Armenien "Es besteht Kriegsgefahr"

2. Teil: Armenien lehnt Sanktionen gegen Iran ab


SPIEGEL ONLINE: Können Sie im Konfliktfall einen armenischen Präventivschlag in jedem Fall ausschließen?

Kotscharjan: Wir haben nicht die Ansicht, militärische Operationen zu beginnen. Im Falle einer konkret vorbereiteten Aggression aber werden wir alle Entscheidungen treffen, die der Krieg uns diktiert und die unserer Sicherheit dienen.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder kommt es an der Frontlinie zwischen Berg-Karabach und Aserbaidschan zu Gefechten mit Toten und Schwerverletzten. Könnten Friedenstruppen eine Hilfe sein, russische oder andere?

Kotscharjan: Unsere Lösungsvorschläge für Karabach sind mit der Anerkennung der Republik und mit Sicherheitsgarantien verbunden. Sie sehen eine Präsenz von Friedenstruppen vor. Das sollte eine internationale Truppe sein, deren Soldaten nicht nur aus einem Land kommen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Grenzen mit Aserbaidschan und der Türkei sind geschlossen. Wer könnte Ihnen eher helfen, das Problem zu lösen, Russland oder die Vereinigten Staaten?

Kotscharjan: Ich denke, weder Russland noch die USA können uns da helfen. Wir haben schwierige Beziehungen zur Türkei, erschwert durch Tatsachen unserer gemeinsamen Geschichte. Das Vernünftigste sind direkte Kontakte. Aber da gibt es noch kein Licht am Ende des Tunnels.

SPIEGEL ONLINE: Ihrem Nachbarn Iran drohen verschärfte Wirtschaftssanktionen wegen des Atomprogramms. Fast ein Drittel Ihres Handels wickeln Sie mit Iran ab. Sind Sie gegen Sanktionen, weil dies ihrer Wirtschaft schaden würde?

Kotscharjan: Wir sind gegen Sanktionen, weil sie nicht nur uns schaden würden. Ich glaube nicht, dass Sanktionen einen Weg zur Lösung bieten. Die iranische Führung ist überzeugt, dass sie sich im Rahmen der internationalen Verpflichtungen bewegt. Bei Kontakten erklären die iranischen Führer, dass das Atomprogramm Irans keine militärischen Ziele verfolge. Der Westen ist vom Gegenteil überzeugt. Wenn Iran sich unter Druck gesetzt und ungerecht behandelt fühlt, wenn sich bei den Iranern das Gefühl verfestigt, dass der Westen mit zweierlei Maß misst, dann werden die Iraner zu der Überzeugung kommen, dass man für eine gute Sache auch Leiden auf sich nehmen muss. Ich habe den Eindruck, dass verschärfte Sanktionen die Lage nur weiter eskalieren und verhärten würden. Es ist schwer zu sagen, wo so eine gefährliche negative Dynamik endet.

SPIEGEL ONLINE: Fühlt sich Armenien als unmittelbares Nachbarland Irans nicht bedroht?

Kotscharjan: Wir haben konstruktive Beziehungen zu Iran, die wirtschaftliche Zusammenarbeit entwickelt sich. Da wir mit zwei Nachbarn, Aserbaidschan und der Türkei, bereits ein sehr gespanntes Verhältnis haben, möchte wir es uns nicht mit noch einem Nachbarn verderben. Iran ist ein Land mit einer alten Geschichte und einer tief verwurzelten Staatlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit fast zehn Jahren Präsident, Anfang nächsten Jahres endet Ihre Amtszeit. Was haben Sie erreicht, was bleibt zu tun?

Kotscharjan: Zu den Aktivposten meiner Amtszeit gehören die Wirtschaftsreformen. Wir haben mit den internationalen Finanzinstitutionen gut zusammen gearbeitet. Armenien hat mit zwölf Prozent eine der höchsten Wachstumsraten der nicht Öl exportierenden Länder. Mein Nachfolger muß die Wirtschaftsreformen fortsetzen. Wir brauchen mehr mittelständische Unternehmer und High-tech-Betriebe. Die Regierung muss die soziale Sphäre und das Rentensystem reformieren. Wir haben zwar weniger Armut als noch vor ein paar Jahren, aber im sozialen Sektor bleibt noch viel zu tun. Unsere Sicherheitskräfte sind gut organisiert. Das bleibt auch für die Zukunft wichtig, vor dem Hintergrund unserer schwierigen Geschichte haben unsere Bürger ein besonderes Schutzbedürfnis.

SPIEGEL ONLINE: Die Sicherheitskräfte und die Armee hat vor allem der langjährige Verteidigungsminister und jetzige Premierminister Sersch Sarkissjan reorganisiert. Er gilt als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat. Hat er Ihre Unterstützung?

Kotscharjan: Ja. Ich unterstütze ihn ohne Zweifel. Ich kenne ihn aus langer Zusammenarbeit. Dass die Armee von allen staatlichen Institutionen das höchste Vertrauen genießt, ist vor allem sein Verdienst.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich langfristig eine Mitgliedschaft Armeniens in der Europäischen Union vorstellen?

Kotscharjan: Wir sind Realisten. In der nächsten Zeit haben wir nicht das Ziel, der EU beizutreten. Vor den Türen der EU steht ja schon eine lange Schlange. Ich denke, die Europäische Union braucht eine Atempause. Aber wir werden alles tun, um die Zusammenarbeit mit der EU auf ein höheres Niveau zu heben.

Das Interview führte Uwe Klußmann in Eriwan



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.