Femizide in Argentinien Raus, Macho, raus!

Argentinien hat ambitionierte Gleichstellungsgesetze verabschiedet, die feministische Bewegung #Niunamenos gilt als größte Lateinamerikas. Und doch steigt die Zahl ermordeter Frauen.
"Ni una menos" (Nicht eine weniger) - unter diesem Motto gehen Frauen in Buenos Aires auf die Straße

"Ni una menos" (Nicht eine weniger) - unter diesem Motto gehen Frauen in Buenos Aires auf die Straße

Foto: EITAN ABRAMOVICH/ AFP
Globale Gesellschaft

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Fünf Männer stehen mit Transparenten und einem Megafon an einer Straßenecke in La Plata, Argentinien. "Steh auf, oder sie kommen dich holen", ist auf einem der Plakate zu lesen - oder "Feminismus - Zensur und Unterdrückung".

Nicolás Móras, Mitbegründer der antifeministischen Organisation Libertad y Equidad (Freiheit und Gerechtigkeit) steht in ihrer Mitte. Ein Video von der Mini-Demo am vergangenen Wochenende ist später auf YouTube zu sehen. Móras spricht in das weiß-rote Megafon, seine frauenfeindlichen Worte sind jedoch kaum zu verstehen. Sie gehen unter in einem Protestchor: "Raus, Macho, raus."

200.000 Menschen waren laut der Organisatoren in La Plata zusammengekommen, um beim 34. Encuentro de mujeres (Frauentreffen) in Argentinien für Gleichberechtigung zu demonstrieren. Es sind mehr Teilnehmerinnen als je zuvor. Viele trugen grüne Halstücher als Symbol für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs oder schwenkten orangefarbene Fahnen für die strikte Teilung zwischen Staat und Kirche.

Ein 150 Meter langes Band diente in La Plata als Symbol für Gleichberechtigung

Ein 150 Meter langes Band diente in La Plata als Symbol für Gleichberechtigung

Foto: Demian Alday Estevez/ EPA-EFE/ REX

Femizid-Rate weiter gestiegen

Ein Protestruf ist in La Plata an diesem Wochenende wieder besonders laut: "Ni una menos" (Nicht eine weniger). Es ist eine Anspielung auf die größte feministische Bewegung Lateinamerikas, die in Argentinien 2015 ihren Ursprung fand und sich im Netz unter dem Hashtag #Niunamenos auch international verbreitete. Gleichzeitig ist es eine Erinnerung an Navila, Laura, Cecilia und Vanesa - vier argentinische Frauen, die an einem einzigen Wochenende im September diesen Jahres getötet wurden. Eine von ihnen wurde lebend von ihrem Ehemann verbrannt, vor den Augen ihrer Kinder.

Trotz #Niunamenos, trotz stärkerer Maßnahmen der Regierung zum Schutz von Frauen und Gleichberechtigung - die Rate an Femiziden in Argentinien ist weiter gestiegen. 278 Frauen wurden 2018 in Argentinien getötet, nur weil sie Frauen waren. Das besagt die jährliche Studie des Obersten Gerichtshofs in Argentinien. Das ist eine Frau alle 31 Stunden.

Psychologin Eva Giberti gründete eine Organisation für Frauen in Notsituationen

Psychologin Eva Giberti gründete eine Organisation für Frauen in Notsituationen

Foto: Ministerio de Justicia Argentina

In den ersten acht Monaten 2019 waren es bereits 223 Frauen, was etwa einem Tötungsdelikt an einer Frau alle 27 Stunden entspricht. Zum Vergleich: In Deutschland kamen im vergangenen Jahr 123 Frauen durch ihren Partner oder Ex-Partner ums Leben - Femizide werden hierzulande nicht gezählt. In Argentinien leben nur etwa halb so viele Menschen wie in Deutschland.

Patriarchale Strukturen und Frauenhass

"Die Gewalt gegen Frauen in Argentinien heute ist nicht nur häufiger, sondern auch deutlich brutaler", sagt Eva Giberti. Die Psychologin hat 2006 die Regierungsorganisation "las víctimas contra las violencias" (Opfer gegen Gewalt) aufgebaut, zu der auch die Nothotline 137 gehört. Die Organisation richtet sich an Frauen in Notsituationen. "Männer, die Ihre Frauen mit Benzin überschütten und anzünden sind heute keine Ausnahmefälle mehr", sagt sie. Sie sieht darin eine wütende Reaktion rückwärtsgewandter Männer gegen eine erstarkende Frauenbewegung.

Frauenhass, reaktionäre Männlichkeit und patriarchale Strukturen werden in Argentinien unter dem Begriff "Machismo" zusammengefasst. "Machismo" sei noch immer die prägende Denkweise im Land, sagt Elena Highton de Nolasco, Vizepräsidentin des Obersten Gerichtshofs - und einzige Richterin an diesem Gericht. Die patriarchalen Strukturen, besonders geprägt durch Generäle der Militärdiktatur in den Siebziger- und Achtzigerjahren, seien noch immer tief verwurzelt, sagt sie.

Elena Highton de Nolasco ist die einzige Richterin am Obersten Gericht

Elena Highton de Nolasco ist die einzige Richterin am Obersten Gericht

Foto: privat

Das spiegele sich bis heute in den offiziellen staatlichen Einrichtungen wider - wie der Polizei oder den Gerichten, etwa in der Einstellung Frauen gegenüber und in Beschäftigungsverhältnissen: "Männer besetzen im Justizsystem noch immer die hohen Posten. Die Mehrzahl der Frauen an den Gerichten sind Sekretärinnen."

Auf dem Papier ist Argentinien ein progressives Land

Machismo und Katholizismus haben das gesellschaftliche Bild der Frau in Argentinien lange bestimmt, doch auf dem Papier ist Argentinien so progressiv wie wenige andere Länder. Die Ehe für Homosexuelle wurde 2010 eingeführt - in Deutschland erst 2017. 2013 wechselte ein argentinisches Kind zum ersten Mal seine Genderidentität - das erste Mal weltweit. Der Oberste Gerichtshof eröffnete 2009 die "Oficina de la mujer", eine Abteilung für die Gleichberechtigung für Frauen, die seriöse Rechtsberatung für Frauen fördert. Seit 2012 ist der Mord an einer Frau aufgrund ihres Geschlechts ein erschwerender Tatumstand.

"Wir erleben einen revolutionären Moment", sagt María Florencia Alcaraz. Alcaraz hat #niunamenos von Anfang an begleitet und ist Mitbegründerin der feministischen Onlineplattform Latfem. Die großen, argentinischen Medien reproduzierten zwar noch immer alte Frauenbilder und gäben Opfern häuslicher Gewalt weiter selbst die Schuld, sagt sie. Doch seit Beginn der Proteste 2015 habe sich viel getan: Kaum eine Zeitung schreibe etwa noch von einem "Verbrechen aus Leidenschaft" - ein Ausdruck, der die Gewalt normalisiere. "Die öffentliche Wahrnehmung ändert sich langsam, aber sie ändert sich."

Ein erschwerender Faktor für den Wandel: Die bald zwei Jahre andauernde Wirtschaftskrise, die in den vergangenen Monaten einen neuen Tiefpunkt erreichte. Die Regierung Macri strich Sozialausgaben zusammen. "Wir brauchen das Geld für qualifizierte Mitarbeiter in der Opferbetreuung", sagt Giberti. Und vor allem für Personal, das Gleichberechtigung am Arbeitsplatz schule. Besonders in den nordöstlichen Provinzen des Landes, in denen die Armut am größten und die Femizide am häufigsten sind. "Es gibt noch immer Polizisten, die Frauen wieder nach Hause schicken, wenn sie geschlagen worden sind - gern mit den Worten: 'Dein Mann hatte sicher Recht damit'", sagt Giberti.

"Frauen haben hier eine kämpferische Tradition"

"Die Krise trifft Frauen mit gewalttätigen Männern besonders", sagt Alcaraz. Sie seien nun finanziell noch stärker von ihrem Partner abhängig und verließen ihn deshalb weniger oft. Gleichzeitig gehe der Widerstand in Argentinien auch heute stark von Frauen aus. "Frauen haben hier eine kämpferische Tradition. #Niunamenos konnte nur so stark werden, weil wir die Mütter des Plaza de Mayo als Vorbild hatten." Die "Madres de la plaza de Mayo" protestierten öffentlich gegen das Verschwinden ihrer Kinder unter der Militärdiktatur und brachten sich damit selbst in Gefahr. Gemeinsam mit #Niunamenos setzen sie sich heute für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ein.

Das 34. Frauentreffen in La Plata fand exakt zwei Wochen vor den argentinischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt. Am 27. Oktober können die Wähler zwischen dem aktuellen, konservativ-wirtschaftsliberalen Präsidenten Mauricio Macri und dem peronistischen Herausforderer Alberto Fernandez entscheiden, der gemeinsam mit Christina Fernandez de Kirchner antritt . Aus den Vorwahlen ging Fernandez als klarer Sieger hervor.

Zum Auftakt der Demonstrationen vergangenes Wochenende machten die Veranstalter aus ihrer Abneigung gegen Macri keinen Hehl: Sie verteilten ein Dokument, das die bisherige Politik Macris aufs schärfste kritisierte. Darin heißt es, Macri habe mit seinen finanziellen Maßnahmen und konservativen Ansichten männliche Gewalt, Femizide und Frauenarmut zum Alltag gemacht.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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