Argentinische Politikerin Fernández Latino-Hillary auf PR-Tour in Deutschland

Sie will Präsidentin von Argentinien werden, derzeit wirbt sie in Deutschland für sich und ihr Land: Cristina Fernández, Ehefrau des Staatschefs Néstor Kirchner, ist bisher eher für Stöckelschuhe und Make-up bekannt als für politische Inhalte. Immerhin: Jetzt outete sie sich als Fan der Kanzlerin.

Von Lisa Sonnabend


Hamburg - Cristina Fernández de Kirchner hat sich für ihren Besuch bei Volkswagen in Wolfsburg wieder sehr schick gemacht. Die argentinische Präsidentschaftskandidatin hat eine dicke Schicht Make-up aufgetragen, die Augen dunkel geschminkt. Sie trägt hohe Schuhe, ein modisches graues Kleid mit weißen Blüten und einen eleganten blauen Mantel.

Kandidatin Fernández de Kirchner: Deutsche Kanzlerin als Vorbild
REUTERS

Kandidatin Fernández de Kirchner: Deutsche Kanzlerin als Vorbild

Cristina Fernández ist für drei Tage nach Deutschland gekommen, um für sich und ihr Land zu werben. Am 28. Oktober wird die 54-Jährige aller Voraussicht nach zur Präsidentin von Argentinien gewählt werden - als Nachfolgerin von Néstor Kirchner, ihrem Ehemann.

Ihr Äußeres kennt man inzwischen auch in Deutschland gut, ihr Inneres jedoch bleibt verborgen. Man weiß über Cristina Fernández, dass sie sich mehreren Schönheitsoperationen unterzogen hat und sich ohne Make-up nie in der Öffentlichkeit zeigt. "Selbst ein Bombenangriff könnte mich nicht davon abhalten, mich zu schminken", hat sie einmal gesagt. Fernández gilt als launisch, eitel und arrogant, aber auch als intelligent, fleißig und talentiert. Sie redet gerne und gut.

Ihr politisches Programm bleibt dagegen bislang unklar. Ebenso wie ihr Mann ist sie der gemäßigt-linken Seite zuzuordnen. Cristina Fernández verspricht, dass mit ihr alles besser wird. Wie sie das erreichen will, sagt sie nicht. Auch außenpolitisch lässt die Präsidentschaftskandidatin keinen klaren Kurs erkennen. Einmal reist sie in die USA, nach Spanien oder wie jetzt nach Deutschland, um Unternehmen zu umgarnen und für Investitionen zu werben. Heute ist Cristina Fernández zu einem Privatgespräch mit Angela Merkel verabredet, sie bezeichnet die Bundeskanzlerin als ihr Vorbild.

Ein andermal trifft sie sich mit Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez, der die private Unternehmerschaft verteufelt und von dessen Öldollars Argentinien abhängig ist. Als Chávez im August Argentinien besuchte, empfing Cristina Fernández ihn in einer Bluse, die so rot war wie die Krawatte von Venezuelas Staatschef. Chávez sagte: "Cristina wird die nächste Präsidentin."

Néstor Kirchner, der seit 2003 regiert, hatte im Juli den Verzicht auf eine erneute Kandidatur bekanntgegeben und stattdessen seine Ehefrau nominiert. Warum weiß keiner so recht. Denn der Präsident hätte sich wiederwählen lassen können. Wahrscheinlich ist, dass die Kirchners mit dem Schachzug ihre Macht für viele Jahre sichern wollen oder dass Néstor Kirchner Verschleißerscheinungen einer zweiten Amtszeit fürchtet.

Seltsamster aller Wahlkämpfe

Dem 57-Jährigen gelang es zwar, Argentinien nach dem Crash 2001 aus der Staatskrise zu führen. Die Wirtschaft brummt nun wieder, die Armut ist deutlich zurückgegangen. Doch das Vertrauen in Argentinien hat der Präsident nicht zurückgewinnen können. Das Land kommt wegen dem internationalen Zahlungsstopp nur schwer an Kredite, die zunehmende Inflation und eine Energiekrise haben den Aufschwung gebremst. Zudem lassen Korruptionsskandale die Argentinier an Kirchner zweifeln. So musste die Wirtschaftsministerin Felisa Miceli zurücktreten, da sie nicht erklären konnte, warum man auf der Toilette ihres Ministeriums 65.000 Dollar gefunden hatte.

Cristina Fernández muss den Politikstil ihres Ehemannes mehr fürchten als die Opposition. 14 Kandidaten gehen bei dem wohl seltsamsten Wahlkampf in der demokratischen Geschichte Argentiniens in das Rennen um das Präsidentschaftsamt. Fernández gilt bereits als die sichere Siegerin: Umfragen zufolge könnte sie knapp 50 Prozent der Stimmen erzielen. Die Opposition ist zersplittert. Nur ein Zusammenschluss könnte der 54-Jährigen gefährlich werden, doch der ist nicht in Sicht.

Cristina Fernández tritt an für "Frente para la Victoria" ("Front für den Sieg"), keine Partei, sondern ein Wahlverein der Kirchners. Ähnlich wie beim amerikanischen Ehepaar Clinton ist die Beziehung von Cristina Fernández de Kirchner und Néstor Kirchner nicht nur Ehe, sondern auch politisches Bündnis. Auch Hillary Clinton, die Präsidentin der USA werden möchte, kann sich auf die Hilfe ihres Mannes, einen ehemaligen Präsidenten, verlassen.

Cristina Fernández lernte den linken Studentenführer Néstor Kirchner Anfang der siebziger Jahre an der Universität kennen, 1976 heirateten sie. Beide haben Jura studiert und arbeiteten als Anwälte. Ihr Mann wurde Bürgermeister von Rio Gallegos, später Gouverneur von Santa Cruz. Cristina zog in den Kongress ein - zunächst als Abgeordnete, 2001 als Senatorin. Im Mai 2003 wurde Néstor Kirchner Präsident von Argentinien, im Jahr 2005 wurde Cristina Senatorin in Buenos Aires, der bevölkerungsstärksten Provinz Argentiniens.

In Néstor Kirchners Parlament sitzen vor allem enge Vertraute der politischen Großfamilie. Während seiner Amtszeit hat er keine einzige reguläre Kabinettssitzung anberaumt, keine einzige Pressekonferenz abgehalten. Seine Ehefrau wird dies nach einem Wahlsieg wohl ähnlich handhaben. Viele Informationen werden dann auch über die wohl künftige Präsidentin nicht an die Öffentlichkeit dringen.



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