meist eine Nachrichtensendung nachgespielt mit Einspielervideos. Der 26-jährige Omar Hussein gibt den Nachrichtensprecher. Im wahren Leben ist er Angestellter eines multinationalen Konzerns mit Vorliebe für Stand-up-Comedy. Ankündigungen über einen der 29 stellvertretenden Direktoren der saudischen Fluglinie quittiert er in der Sendung mit Kommentaren wie: "Es gibt sogar einen stellvertretenden Direktor, der sicherstellt, dass Betende in den Flugzeuggängen keine Zeit vertrödeln" - im saudi-arabischen Fernsehen wäre solcher Spott kaum vorstellbar.

Doch auch die YouTube-Stars sind vorsichtig und überschreiten nicht alle roten Linien. Über die herrschende Familie werden keine Witze gemacht, auch nicht darüber, dass es in Saudi-Arabien im Arabischen Frühling bisher zu keinen Massendemonstrationen kam. Dies wäre ein zu empfindliches Sujet, denn das saudische Königshaus ist nervös: Im Osten des Landes kam es 2011 zu kleineren Protesten. Und auch einige Frauen des Landes probten vergangenes Jahr den Aufstand und forderten das Recht, Autofahren zu dürfen.

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
kingston007 05.06.2012
1. Ja...
wahrlich das ist Kunst, Germanys Next Topmodel oder DSDS, Superstar, Popstar usw usw, ach wie ist das schön dafür würde ich auch mein Leben riskieren für so eine Verblödung .:)
Rodelkoenig 05.06.2012
2.
Das sind doch schon mal kleine, aber vielversprechende Ansätze. Genauso hat das Umdenken in den konservativen und nationalsozialistischen Köpfen in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg auch angefangen ... mit einem Tabubruch hier und einer kleinen Neuerung da, usw. So in 5 bis 10 Jahren kann man dann sicherlich auch ein Urteil darüber abgeben, ob die Revolutionen im Nahen Osten langfristig einen Forschritt für die dortigen Gesellschaften gebracht haben oder nicht. Umbrüche brauchen nunmal ihre Zeit, vor allem da die Umbrüche in den Köpfen und den Lebenseinstellungen der Menschen nicht von Heute auf Morgen stattfinden können.
h.hass 05.06.2012
3.
Zitat von kingston007wahrlich das ist Kunst, Germanys Next Topmodel oder DSDS, Superstar, Popstar usw usw, ach wie ist das schön dafür würde ich auch mein Leben riskieren für so eine Verblödung .:)
Offensichtlich läuft es im Nahen Osten, und wohl nicht nur dort, auf die Frage hinaus, was sich durchsetzen wird: der orthodoxe/religiöse/vorgestrige Lebensstil oder das westliche/amerikanische/europäische Modell. Auf jeden Fall hat eine größer werdende Zahl jüngerer Leute keine Lust mehr auf die verkrusteten islamischen Gesellschaftsstrukturen, die diese Länder ja auch in der Tat nirgendwohin führen. Sicherlich ist die Religion nicht der einzige Grund dafür, dass der arabische Raum in gesellschaftlicher, sozialer, politischer Hinsicht total abgehängt ist. Aber mit einer totalitären Religionsideologie wie dem Islam wird der arabische Raum ganz sicher nicht den Anschluß an den Westen finden.
pita223 05.06.2012
4. Kingston007 - irgendwann fängt jeder mal klein an...
Den Kommentar hätte es ja nun wirklich nicht gebraucht. Für DSDS riskiert da sicher niemand sein Leben, vielleicht hätten Sie den Artikel mal richtig lesen sollen!
polyphemos 05.06.2012
5. Wahrscheinlich werden in Arabien
Zitat von sysopMit Spott und frechen Parodien gegen die Herrschenden: Die Umbrüche im Nahen Osten spiegeln sich auch im arabischen Fernsehen wider. Eine neue Lockerheit zieht ein, junge Köpfe brechen mit alten Verboten. Einer der TV-Revoluzzer hat seine Karriere auf dem Tahrirplatz begonnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,832187,00.html
genau dieselben Fehlentwicklungen laufen wie in den VSA und in Europa: Statt Unterdrückung nun Kommerzialisierung. Und das wird dann auch noch mit "Freiheit" verwechselt!
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