Irans Vize-Außenminister "Assad wird bleiben"

In Montreux suchen Abgesandte des syrischen Regimes, der Opposition und Regierungsvertreter aus 40 Staaten nach einer Lösung des Syrien-Konflikts. Iran ist nicht dabei. Teherans Vize-Außenminister Amir-Abdollahian sagt, warum seine Regierung Assad stützt.
Poster von Assad-Unterstützern: "Wenn die Menschen ihn nicht akzeptieren, wird er nicht mehr gewählt"

Poster von Assad-Unterstützern: "Wenn die Menschen ihn nicht akzeptieren, wird er nicht mehr gewählt"

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Hossein Amir-Abdollahian ist stellvertretender iranischer Außenminister. Der Karrierediplomat ist im Teheraner Ministerium für die Beziehungen zum Regime in Syrien verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Nach einigem diplomatischen Gezerre nimmt Ihre Regierung an der Friedenskonferenz in der Schweiz nicht teil. Was wollte Iran eigentlich für Syrien erreichen?

Amir-Abdollahian: Es gibt keine militärische Lösung in Syrien, wir Iraner glauben an eine demokratische Lösung, die mit Wahlen endet.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher Baschar al-Assad, der dann als Präsident legitimiert ist?

Amir-Abdollahian: Wenn Präsident Assad als Kandidat antritt, wird er gewählt werden, natürlich nicht mit 90 Prozent, aber mit 50 oder 60. Wir haben dazu eine Umfrage gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie fair und frei können Wahlen sein, wenn mehr als vier Millionen Syrer im Land vertrieben und über zwei Millionen im Ausland sind?

Amir-Abdollahian: Das kann organisiert werden, wenn alle Länder das wirklich wollen. Die Unterstützung der Terrorgruppen muss eingestellt werden, und ausländische Terroristen müssen das Land verlassen. Dann gibt es ausreichend Sicherheit, damit überall im Land Wahlen abgehalten werden können.

SPIEGEL ONLINE: Eine Vielzahl an unterschiedlichen Kampfgruppen ist an diesem Konflikt in Syrien beteiligt, und sie hören keineswegs auf ein gemeinsames Kommando. Und wer stoppt eigentlich die Bombardements der syrischen Armee, die noch immer die meisten Opfer produziert?

Amir-Abdollahian: Wenn keine Terroristen und Waffen mehr ins Land kommen, hat die Armee keinen Grund mehr zu kämpfen. Es könnte eine Atmosphäre hergestellt werden, in der die Bürger auch bereit sind, sich an den Wahlen zu beteiligen. Danach müssen sich Opposition und Regierung im Dialog auseinandersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher oppositionelle Syrer will sich nach 130.000 Toten mit dem noch immer selben Diktator an einen Tisch setzen?

Amir-Abdollahian: Syrien hat wie alle anderen arabischen Länder erheblichen Reformbedarf. Die Regierung muss darauf Antworten finden.

SPIEGEL ONLINE: Falls es die Chance auf einen Neuanfang geben sollte, verdienen die Syrer nach all dem Leid nicht einen politischen Führer, der kein Blut an den Händen hat?

Amir-Abdollahian: Warum wollen Sie Assad aus dem Amt jagen? Wenn die Menschen ihn nicht akzeptieren, wird er nicht mehr gewählt. Wir sollten den Willen der Syrer respektieren. Bitte sehen Sie auch, dass sich Assad gegenüber den Terroristen gut behauptet hat. Er ist der Präsident, und er wird es wahrscheinlich bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Weil Iran, Russland und die Hisbollah ihn bis heute stützen.

Amir-Abdollahian: Wer würde Assad ersetzen, wenn er morgen das Amt verließe? Ich sage es Ihnen: die Nusra-Front. Willkommen in der syrischen Realität! Wir sind hier sehr besorgt um die Stabilität in der Region, aber auch um die globale Stabilität. Syrien ist das neue Aufmarschgebiet von al-Qaida. Diese ideologischen Kämpfer haben die beste Ausrüstung und die besten Kommunikationsmittel. Sie können an jedem Ort der Welt zuschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Offenbar haben Sie all diejenigen Syrer vergessen, die nicht fanatische Kämpfer sind, sondern lediglich zu Rebellen wurden, weil sie ihre legitimen Bürgerrechte einforderten und von Assad mit Bomben und Granaten beschossen wurden.

Amir-Abdollahian: Ich konnte mit unterschiedlichen hochrangigen Offizieren und Repräsentanten Syriens sprechen. Die sogenannte Revolution, die vor 33 Monaten in Daraa nahe der Grenze stattfand, wurde von Individuen initiiert, die von einem Auslandsgeheimdienst beauftragt waren. Anders als in Tunesien, Ägypten oder im Jemen war das keine Revolution von innen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Auslandsgeheimdienst soll das gewesen sein?

Amir-Abdollahian: Die Aufgabe dieser Agenten war es, den Aufstand zu starten und den Zusammenbruch der Regierung von Assad zu betreiben. Es war ein Freitag, zwei versteckte Männer auf dem Minarett schossen auf die Betenden und töteten eine ganze Reihe Menschen. Einige Jugendliche glaubten, dass die Revolution ausgebrochen sei und schlossen sich dem Protest an. Derselbe Geheimdienst schickte diesen Protestlern kurz darauf Waffen. So hat alles angefangen.

SPIEGEL ONLINE: Dann glauben Sie eine komplett andere Geschichte als der große Rest der Welt. Dort geht man davon aus, dass es in Daraa mit ein paar Kindern begann, die Parolen gegen das Regime an die Wand schrieben, sie wurden verhaftet und gefoltert.

Amir-Abdollahian: Die erwähnten Agenten wissen sehr gut, wie es wirklich war.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau unterstützt Iran seinen Alliierten Syrien im Krieg?

Amir-Abdollahian: Wir schicken keine Waffen, sondern Berater, die Syrien helfen, mit den Terroristen fertig zu werden, aber auch humanitäre Hilfe. Bisher im Wert von immerhin 1,4 Milliarden Dollar, obwohl wir unter Sanktionen stehen.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste passieren, damit Sie Assad für höhere Ziele opfern?

Amir-Abdollahian: Wir Iraner haben eine strategische Beziehung zu Damaskus. Syrien ist wichtig in dieser Widerstandsachse, die von einigen Ländern aufrechterhalten wird. Israel ist eine ernsthafte Bedrohung in unserer Region und verhält sich auf eine Weise, in die wir kein Vertrauen haben können. Deshalb ist Syrien für uns als Partner unentbehrlich.

Das Interview führte Susanne Koelbl in Teheran
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