Assads langer Atem Syrien steht vor einem Horrorszenario

Syriens Aufständische kämpfen erbittert gegen das Militär von Baschar al-Assad, doch das Regime steht noch lange nicht vor dem Kollaps. Experten rechnen damit, dass bis zu seinem Sturz Jahre vergehen könnten - und schlimmstenfalls noch viele Opfer zu beklagen sein werden.

AP/ LCC

Homs blutet, doch auf den aus der Stadt geschmuggelten Videos sieht man immer wieder Menschen, die das Victory-Zeichen in die Kamera halten. Selbst Panzergranaten konnten den Widerstand der Rebellen bislang nicht brechen. Trotz der Gewalt, mit der die syrische Staatsmacht gegen die Aufständischen vorgeht, geben die Regimegegner ihren Kampf nicht auf.

Die internationale Gemeinschaft honoriert diese Standhaftigkeit mit einem erneuten Anlauf, das Regime von Baschar al-Assad zu ächten. Im Uno-Sicherheitsrat ist eine Resolution zwar am Veto der Russen und der Chinesen gescheitert, aber die Vollversammlung hat am Donnerstag die Menschenrechtsverletzungen des syrischen Regimes scharf verurteilt und einen Plan der Arabischen Liga für ein Ende des seit elf Monaten andauernden Konflikts unterstützt.

Kommende Woche treffen sich Vertreter der USA und europäischer Länder in Tunis mit Repräsentanten der Aufständischen. Beide Seiten wollen fortan in einer sogenannten Kontaktgruppe in enger Verbindung bleiben.

Auf der anderen Seite scheint das Regime in Damaskus plötzlich bereit, Zugeständnisse zu machen: Am 26. Februar sollen die Syrer in einem landesweiten Referendum über eine neue Verfassung abstimmen dürfen. Demnach soll das Land ein "demokratischer Staat" mit einem Mehrparteiensystem werden. Der Führungsanspruch der seit fast 50 Jahren herrschenden Baath-Partei wird abgeschafft. Der Präsident soll direkt vom Volk für maximal zwei aufeinanderfolgende Mandate gewählt werden können.

Fasst man die Ereignisse der vergangenen Tage zusammen, scheint es so, als stehe der Aufstand in Syrien vor dem Durchbruch, als seien die Tage Baschar al-Assads gezählt.

Experten prophezeien einen langen, aufreibenden Konflikt

Doch Experten warnen: Der Eindruck trügt. Es ist gut möglich, dass Syrien am 16. November dieses Jahres den 32. Jahrestag der Machtergreifung von Baschars Vater, Hafis al-Assad, mit einem offiziellen Feiertag begehen wird. Und womöglich im kommenden Jahr auch noch die 33. Wiederkehr des Beginns der Assad-Herrschaft feiert.

"Es kann noch ein, zwei Jahre dauern, bis das Regime fällt", sagt Wolfgang Mühlberger von der Landesverteidigungsakademie in Wien. Denn nach wie vor habe Damaskus die absolute militärische Übermacht. "Diese Asymmetrie verschiebt sich nur sehr langsam." Mühlberger prognostiziert einen langen, aufreibenden Konflikt. Kleine Brennpunkte des Aufstandes, die aufflackern, vom Regime ausgetreten werden, deren Funke dann jedoch anderswo wieder zündet.

"Die Armee kann Homs unter Kontrolle bringen, muss es dann aber auch militärisch besetzt halten", so der Nahost-Experte. Damit wären Kräfte gebunden, die das Regime brauche, um auch den Rest des Landes unter Kontrolle zu halten. Andere Städte könnten so die Gelegenheit nutzen, ihrerseits zu revoltieren. "So lange Assad an der Macht ist, wird Syrien nicht mehr zur Ruhe kommen", sagt Mühlberger. Dazu habe es bereits zu viele Tote gegeben. "Das Regime hat keine Zukunft. Es ist mittelfristig nicht mehr überlebensfähig", so der Analyst.

Drei Szenarien für Syrien

Auch Heiko Wimmen, Syrien-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, glaubt, dass das Regime stabiler ist, als es manchmal den Anschein hat. Zwar gebe es sicher einen sogenannten Kipppunkt, an dem der Aufstand zum Selbstläufer werde. "Wenn es irgendwann zur massenhaften Gehorsamsverweigerung im Repressionsapparat kommt oder plötzlich eine kritische Masse der Bürger glaubt, dass der Umschwung sicher kommt und sich deshalb zum Aufstand bekennen, kann alles sehr schnell gehen", sagt Wimmen. Dieser Punkt sei sicher noch nicht erreicht. "Aber wie weit wir davon weg sind, ist unklar." Wimmen sieht drei Szenarien, wie sich der Konflikt in Syrien weiter entwickeln könnte:

  • Das Teheraner Modell: Danach könnte der Aufstand noch einige Monate andauern, irgendwann aber könnte es dem Regime gelingen, ihn niederzuschlagen. Ähnlich wie die Grüne Bewegung in Iran, die dort 2009 den Wandel forderte und letztlich brutal unterdrückt wurde, könnte die syrische Revolte so zumindest vorerst beendet werden.
  • Das bosnische Szenario: Wenn zum Beispiel die Sicherheitskräfte entlang der konfessionellen Nahtstellen auseinander brächen und dann schwer bewaffnete Einheiten gegeneinander kämpfen würden.
  • Der Kollaps: Sollte das Regime einen schlagartigen Loyalitätsverlust in der Führungsriege erleiden, könnte das Assad-Regime in sich zusammenbrechen. Das könnte, ähnlich wie etwa in Rumänien, auch einen gewalttätigen Verlauf nehmen.

Es sei durchaus möglich, dass die Lage noch sehr viel schlimmer werde, bevor sie besser werde, sagt Wimmen. "Und wenn es richtig schlimm wird, könnten 7000 Tote im Rückblick wie ein Auftakt der Gewalt aussehen - nicht wie ihr Höhepunkt."

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eseelig 17.02.2012
1. assads langer atem
Zitat von sysopAPSyriens Aufständische kämpfen erbittert gegen das Militär von Baschar al-Assad, doch das Regime steht noch lange nicht vor dem Kollaps. Experten rechnen damit, dass bis zu seinem Sturz Jahre vergehen könnten - und schlimmstenfalls noch viele Opfer zu beklagen sein werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,816025,00.html
da auch die scheichs und gar der al-quaida-chef für die "opposition" sind, sind wohl kaum demokratie und menschenrechte gemeint?
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