Asienreise des US-Präsidenten Obama bekommt Chinas neue Macht zu spüren

So sieht Machtverschiebung aus: Bei seiner Asienreise erfährt Barack Obama, wie Amerikas Einfluss in der Region schwindet. Während der US-Präsident Reden hält, schafft Peking mit Milliardeninvestionen Fakten. Beim G-20-Gipfel kommt Chinas Delegation sogar mit einer diplomatischen Frechheit davon.
Rivalen Obama, Hu (in Seoul): Der eine erzählt Anekdoten, der andere lässt Brücken bauen

Rivalen Obama, Hu (in Seoul): Der eine erzählt Anekdoten, der andere lässt Brücken bauen

Foto: TIM SLOAN/ AFP

Zu seinen liebsten Scherzen zählte er, dass er eigentlich nur die Nummer zwei sei, die Nummer zwei hinter Michelle Obama. Er habe sich hochgeheiratet, sagte er dann, und genoss die wohlwollenden Lacher. Es war ein Scherz, den er sich leisten konnte als Präsident der Vereinigten Staaten, denn damit galt er automatisch als die Nummer eins.

Barack Obama

G-20-Gipfel nach Südkorea

Nun ist unterwegs in Asien, seine zehntägige Reise führt ihn über Indien und Indonesien zum und weiter nach Japan, es ist die längste Reise seiner Amtszeit, direkt nach der verlorenen Zwischenwahl.

Am zweiten Tag der Reise sitzt er in einer der hinteren Reihen in der Holy Name High School in Mumbai, vorne tanzt Michelle, umringt von Zehntklässlern. Selbstvergessen wiegt er sich im Rhythmus der Musik, und sicher denkt er in diesem Moment nicht daran, dass es auch ihn treffen könnte, als zwei Inder auf ihn zukommen, um ihn zum Tanz mit Michelle zu zwingen.

Am Abend sind seine Bilder in den Nachrichten zu sehen. Und die Frage stellt sich, wie ernst man ihn in diesem Moment nimmt? Tanzt da die Nummer eins der Weltpolitik?

Hu Jintao

Das Magazin "Forbes" hat vergangene Woche eine klare, ernüchternde Antwort gegeben: Obama ist nur noch die Nummer zwei. Die Nummer eins ist jemand, der anpacken kann, auch gegen Widerstände, und das ist für "Forbes" Chinas Präsident , der sogar "Flüsse umlenken" könne, ohne dass sich nervige Bürokraten und Gerichte einmischen. Was hat Obama nun dagegenzusetzen?

Es geht ihm auch um Abgrenzung zu China

Seine Asienreise sollte neue Themen setzen, weg von der Innenpolitik nach der verlorenen Zwischenwahl, hin zur Außenpolitik, in der Hoffnung, dass Obama, der selbsterklärte "Erste Pazifische Präsident", neues Gewicht bekommt. Er beschwor die Gemeinsamkeiten zu Indien, Indonesien, Südkorea und Japan - Länder, die nicht nur Wirtschaftsmächte sind, sondern auch Demokratien. Neue Geschäfte wollte er machen, um Exportaufträge und neue Arbeitsplätze für sein Land zu gewinnen; aber es ging ihm auch um eine Abgrenzung zu China und dem Modell des autoritären Kapitalismus.

China jedoch hatte vorgesorgt. Während Obama in Indien umherreiste, zwischen Mumbai und Neu-Delhi, während er Lobeshymnen auf die neue Wirtschaftsgroßmacht Indien hielt und im indischen Parlament das lang ersehnte Versprechen gab, dass die USA Indiens Wunsch nach einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat unterstützen wollten, besuchte Präsident Hu Frankreich. Als Obama aus Indien Aufträge von mehr als zehn Milliarden Dollar meldete, gab Hu auch seine Zahlen bekannt: 20 Milliarden Dollar, doppelt so viel wie Obama.

In Mumbai wird Obama von Studenten gefragt, was sich für Amerika verändert habe nach den Zwischenwahlen, aber auch in den Jahren davor, ob Amerika noch die Macht habe, die es einmal hatte. George W. Bush hätte an dieser Stelle von der Großartigkeit Amerikas gesprochen, aber Obama stimmt nachdenklichere Töne an. Er werde im nächsten Jahr 50, sagt er, und diese nahezu 50 Jahre, die er erlebt habe, hätte Amerika seine Bedingungen vorgeben können. "Es ist eine Tatsache, dass die USA die meiste Zeit meines Lebens eine derart dominante Wirtschaftsmacht waren, dass der Rest der Welt auf unsere Bedingungen eingehen musste. Aber wegen des Aufstiegs Indiens, Chinas, Brasiliens und anderer Länder müssen wir uns auf Wettbewerb einstellen."

Obama erzählt vom Mangobaum im Vorgarten

Indonesien ist die zweite Station von Obamas Asienreise, es fällt ihm hier leichter als in Indien, Sympathien zu gewinnen, denn hier hat Obama vier Jahre lang gelebt. Indonesien ist ein Heimspiel für ihn. Aber am Ende zählen auch hier die Zahlen, und auch hier legten die Chinesen vor. Einen Tag bevor Obama landete, hatte eine chinesische Wirtschaftsdelegation 6,6 Milliarden Dollar neue Investitionen versprochen, Straßen, Brücken, Kanäle, die Indonesien so dringend benötigt. Und Obama?

Im Regierungspalast von Jakarta steht er neben Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono und gibt sich Mühe, so viele indonesische Worte wie möglich zu sagen, er erzählt von seiner Jugend, seinem Haus in Jakarta mit dem Mangobaum im Vorgarten, dem einzigen Hochhaus, das es damals in Jakarta gab. Aber als es zu den Zahlen kommt, zu Exportverträgen und Direktinvestitionen wie sie die Chinesen angekündigt haben, hat er wenig zu bieten: "Gerade habe ich erfahren", sagt er, "unter den Handelspartnern Indonesiens sind wir nur die Nummer drei."

Demokratie ist kompliziert, man verzettelt sich, und in gewisser Weise hat "Forbes" mit seinem Urteil vielleicht recht, dass Amerika nicht mehr mithalten kann mit einem Land, das anordnen kann, was die Macht mehrt, das keine neuen Mehrheiten kennt und keine Zwischenwahlen. Aber geht es wirklich allein um die Zahlen? Wohlstand ohne Freiheit, sagt Obama in Jakarta, "ist nur eine andere Form der Armut".

Am Donnerstag treffen sie schließlich zusammen, Obama und Hu, zum siebten Mal. Sie sitzen in einer Hotelsuite in Seoul. Zwischen ihnen steht ein Tisch mit einem Strauß Blumen, dahinter vier Flaggen, zwei amerikanische, zwei chinesische. Obama hat die Beine übereinander geschlagen, Hu sitzt aufrecht da, beide Füße auf dem Boden. Sie tauschen diplomatische Floskeln aus, das Nötigste, Worte ohne Gewicht, um nicht unnötig aus der Deckung zu gehen.

"Die chinesische Seite schätzt das Verhältnis zu den USA", sagt der Übersetzer. Und Obama antwortet: "Es ist wunderbar, Präsident Hu zu treffen." Es geht weiter in diesem Stil, ein paar Minuten, aber ihre Worte sind schwer zu verstehen, weil die chinesische Delegation, die neben Hu steht, sich ungeniert unterhält. Die Amerikaner sind genervt, aber sie beschweren sich nicht. Denn an diesem Tag geht es nicht wirklich um Höflichkeit.

Es geht darum, wer sich was leisten kann.

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