Selektive Abtreibung Kampf um Armeniens Mädchen

In Armenien werden so viele weibliche Föten abgetrieben wie in kaum einem anderen Land. Ein Sohn zählt oft mehr als eine Tochter. Frauen werden gedrängt, ihre Schwangerschaften abzubrechen - auch mit illegalen Mitteln.
Aus Armenien berichtet Luisa Willmann
Mädchen in Armeniens Hauptstadt Eriwan: In vielen Familien zählen Töchter weniger als Söhne

Mädchen in Armeniens Hauptstadt Eriwan: In vielen Familien zählen Töchter weniger als Söhne

Foto: Maja Hitij/ Getty Images

Wird es ein Mädchen oder ein Junge? Die Antwort auf diese Frage entscheidet in Armenien oft über Leben und Tod. Jedes Jahr werden in dem Land 1400 Mädchen nicht geboren. Die Föten werden abgetrieben, weil sie weiblich sind.

Selektive Abtreibung heißt das. Armenien, ein Land mit drei Millionen Einwohnern, hat eine der höchsten Raten der Welt.

Eine große Rolle spielt dabei der verbreitete Glaube, dass Söhne wertvoll und Töchter ein Verlustgeschäft seien. "Selektive Abtreibung hängt mit der Kultur zusammen. Söhne sollen den Fortbestand der Abstammungslinie gewährleisten, das Familienerbe weiterführen und sich um die Familie kümmern", sagt Narine Beglaryan. Sie arbeitet für den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) in der armenischen Hauptstadt Eriwan. "Die Töchter ziehen später meist zur Familie ihres Ehemannes."

Verhältnis von Jungen und Mädchen aus dem Gleichgewicht

Früher mussten Familien abwarten, ob ein Junge oder ein Mädchen geboren würde. Dann kam der technologische Fortschritt. Seit Mitte der Neunzigerjahre gibt es Ultraschallgeräte in Armenien. Seitdem lässt sich das Geschlecht, zumindest mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit, schon in der 12. Schwangerschaftswoche feststellen. In der 14. Woche ist es meist eindeutig sichtbar.

Seitdem sinkt die Zahl weiblicher Geburten. Ab dem Jahr 2000 geriet die Geschlechterverteilung dann akut aus dem Gleichgewicht. In dem Jahr kamen auf 120 geborene Jungen nur 100 Mädchen. Gleichzeitig werden in Armenien insgesamt weniger Kinder geboren. Bekam eine Frau in den Sechzigerjahren im Schnitt mehr als vier Kinder, bekommt sie heute nicht einmal zwei.

"In Armenien machen meist Schwiegermütter den Schwangeren Druck, einen Jungen zu gebären, oder die Ehemänner. Oft ist es auch die Entscheidung der Frau, weil sie ihren Mann beschenken möchte", sagt Karine Saribekyan. Sie leitet die Abteilung "Gesundheit von Mutter und Kind", die zum Gesundheitsministerium gehört.

Beim zweiten und dritten Kind sei der Druck besonders groß, einen Jungen zu bekommen. (Lesen Sie hier das Protokoll einer Armenierin, deren Familie sie drängte, ihre Schwangerschaft abzubrechen.)

"Zehn bis 15 Abtreibungen pro Frau waren normal"

Überhaupt haben Abtreibungen in der Region eine lange Tradition: In der Sowjetunion waren sie ein Element der Familienplanung, eine Art Verhütungsmethode. Zehn bis fünfzehn Abtreibungen pro Frau seien Normalität gewesen, sagt Saribekyan. Das wirkt bis heute nach: Eine Studie der UNFPA  aus dem Jahr 2016 zeigt, dass fast die Hälfte der Armenierinnen, die jemals einen Partner hatten, schon einmal eine Schwangerschaft abgebrochen haben.

Seit 2016 sind Abtreibungen nach der 12. Schwangerschaftswoche in Armenien illegal. Treibt eine Frau davor ab, muss sie zunächst zu einem Beratungsgespräch und danach eine dreitägige Bedenkzeit einhalten. Die selektive Abtreibungsrate verringert sich dennoch nur langsam: Im Jahr 2017 wurden 111 Jungen und 100 Mädchen geboren.

Kinder spielen in Armeniens Hauptstadt Eriwan (Archivbild)

Kinder spielen in Armeniens Hauptstadt Eriwan (Archivbild)

Foto: Maja Hitij/ Getty Images

"Viele Frauen warten ab, bis sie das Geschlecht der Kinder auf dem Ultraschall sehen; dann fälschen Ärzte Dokumente und treiben selbst nach der gesetzlichen Frist noch ab", sagt eine Frauenärztin aus Gegharunik, die anonym bleiben möchte.

Die Frauenärztin trieb in den Neunzigerjahren selbst weibliche Föten ab. Heute führt sie keine Schwangerschaftsabbrüche nach der 12. Woche mehr durch. Sie sorgt sich um die Gesundheit der Frauen, sah Kopf und Hände von vier Monate alten Föten, konnte es irgendwann nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren, erzählt sie.

Viele Frauen versuchen, die Schwangerschaften mit eigenen Mitteln zu beenden. Unter anderem mit dem Medikament Cytotec. 1985 brachte es der Pharmakonzern Pfizer auf den Markt. Eigentlich wird es gegen Magengeschwüre und bei der Geburtshilfe eingesetzt, doch der Wirkstoff kann auch zu langanhaltenden und unkontrollierten Wehen - und letztlich zu einer Fehlgeburt führen.

Auch wenn Cytotec lange weltweit in der Gynäkologie eingesetzt wurde, hatte der Konzern dafür nie eine Zulassung beantragt. Seit Januar 2006 vertreibt Pfitzer es in Deutschland nicht mehr. In anderen Ländern ist das Medikament aber noch immer erhältlich, in Armenien koste es weniger als vier Euro, sagt eine Expertin des Women's Resource Center in Armenien.

Aktivistin Lara Aharonian

Aktivistin Lara Aharonian

Foto: Luisa Willmann

Die in Armenien bekannte und von konservativen Kräften häufig angegriffene Menschenrechtsaktivistin Lara Aharonian kritisiert das neue Gesetz, das Abtreibungen nach der 12. Woche verbietet. "Es greift Ärzte an und schafft Hürden für Frauen", sagt sie. Feministinnen wie sie warnen davor, dass Abtreibung per se stigmatisiert wird.

Aharonian ist generell nicht gegen Abtreibung, egal welchen Geschlechts. Sie will vielmehr rückwärtsgewandte Rollenbilder bekämpfen und die Stellung der Frau in der Gesellschaft stärken. Denn die Selektion von weiblichen Föten sei ein Merkmal von Geschlechterungleichheit. Für sie ist klar: Es geht bei dem Thema nicht nur um Gesundheit, sondern um Aufklärung. Die Regierung solle, findet Aharonian, das Thema in den Bildungssektor verlagern.

Irina Hovhannisyan kämpft in der Provinz Gegharkunik gegen Abtreibung

Irina Hovhannisyan kämpft in der Provinz Gegharkunik gegen Abtreibung

Foto: Luisa Willmann

125 Kilometer von Eriwan entfernt, im Osten des Landes, kämpft Irina Hovhannisyan gegen selektive Abtreibung. Hier, in der Provinz Gegharkunik, geschehen vergleichsweise viele dieser Abbrüche. Hovhannisyan möchte mit einem Puppentheater das ernste Thema vermitteln und aufklären. Nach der Aufführung diskutieren die Zuschauerinnen. Hovhannisyan zeigt ein Plakat; darauf ist Adam zu sehen. "Was wäre Adam ohne Eva?", fragt sie und greift nach dem nächsten Plakat.

2060 sei ein kritisches Jahr, denn wenn die Entwicklung so weitergehe, könnte das akute Folgen für die Demografie des Landes haben. Dann könnte es bis 2060 einen großen Mangel an Mädchen geben. Hovhannisyan denkt darüber nach, bei der nächsten Theateraufführung einen Pfarrer einzuladen. Sie will über ihn jene Frauen erreichen, die oft in der Kirche und eher konservativ sind, Frauen, die einen Mann um Rat fragen möchten.

Ein Puppentheater soll im Kampf gegen selektive Abtreibung helfen

Ein Puppentheater soll im Kampf gegen selektive Abtreibung helfen

Foto: Luisa Willmann

Das sehen Aktivistinnen wie Lara Ahoranian kritisch. "Es ist gefährlich, Geistliche in den Dialog einzuladen, denn sie sind generell gegen Abtreibung", sagt sie. Außerdem würden einige Kampagnen Stereotype beinhalten und damit Frauen wieder in eine bestimmte Rolle pressen. Doch Ahoranian hat Hoffnung.

Im April 2018 war sie mit einer feministischen Gruppe Teil von Armeniens "samtener Revolution", an deren Ende die korrupte Regierung von Premier Sersch Sargsjan vom Hof gejagt wurde. Nun ist der ehemalige Journalist Nikol Pashinjan Ministerpräsident. Aharonian möchte die neue Regierung daran erinnern, dass zu den gesellschaftlichen Reformen, die sie versprach, auch die Rechte der Frauen zählen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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