Interview mit Uni-Gründer Patrick Awuah So werden Afrikas Führungskräfte von morgen ausgebildet

Auf der Uno-Weltbevölkerungskonferenz wird über die hohen Geburtenraten Afrikas diskutiert. Bildung gilt als ein wesentlicher Schlüssel. Warum es jedoch nicht nur Schulen braucht, sondern vor allem Eliten, erklärt Uni-Gründer Patrick Awuah.

Die Ashesi Universität in Ghana zählt zu den renommiertesten Hochschulen Afrikas
Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Die Ashesi Universität in Ghana zählt zu den renommiertesten Hochschulen Afrikas

Ein Interview von , Accra, Ghana


Bei der Uno-Konferenz in der kenianischen Hauptstadt Nairobi wird in diesen Tagen diskutiert, wie sich das Wachstum der Weltbevölkerung begrenzen lässt. Vor allem geht es dabei um die globale Stärkung der Frauenrechte, um Armut, Gesundheitsversorgung und Bildung.

Und immer wieder geht es um Afrika, wo weltweit die meisten Kinder pro Familie zur Welt kommen. Wo in den Subsahara-Staaten ein Fünftel der Kinder zwischen sechs und elf Jahren und ein Drittel der Zwölf- bis 14-Jährigen nicht zur Schule geht und schon gar nicht studieren wird. Wie kann das anders werden? Wie kann Afrika gestärkt werden, auch, um die Welt zu stärken? (Lesen Sie hier unser großes Datenstück über die globale Bevölkerungsentwicklung und häufige Irrtümer.)

Gut 6000 Kilometer entfernt von Nairobi, vor den Toren Accras in Ghana, führt eine holprige Straße mit knietiefen Schlaglöchern einen Berg hinauf. Oben ist eine Universität. 43 Minuten dauert es allerdings, bis die wirklich zu sehen ist.

Seit es Studentenwohnheime auf dem Campus gibt, hat sich die Zahl der Studentinnen erhöht
Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Seit es Studentenwohnheime auf dem Campus gibt, hat sich die Zahl der Studentinnen erhöht

Hinter einem geschmiedeten Tor mit drei Wachmännern davor stehen die hellen, niedrigen Häuser der Uni, eingebettet in die grüne Landschaft. Von hier oben sieht die ghanaische Hauptstadt Accra flach und riesig aus, kein Lärm ist zu hören, kein Gestank zu riechen.

Kann man hier über die Zukunft des Kontinents nachdenken?

Es ist zumindest ausdrücklich erwünscht. Die Ashesi Universität will zukünftige Führungspersönlichkeiten ausbilden, die genau das tun. Hier gehen die hin, die erfolgreiche Unternehmer werden wollen, Richter oder Präsidenten.

Darunter auch viele, die sich das sonst nicht leisten könnten: Die Hälfte der mehr als 2000 Studierenden und Absolventen aus 28 Ländern werden finanziell über einen Stipendiumstopf der Universität unterstützt. Zurückgezahlt werden muss nichts.

Die Hälfte der Studierenden an der Ashesi Universität ist weiblich
Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Die Hälfte der Studierenden an der Ashesi Universität ist weiblich

Das ist nicht nur in Ghana ungewöhnlich. Genau wie die Studentenschaft, die zur Hälfte aus Frauen und zur Hälfte aus Männern besteht. Die hier in Kursen lernt, nicht nur zu lernen, sondern eigenständig zu denken. Die sich entschieden hat, dass ihr so weit zu vertrauen ist, dass bei den Klausuren kein Professor anwesend sein muss. Die Studentinnen und Studenten schummeln nicht. Wenn es doch einer versucht, gibt es Ärger mit den Kommilitonen.

Der vielfach ausgezeichnete Uni-Gründer Patrick Awuah, der sich das alles ausgedacht hat, sitzt in seinem Büro. Er sieht nicht aus wie eine typische Führungspersönlichkeit. Ein schmaler Mann mit feinen Zügen und einer sanften Stimme, der sich beim Reden Zeit nimmt.

Zur Person
  • Anne Backhaus/ DER SPIEGEL
    Patrick Awuah Jr., geboren 1965 in Ghana, ist Gründer und Leiter der Ashesi Universität. Die private Hochschule in Accra gilt als besonders innovativ und hat sich innerhalb weniger Jahre zu einer der renommiertesten des afrikanischen Kontinents entwickelt. Awuah hat in den USA studiert und arbeitete bei Microsoft. Er kündigte seinen Job, um nach Ghana zurückzukehren und im März 2002 Ashesi zu eröffnen. Seitdem wurde er für seinen neuen Bildungsansatz mehrfach ausgezeichnet.

SPIEGEL: Herr Awuah, Ihre Universität gehört zu den besten Afrikas. Sie legen Wert darauf, die Führungskräfte von morgen auszubilden. Warum sind die wichtig?

Patrick Awuah: Wenn Sie sich heute im Klassenraum einer Hochschule umsehen, dann erblicken Sie das Afrika, das es in 20 Jahren geben wird. Darum müssen wir uns kümmern. Der Grund, warum es viele Probleme gibt, ist nämlich immer der, dass die Verantwortlichen nicht in der Lage sind, sie zu lösen. Oder sie sind korrupt und denken nur an ihre eigenen Gewinne. Wenn man wirklich die Gesellschaft zum Besseren bewegen will, muss man sichergehen, dass ihre Führungskräfte fürsorglich und fähig sind.

SPIEGEL: Was läuft derzeit schief?

Awuah: In diesem Teil der Welt, wie eigentlich überall, sieht man Führungskräfte, die einfach akzeptieren, dass Menschen arm sind. Das sollte nicht so sein. Deswegen müssen wir den Verstand junger Menschen trainieren. Und zwar so, dass sie das große Ganze sehen. Wenige solcher Personen können einen großen Unterschied für ganze Völker bedeuten.

Hier lernen Studierende im ersten Jahr, anders über Probleme nachzudenken
Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Hier lernen Studierende im ersten Jahr, anders über Probleme nachzudenken

SPIEGEL: Ein großes Problem ist das Bevölkerungswachstum. Derzeit findet in Nairobi die Uno-Weltbevölkerungskonferenz statt, bei der unter anderem darüber beraten wird, wie Frauenrechte gestärkt und die Bildung verbessert werden können, um dieses Wachstum zu bremsen. Warum ist es so kompliziert, dafür eine Lösung zu finden?

Awuah: Ich glaube, es geht schon mit einem Denkfehler los: Jedes Kind muss zur Schule.

SPIEGEL: Ist das nicht so?

Awuah: Doch, das ist wichtig. Also wird dieses Ziel beschlossen und man gibt sich 15 Jahre Zeit, bis es umgesetzt ist. Darin liegt jedoch immer eine unausgesprochene Annahme: In der Schule lernt ein Kind. Das muss aber gar nicht stimmen. Wenn Sie ein Kind in eine Schule stecken, wo nicht genug Lehrer sind oder wo es sich nicht wohlfühlt, dann wird dieses Kind nichts lernen. Es geht also nicht einzig darum, Kinder in Klassenräume zu bekommen. Wir müssen vorher ansetzen, kräftig in die Ausbildung von Lehrern und die gesamte Bildungsinfrastruktur investieren.

SPIEGEL: Gleichzeitig ist aber belegt, dass unter anderem die Geburtenrate abnimmt, sobald Frauen besser ausgebildet werden.

Awuah: Ja, ein hoher Bildungsgrad führt zu weniger Kindern. Man darf aber auch da nicht zu kurz denken und muss auf jeden Fall beide Seiten unterrichten, Frauen und Männer. Ein 15-Jähriger, der nicht in der Schule ist, wird eher Mitglied einer Gang oder terroristischen Gruppe.

SPIEGEL: Seit der Eröffnung Ihrer Universität im März 2002 streben Sie ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis an. Erst seit Kurzem haben Sie aber tatsächlich 50 Prozent weibliche und 50 Prozent männliche Studenten. Was war die Schwierigkeit?

Awuah: Das haben wir uns so oft gefragt! Am Anfang waren es nur 25 Prozent Frauen, und das hat mich wirklich gestört. Ich bin also mit meinem Team an viele Schulen gefahren und habe für unsere Studiengänge geworben. Innerhalb von zwei Jahren sind wir so auf einen 35-Prozent-Anteil von Frauen gekommen. So richtig hat es sich aber erst mit den neuen Studentenwohnungen auf unserem Campus verändert.

SPIEGEL: Was haben Studentenunterkünfte mit dem Anteil an Studentinnen zu tun?

Awuah: Wir haben diese Wohnungen eigentlich gebaut, damit die Studenten sich besser auf die Uni konzentrieren können, weil so die viele Zeit auf den schlechten Straßen wegfällt. Plötzlich merkten wir: Auf einmal waren deutlich mehr Familien bereit, ihre Mädchen zu uns zu schicken. Denn durch das Wohnen auf dem Campus müssen sie nicht mehr allein und im unberechenbaren Verkehr unterwegs sein. Seitdem haben wir gleichviele Frauen wie Männer bei uns.

Edel Togobo, 20, Studentin an der Ashesi Universität, will nach ihrem Abschluss ein Unternehmen gründen
Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Edel Togobo, 20, Studentin an der Ashesi Universität, will nach ihrem Abschluss ein Unternehmen gründen

SPIEGEL: Warum ist es generell schwierig, ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in den Schulen Afrikas zu etablieren?

Awuah: Wir waren hier eine Gesellschaft, die kein formales Bildungssystem hatte. Das wurde eingeführt von Missionaren und kolonialen Regierungen. Und was haben die gemacht? Sie gingen zu den Häuptlingen der Dörfer und sagten: Gebt uns eure Jungs, wir schicken sie zur Schule. Es wurde nicht nach den Mädchen gefragt. Dieses Denken müssen wir überwinden. Ghana ist schon fast so weit, aber auch hier hängt es stark von der Region und den lokalen Gegebenheiten ab.

SPIEGEL: Was muss sonst noch geschehen?

Awuah: Wir müssen sicherstellen, dass alle Veränderungen in Afrika von uns gestaltet werden. Nicht von außen. Dafür müssen wir Menschen befähigen, zu denken, zu hinterfragen und gerecht zu lenken. Unser Bildungssystem muss gleichwertig oder besser als im Rest der Welt sein. Das Wertvollste, was wir hier haben, ist der menschliche Intellekt. Es ist kein Gold im Boden und auch kein Öl unterm Meeresgrund.

SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, dass mit einem arroganten Blick auf Afrika geschaut wird?

Awuah: Natürlich. Sobald ein Land weniger Geld und weniger Macht hat als ein anderes, ist da immer dieser Unterton von: Na ja, wir wissen halt auch mehr als du und deshalb solltest du das tun und das lassen.

SPIEGEL: Sie stehen auch mit Ihren Studenten in der Kantine Schlange und nehmen an Faschingsfesten teil. Worin ist Ihr zugewandter Führungsstil begründet?

Awuah: Ich bin in Ghana aufgewachsen und meine erste Erfahrung mit dem Bildungswesen hat mir gezeigt, wie es nicht sein sollte. In meiner ersten Schule wurde ich geschlagen, wenn ich Fehler gemacht habe. Alle Schüler wurden dort geschlagen, sehr oft. Eines Tages hat mich meine Lehrerin so hart mit ihrem Lineal erwischt, dass ich mit einem geschwollenen, blauen Daumen heimgekommen bin. Da haben mich meine Eltern von der Schule genommen, und in der neuen war dann alles anders. Vorher war ich ein sehr schlechter Schüler, dort gehörte ich bald zu den Klassenbesten. Das gleiche Kind, ein komplett anderes Ergebnis. Es ist wichtig, wie man mit Schülern umgeht. Und welche Fragen man sich mit ihnen stellt.

SPIEGEL: Was ist die wichtigste Frage für Sie?

Awuah: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wenn Sie das intellektuell durchdenken und zu dem Schluss kommen, dass eine mit einem hohen Level an Vertrauen und Fürsorge die beste ist, tja, dann werden Sie diese Gesellschaft voranbringen. Lassen Sie uns also darüber nachdenken.

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