Assad-Regime Strategen warnen vor blutigem Abnutzungskrieg

In Syrien droht ein langer Bürgerkrieg zwischen Assad-Regime und der Opposition - so lautet die Prognose britischer Analysten. Die Rebellen seien militärisch nicht stark genug, um Assad zu stürzen, und ein internationales Eingreifen sei nicht zu erwarten.

Bewaffneter in der Rebellenhochburg Homs: Es droht ein langer Bürgerkrieg
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Bewaffneter in der Rebellenhochburg Homs: Es droht ein langer Bürgerkrieg


London - Britische Militärexperten erwarten kein schnelles Ende des Bürgerkriegs in Syrien. Das Regime von Präsident Baschar al-Assad sitzt nach Einschätzung des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in London nach Monaten heftiger Kämpfe noch relativ fest im Sattel.

"Wir sehen einen blutigen Abnutzungskrieg", sagte IISS-Analyst Toby Dodge am Dienstag in London. "Die Rebellen sind lästig, aber keine direkte Bedrohung des Regimes." Die Aufständischen könnten zwar einzelne Stadtviertel wie zuletzt in Homs einnehmen und einige Zeit halten. Früher oder später würden sie jedoch von Assads Truppen wieder vertrieben.

Im jährlichen Bericht des IISS zur militärischen Weltlage, der am Dienstag vorgestellt wurde, heißt es, das syrische Militär sei insgesamt loyal zum Regime. Zwar seien einige hundert Deserteure zu den Rebellen übergelaufen, doch handele es sich vor allem um niedrigere Dienstgrade.

Internationales Eingreifen in Syrien wenig wahrscheinlich

Eine entscheidende Änderung der Lage kann laut IISS nur von außen herbeigeführt werden. Ein internationales Eingreifen in Syrien sei jedoch wenig wahrscheinlich, sagte Dodge. "Die diplomatische Lage wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern."

Die Nato-Staaten zeigen bislang kein Interesse, sich in den Konflikt hineinziehen zu lassen. Und Russland und China lehnen selbst eine Verurteilung der Brutalität des Assad-Regimes ab. Eine Uno-Resolution war am Widerstand Russlands und Chinas im Sicherheitsrat gescheitert.

Die IISS-Experten spielten den Konflikt zwischen Russland, China und der Nato in der Syrien-Frage herunter. Nein, er könne keinen neuen Kalten Krieg erkennen, sagte IISS-Direktor John Chipman auf eine entsprechende Frage eines Journalisten. Die Haltung Russlands und Chinas entspringe politischen Überlegungen, nicht militärischen Motiven.

Präventivschlag gegen Iran unwahrscheinlich

Zudem fehlt auch im Westen der politische Wille zum militärischen Eingreifen. Überlegungen, humanitäre Zonen oder Korridore in Syrien einzurichten, halten die IISS-Experten daher für unrealistisch. Die Lehre von Srebrenica sei, dass man eine Stadt nicht zur internationalen Sicherheitszone erklären sollte, wenn man sie nicht militärisch absichern könne, sagte der britische Ex-General Ben Barrie. In der bosnischen Stadt hatten Uno-Blauhelme im Sommer 1995 dem Massaker an Zivilisten untätig zugeschaut.

Auch am zweiten Krisenherd im Nahen Osten erwartet das IISS keine baldige Intervention des Westens. Ein Angriff Israels oder der USA auf iranische Nuklearanlagen sei in diesem Jahr unwahrscheinlich, sagte Chipman. Beide Staaten wüssten, dass Israel allenfalls imstande sei, einzelne Angriffe zu fliegen, aber keine nachhaltige Bombenkampagne ohne US-Unterstützung durchführen könne.

Einen israelischen Präventivschlag gegen Iran, über den zuletzt viel spekuliert wurde, schloss Chipman daher aus. Die Regierung von Benjamin Netanjahu verlasse sich auf ihre westlichen Partner, falls nötig, zu einem späteren Zeitpunkt gemeinsam zuzuschlagen.

Asiatische Länder überholen Europa bei Militärausgaben

In mindestens 16 europäischen Nato-Staaten gab es in den vergangenen Jahren laut IISS-Bericht Einsparungen beim Militär. Einige Länder wie Frankreich und Großbritannien versuchten, durch engere Zusammenarbeit Geld zu sparen. Nach einer Phase der Expansion hätten auch die USA ihrem Militär Einsparungen verordnet.

Ganz anders ist die Situation in Asien: Unter Berücksichtigung von Inflation und Preisveränderungen könnten die asiatischen Länder Europa noch in diesem Jahr bei den Ausgaben für die Verteidigung überholen. Dieser Trend bedeute aber nicht, dass sich das globale militärische Gleichgewicht bald verschieben werde, erklärte Chipman.

Noch macht der US-Verteidigungshaushalt rund 45 Prozent der weltweiten Militärausgaben aus, das Budget der aufstrebenden Weltmacht China hingegen gerade einmal 5 Prozent. Die USA und andere westliche Länder seien bemüht, durch Forschung und Entwicklung einen qualitativen Vorsprung vor Ländern wie China zu behalten, sagte Chipman, und das sei auch richtig so. "Aber der Abstand wird geringer."

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Seite 1
Hape1 07.03.2012
1. ...
Zitat von sysopAFPIn Syrien droht ein langer Bürgerkrieg zwischen Assad-Regime und der Opposition - so lautet die Prognose britischer Analysten. Die Rebellen seien militärisch nicht stark genug, um Assad zu stürzen, und ein internationales Eingreifen sei nicht zu erwarten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819923,00.html
Das heisst nichts anderes, als je eher die syrische Regierung den Aufstand beendet, umso besser für die Zivilbevölkerung. Denn die leiden am ehesten unter einem "langen, blutigen Abnutzungskrieg".
derandersdenkende, 07.03.2012
2. Sie haben zwar recht,
Zitat von Hape1Das heisst nichts anderes, als je eher die syrische Regierung den Aufstand beendet, umso besser für die Zivilbevölkerung. Denn die leiden am ehesten unter einem "langen, blutigen Abnutzungskrieg".
aber meinen Sie, die Situation der Zivilbevölkerung ist jenen wichtig, denen deren "Freiheit" am Herzen liegt?
Hape1 07.03.2012
3. ...
Zitat von derandersdenkendeaber meinen Sie, die Situation der Zivilbevölkerung ist jenen wichtig, denen deren "Freiheit" am Herzen liegt?
Keineswegs. Es geht um Macht. Nicht um Menschenrechte. Siehe Libyen.
adal_ 07.03.2012
4. Friedhofsruhe ist die erste Bürgerpflicht.
Zitat von Hape1Das heisst nichts anderes, als je eher die syrische Regierung den Aufstand beendet, umso besser für die Zivilbevölkerung. Denn die leiden am ehesten unter einem "langen, blutigen Abnutzungskrieg".
Sind Sie sicher, dass die "tschetschenische Lösung" oder warum nicht gleich deren Vorbild, die "stalinistische Lösung", das Beste für die Zivilbevölkerung ist? So nach dem Motto: Friedhofsruhe ist die erste Bürgerpflicht, oder?
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