Armenier in Palästina Eine Geschichte ohne Ende

90 Jahren nach dem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich leben heute etwa 5000 Mitglieder des Volkes im historischen Palästina. In Jerusalem sind es nur 2000. Sie sprechen viele Sprachen, fallen nicht auf und bleiben am liebsten unter sich, denn die blutige Geschichte ihres Volkes ist nicht vergessen.
Von Henryk M. Broder

Jerusalem - Beatrice Kaplanian kann nicht genau sagen, in welchem Jahr und an welchem Tag sie geboren wurde, weil alle Familienpapiere verloren gegangen sind. Aber sie erinnert sich, dass sie "neun oder zehn Jahre" alt war, als eines Abends der Ausrufer von Nevshehir die amtliche Anordnung verkündete, alle Armenier sollten am folgenden Tag die Stadt verlassen.

Da ihre Eltern nicht wussten, wohin sie gehen würden, packten sie einen Esel voll mit beweglichem Hausrat, nahmen ihre drei Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen, an die Hand und reihten sich, wie befohlen, in "eine lange Karawane" ein. "Es waren Tausende von Menschen."

Nach ein paar Tagen war das Brot, das die Eltern mitgenommen hatten, aufgegessen und das Wasser ausgetrunken. "Die Türken haben uns nichts gegeben, obwohl wir sie angefleht haben." Als erster starb der Vater, irgendwo in der Gegend von Katma, an Erschöpfung. "Wir ließen die Toten einfach liegen, es war nicht möglich, sie zu begraben, es waren zu viele." Familien wurden auseinander gerissen, Kinder irrten umher. "Wir dursteten am Tag und froren in der Nacht."

Nach ein paar Tagen merkten die Armenier, dass sie in Kreisen geführt wurden, dass sie auf einem Marsch in den Tod durch Entkräftung waren. Wie es kam, dass sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder schließlich doch in Aleppo ankam, weiß sie nicht mehr. Nur dass sie eines Tages von "Türken in Uniform" abgeholt, in die Stadt Gazi-Aintab gebracht und bei einer türkischen Familie abgegeben wurde.

"Ich war ihr Hausmädchen, aber sie haben mich gut behandelt." Sie weiß auch nicht, was mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern geschah. "Ich habe sie nie wieder gesehen." Dass der Krieg vorbei war, merkte sie erst, als sie von englischen Ärzten in ein Kinderheim nach Amman gebracht wurde. "Das waren gute Menschen." Wann sie nach Jerusalem gekommen ist? "Das ist ganz lange her!" Ihr einziger Sohn, der so wie ihr Vater Garabed heißt, kam 1934 in Jerusalem zur Welt. So steht es in seinem Personalausweis.

Vorlage für die "Endlösung der Judenfrage"

Beatrice Kaplanian, eine der letzten Überlebenden des Völkermords an den Armeniern im Jahre 1915, ist eine zerbrechliche kleine Frau, die nicht mehr lange leben wird. Sehr bald wird es überhaupt keine Zeugen mehr für den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts geben, der Hitler als Vorlage für die "Endlösung der Judenfrage" gedient hat.

"Auf ihre Weise waren die Türken erfolgreicher als die Deutschen", sagt George Hintlian, armenischer Soziologe und Historiker, der seit vielen Jahren Dokumente sammelt und Überlebende und deren Nachkommen interviewt. Hintlian, 1945 in Jerusalem geboren, ist Sohn armenischer Flüchtlinge, die sich 1933 in Palästina kennen gelernt haben. Er hat an der American University in Beirut studiert und spricht und schreibt in sechs Sprachen: Außer Armenisch auch Arabisch, Englisch, Französisch, Hebräisch und - Türkisch. "Wir Armenier sind die Bewahrer der alten türkischen Kultur, ungefähr so wie die deutschen Juden, die ihre deutsche Kultur ins Exil mitgenommen und gepflegt haben."

Hintlian hat acht Bücher geschrieben, sein neuntes, das demnächst erscheint, heißt "The Great War In Palestine" und behandelt die Zeit von 1914 bis 1918 - den Zusammenbruch des osmanischen Reiches und den Beginn des britischen Mandats an der Schnittstelle von Europa und Asien. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in der Region etwa zwei Millionen Armenier, danach noch eine halbe Million. Sowohl Hintlians Vater wie seine Mutter überlebten als Kinder die Todesmärsche, aus der Familie des Vaters kamen nur 4 von 25 mit dem Leben davon, die Familie der Mutter hatte mehr Glück. "Die meisten konnten sich retten." Er selbst lebt mit einer "Geschichte ohne Ende", so lange die Türken leugnen, was sie getan haben, können die Armenier keine Ruhe geben und finden. "Erst werden drei Viertel des armenischen Volkes ermordet, Tausende von Architekturdenkmälern und Kunstobjekten werden zerstört, und dann sagen sie: Es ist nie passiert. Die Armenier lügen."

Ein Schuldbekenntnis der Türken ist unwahrscheinlich

Wenn die Türken ein öffentliches Schuldbekenntnis ablegen und die Armenier um Vergebung bitten würden, wäre das "ein symbolischer Grabstein für die Ermordeten, eine emotionale Entlastung". Aber auch er weiß: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dies jemals passieren wird. Hintlian, der an vielen Konferenzen und Tagungen teilnimmt, trifft immer wieder türkische Akademiker, Journalisten, Wissenschaftler, "gebildete, kluge, aufgeklärte Menschen". Nur wenn die Rede auf die Armenier kommt, hören die Freundlichkeiten sofort auf, wobei es keine Rolle spielt, "ob es Rechte oder Linke, Konservative oder Liberale" sind. Und das macht den großen Unterschied in der Geschichte der Armenier und der Juden aus, die so viele erstaunliche Parallelen aufweist. Während in Deutschland nur ein paar Revisionisten den Holocaust leugnen, hat der Völkermord an den Armeniern für die Türken nie stattgefunden.

"Und das ist nicht nur die offizielle Politik der türkischen Regierungen, sondern auch die Überzeugung der meisten Intellektuellen, das Programm der Medien und der Glaube der einfachen Leute." Und während die Juden "moralisch gestärkt aus dem Holocaust hervorgekommen sind" und die Völkerfamilie ihr Recht auf einen eigenen Staat anerkannt hat, mussten die Armenier bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion warten, bis ein unabhängiges Armenien ausgerufen werden konnte. Etwa acht Millionen Armenier gibt es in der Welt, weniger als die Hälfte von ihnen lebt in Armenien. Hintlians Familie hat sich über sieben Länder verteilt: Kanada, USA, Australien, Frankreich, England, Ägypten und Libanon. Und ohne die moralische, politische und finanzielle Unterstützung der armenischen Diaspora wäre die armenische Republik nicht lebensfähig - auch dies eine Parallele zu den Juden und Israel, zumindest am Anfang des jüdischen Staates.

Die armenische Gemeinde im Heiligen Land ist eine der kleinsten. Ende der vierziger Jahre lebten etwa 15.000 Armenier in ganz Palästina, heute sind es keine 5000. Die meisten sind emigriert, aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch um in den Konflikt zwischen den Israelis und den Arabern nicht hineingezogen zu werden. In Jerusalem wohnen etwa 2000 Armenier, 1500 von ihnen im "Armenian Compound", dem kleinsten der vier ethnischen Viertel der Altstadt. Man kann es nur durch ein Tor betreten, das um zehn Uhr abends geschlossen wird. Besucher sind, außer in der Jakobus-Kathedrale, nicht gern gesehen, sie würden nur die Ruhe stören. Es gibt im armenischen Viertel keine Cafés, keine Geschäfte, keine Touristenfallen und so etwas wie ein Straßenleben nur an den armenischen Feiertagen. Jeder kennt jeden, und die Armenier machen kein Geheimnis daraus, dass sie gern unter sich bleiben. Im Zuge der Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion sind einige tausend ethnische Armenier nach Israel gekommen, aber sie gehören nicht zur Gemeinde. "Mehr-oder-weniger-Armenier" nennt sie George Hintlian, denn sie sind mit Nicht-Armeniern verheiratet oder anders "assimiliert".

Lesen Sie im zweiten Teil der Reportage die Geschichte der Armenier in Jerusalem

Und "Assimilation", das ist Genozid ohne Blutvergießen. "Über 50 Prozent der Armenier sind inzwischen assimiliert", sagt Hintlian. "In 20 bis 30 Jahren werden es 80 Prozent sein, das ist auch eine Folge der Erfahrung von 1915 - wir vermischen uns, um nicht aufzufallen." Die Assimilation könnte aufgehalten oder wenigstens verlangsamt werden, wenn sich Armenien zu einem "kulturellen und geistigen Zentrum des armenischen Volkes" entwickelt, wohin junge Armenier aus aller Welt kommen, um ihre eigene Kultur zu lernen. Hintlian selbst war schon viermal im Land seiner Vorfahren, zuletzt im Oktober 2004, aber leben möchte er dort nicht.

Kein Handy, keine E-Mail

"Ich bin kein Diaspora-Armenier, ich kann in Jerusalem frei und ungestört leben." Er sagt: Jerusalem, nicht Israel oder Palästina. Er hat kein Handy und keine E-Mail-Adresse, und wer ihn erreichen will, muss es am späten Abend, am besten zwischen 22 und 24 Uhr, telefonisch versuchen. Wenn Hintlian Gäste empfängt, dann nicht bei sich zu Hause, sondern in einem winzigen Café am Jaffa-Tor ("Henry's Coffee Shop"), das einem Armenier gehört. Denn die drei "Clubs", die es im armenischen "Compound" gibt, sind nur für die Bewohner des Viertels da. Die "Armenian Young Men Society" steht der liberalen Partei (Ramgabar) nahe, das "Armenian Sports Committee" tendiert zur konservativen Partei (Tashnak), nur die JABU (Jerusalem Armenian Benevolent Union), 1925 gegründet, ist politisch unabhängig.

Im Vorstand der JABU sitzt auch Aram Khatchatourian, der ein wenig stolz darauf ist, dass er genauso heißt wie der berühmte Komponist, mit dem er freilich nicht verwandt ist. Auch der Vater seines Vaters hieß so, er kam 1906 aus Istanbul nach Jerusalem, während der Großvater seiner Mutter schon Mitte des 19. Jahrhunderts aus Persien eingewandert war.

Aram Khatschatourian der Ältere hatte an der italienischen Kunstakademie in Istanbul studiert, im Wohnzimmer seines Enkels hängen noch immer einige seiner Arbeiten: Ein Bild der Schauspielerin Sarah Bernhardt als Napoleon Bonaparte, ein Porträt des britischen Kriegshelden Lord Kitchener, und dazwischen die "Clermont", das erste amerikanische Dampfschiff, 1807 von Robert Fulton gebaut. Die Gemälde sind künstlerisch eher konservativ und bieder, aber sie zeugen von einem enormen Interesse an der Welt jenseits des armenischen Viertels von Jerusalem.

Aram Khatchatourian der Jüngere, 1959 geboren, ging nach dem Abitur nach Jerewan, um an der Universität von Armenien Geschichte und Archäologie zu studieren. Dabei lernte er nebenbei auch Russisch, seinen M.A. machte er mit einer Arbeit über "Klassische Archäologie in Jordanien". 1982 kehrte er nach Jerusalem zurück, unterrichtete als Lehrer an der armenischen Schule, gab Kurse an der palästinensischen Universität in Bir Zeit bei Ramalla und am Jerusalem Institut für Biblische Studien.

1993 bekam er eine Lizenz als "Tourguide für ganz Israel", doch seit die Touristen wegen der Intifada daheim bleiben, bringt er Studenten am Armenischen Seminar das Alte und das Neue Testament bei. Es sind genau 37 junge Männer, die Priester werden wollen. Aram aber hofft auf den Frieden im Nahen Osten, weil er wieder als Fremdenführer arbeiten möchte, denn dabei kann er mehr verdienen.

Inzwischen ist er verheiratet und hat drei Kinder, die Familie lebt in einem Drei-Zimmer-Gewölbe im armenischen Viertel, zusammen mit Arams 90-jähriger Mutter Serpouhi. Seine Frau Elvira hat er in Varna am Schwarzen Meer kennen gelernt, sie hat immer noch einen bulgarischen Paß. Eine Nicht-Armenierin als Frau wäre für ihn nicht in Frage gekommen, das hätte seine Mutter nie akzeptiert. Zu Hause werden fünf Sprachen gesprochen, Armenisch, Arabisch, Bulgarisch, Hebräisch und Russisch, ansonsten ist das tägliche Leben vollkommen unspektakulär.

"Wir arbeiten, wir lernen, wir feiern unsere Feste." Ab und zu trifft Aram seinen Freund und Cousin Kevork Genevisian, der allein am Jaffa-Tor wohnt. Er hat nie geheiratet, weil er eigentlich Priester werden wollte, "das hat aber nicht geklappt". Dafür hat er 42 Jahre in einer der ältesten Druckereien des Nahen Ostens als Setzer gearbeitet, in der "St. James Armenian Printing Press", die 1833 gegründet und 1993 geschlossen wurde.

"Das kann nur Gott entscheiden"

Kevork, 1932 in Jerusalem geboren, hat die Stadt nur dreimal in seinem Leben verlassen. Einmal nach Italien, einmal nach Lourdes in Frankreich und zuletzt im Jahre 2001 nach Armenien, zur 1700-Jahr-Feier der armenischen Kirche. Obwohl er nicht mehr arbeitet, hat er wenig Zeit. Er schreibt - vor allem über armenische Geschichte und Kultur. Sein letztes Buch, das Anfang 2005 erschienen ist, enthält 77 Texte. Da geht es um "Schöpfer und Geschöpfe", die "Armenische Kirche als Bewahrerin des armenischen Glaubens", das "Christentum als eine Religion des Kampfes".

Außerdem redigiert er seit Jahren einen armenischen Taschenkalender, der neben den armenischen Feiertagen auch alle christlichen, jüdischen und muslimischen Feste auflistet. Es ist sein Beitrag zum Frieden zwischen den Konfessionen. Am 24. April werden sich die Armenier in aller Welt zum Gedenken an die Opfer ihrer Shoah versammeln. In Jerusalem wird es wie jedes Jahr ein Requiem in der Jakobus-Kathedrale und ein Gebet auf dem armenischen Friedhof geben. Neunzig Jahre sind seit dem Völkermord vergangen, aber die Erinnerung und die Angst wollen nicht vergehen. Denn es geht nicht nur darum, was gestern passiert ist, sondern auch, was morgen wieder passieren könnte.

"Die Türken haben uns schon gewarnt", sagt George Hintlian, Anfang der neunziger Jahre habe der ehemalige türkische Ministerpräsident Turgut Özal geunkt, die Armenier sollten nicht vergessen, was 1915 passiert sei. "Es war das einzige Mal, dass ein türkischer Politiker zugegeben hat, daß überhaupt etwas passiert ist, wenn auch nur indirekt."

Die Türken werden sich hüten, Armenien anzugreifen. Aber ihre Verbündeten in Aserbeidschan könnten es stellvertretend für sie tun. "Wir haben uns um Armenien weniger Sorgen gemacht, als das Land noch eine sowjetische Republik war." Auf die Frage, ob und wie man die Türken zur Verantwortung ziehen sollte, was sie den Armeniern angetan haben, sagt die hundertjährige Beatrice Kaplanian: "Das kann nur Gott entscheiden."

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