Ariel Scharon Der Polit-Krieger

Andere nennen ihn "Bulldozer", er selbst nennt sich "Krieger". Ariel Scharon, Führer des Likud und alter militärischer Haudegen, hat sich seinen Ruf als Hardliner redlich verdient.

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Ariel Scharon
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Ariel Scharon

In Deutschland schreiben Politiker ihre Biografie, um sich für Vergangenes zu rechtfertigen. In Israel tun sie es, um sich für zukünftige Aufgaben zu empfehlen. Jizchak Rabin schrieb seine Memoiren 1979 und wurde 13 Jahre später Premierminister. Nun empfiehlt sich ein anderer General als Premierminister, dessen Lebenserinnerungen bereits seit elf Jahren gedruckt vorliegen: Ariel Scharon, 72 Jahre, Landwirt.

Diesen Beruf gab Scharon bei der Verwaltung des israelischen Parlaments, der Knesset, an. Tatsächlich besitzt er eine Melonenfarm in der Wüste Negev. Doch den Bauern Scharon zieht es höchstens am Wochenende in das Palmenidyll. Besser bekannt ist Scharons zweiter Wohnsitz: ein Haus im muslimischen Teil der Jerusalemer Altstadt.

Schwer bewachter Provokateur

Hier, hinter einer Stahltür und einer Mauer aus bewaffneten Grenzpolizisten zeigt sich der Chef der Likud-Partei, wenn er Journalisten seinen Anspruch auf das ungeteilte Jerusalem einhämmern will. Oder wenn ihm nach einer seiner berüchtigten Provokationen zumute ist. So wie im September, als er mit seinem Gang auf den Tempelberg, keine 300 Meter entfernt, die zweite Intifada auslöste und aus dem Friedensprozess einen Kriegsprozess machte.

Für ihn ist es selbstverständlich, dass Juden auch im arabischen Teil der Stadt leben dürfen, denn Jerusalem ist für ihn und seine Anhänger die "ewige Hauptstadt" Israels. Grundsätzlich denken auch die Anhänger des Friedenslagers so, in der Praxis sind sie aber bereit, Ost-Jerusalem und die Heiligen muslimischen Stätten in der Altstadt unter palästinensische Verwaltung zu stellen.

Scharon würde den Palästinensern freiwillig keinen Zentimeter Land überlassen. Seine kompromisslose Art hat ihm den Titel "Bulldozer" eingebracht. Er selbst nennt sich, so der Titel seiner Memoiren: "Warrior" - Krieger.

Seit der Staatsgründung keinen Krieg verpasst

Schon als Kind lernte er von seinem Vater den Umgang mit Waffen. 1928 geboren in einem Gemeinschaftsdorf bei Tel Aviv, trat er als Jugendlicher der zionistischen Verteidigungsarmee "Haganah" bei, aus der später die israelische Armee wurde. Scharon machte schnell Karriere: Mit 21 wurde er Kompaniechef, mit 34 kommandierte er eine Panzerbrigade.

Scharon hat seit Gründung des Staates Israel keinen Krieg verpasst. Im Suezkrieg 1956 eroberte er den strategisch wichtigen Mitla-Pass, im Sechstagekrieg überrollte seine Brigade den ägyptischen Sinai mit seinen Panzern und im Jom-Kippur-Krieg 1973 wagte er gar die Überquerung des Suezkanals. Diese Aktion brachte ihm den Titel "Ariel, König von Israel" ein.

Der ägyptische Premier Anwar el-Sadat sagte bei seinem denkwürdigen Besuch in Israel: "Ich hatte gehofft, Sie westlich des Kanals zu fangen", worauf Scharon entgegnete: "Und ich bin froh, Sie hier empfangen zu können." Da war Scharon bereits Abgeordneter der Likud-Partei, die er zusammen mit seinem politischen Mentor Menachem Begin gegründet hatte. Der Premier nannte ihn gerne "Mon General".

Keinen Sinn für Fraktionsdisziplin

Fraktionsdisziplin und Parlamentsbetrieb schmeckten dem Haudegen Scharon nicht sonderlich. Mal gründete er eine Splitterpartei, mal zog er sich auf seine Ranch zurück. Doch immer, wenn es um die Verteidigung Israels ging, war Scharon zur Stelle. Ob als Siedlungsbau- oder Verteidigungsminister.

Allerdings kam der Krieger fortan nicht immer ungeschoren davon. Als er 1982 den umstrittenen Einmarsch im Libanon befahl, richteten libanesische Christen unter den Augen der israelischen Militärs ein Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila an. Eine Untersuchungskommission wies ihm "Mitverantwortung" nach; im Februar 1983 musste er als Verteidigungsminister zurücktreten.

Trotzdem bot die Partei ihm immer wieder politische Posten an. Nur Premierminister Benjamin Netanjahu scheute den Rivalen stets und bot ihm zunächst keinen Posten an. Der weitaus jüngere Netanjahu war Scharon immer einen Posten voraus. Das Amt des Außenministers überließ der Premier erst gegen Ende seiner Regierungszeit dem Politveteranen Scharon. Auch den Parteivorsitz ergatterte Scharon erst, als Netanjahu vom Volk abgewählt worden war.

Für den Wahlkampf frisst er Kreide

Auch bei der diesjährigen Wahl wollte eigentlich Netanjahu kandidieren. Doch als das Parlament sich gegen seinen Willen nicht auflöste, zog Netanjahu zurück und überließ Scharon das Feld.

Unter dem Druck schlechter Umfrageergebnisse frisst Scharon nun Kreide und präsentiert sich als Friedensengel. "Nur Scharon wird Frieden bringen", steht auf den Stickern, die überall auf den israelischen Autos kleben. Damit will er die unentschiedenen Wähler der politischen Mitte für sich gewinnen.

Über die Medien verbreitete er einen Brief, den er Palästinenserpräsident Jassir Arafat zum Ausklang des islamischen Fastenmonats Ramadan schrieb. Darin sprach er sich für einen baldigen Frieden aus - eine Nebelbombe. Sein wahres Gesicht zeigte Scharon bei einer Verhandlungsrunde in den Vereinigten Staaten. Er verweigerte Arafat den Handschlag.



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