Atomabkommen Der Iran-Deal ist auch für Israel gut

Benjamin Netanjahu kritisiert den Atomdeal mit Iran. Dabei liegt die Einigung auch in Israels Interesse. Der Ministerpräsident muss umdenken: Anstatt auf Maximalforderungen zu beharren, sollte er endlich in der Realität ankommen.

Benjamin Netanjahu: Israels Premier kritisiert den Atom-Deal von Genf
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Benjamin Netanjahu: Israels Premier kritisiert den Atom-Deal von Genf

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Israels Premierminister Benjamin Netanjahu lässt keinen Zweifel daran, was er von der vorläufigen Atom-Einigung mit Iran hält. Seine Beschreibungen des Abkommens variieren von "sehr schlecht" über "gefährlich" und "dumm" zu "sehr sehr schlecht" und "ein historischer Fehler".

Dabei ist die Einigung mit Teheran auch für Israel gut. Zwar widersprechen die Bedingungen des Atomdeals Netanjahus Wunschvorstellung: Irans Atomprogramm wird nicht zerstört, wie von ihm gefordert. Es wird auch nicht eingefroren, sondern - überraschend streng - lediglich begrenzt auf eine Übergangszeit von sechs Monaten. Wie es danach weitergehen soll, ist offen. Doch die Bedingungen von Genf sind eine realistische Basis, auf die eine dauerhafte Lösung aufbauen kann.

Israels Premier muss die Realität akzeptieren: Teheran hat jahrelang rücksichtslos Fakten geschaffen, die nun nicht mehr rückgängig zu machen sind. Zum drastischsten Mittel, einem Krieg mit Iran, ist wohl niemand bereit: Alles andere hat die internationale Gemeinschaft jahrelang versucht - Ächtung, immer härtere Sanktionen, Cyberwar, ungeklärte Attentate auf Atomwissenschaftler und regelmäßige Drohungen mit Militärschlägen. Doch trotz aller Strafmaßnahmen baute Teheran stur und heimlich sein Atomprogramm weiter aus.

Über kurz oder lang wird Iran eine Atombombe bauen können. Die Frage ist, ob Teheran das tatsächlich will - oder es bei der Fähigkeit dazu belässt. Dazu braucht es Vertrauen auf beiden Seiten und überprüfbare Maßnahmen, die noch zur Herausforderung vieler, langer Verhandlungen werden. Doch zumindest der Startschuss dafür ist in Genf gefallen.

Netanjahu muss lernen, mit der Islamischen Republik zu leben

Die Stärke des Genfer Abkommens ist, dass es den Beginn einer Normalisierung der Beziehungen mit Iran darstellt. Es ist ein Signal an Teheran, dass die internationale Gemeinschaft bereit ist, die Islamische Republik zu akzeptieren.

Paradoxerweise liegt gerade dies im israelischen Interesse. Iran ist heute einer der ernstzunehmendsten Feinde Israels. Eine iranische Führung, die als rational wahrgenommen wird, ist besser für Israel als eine hochparanoide, die glaubt, die ganze Welt habe sich gegen sie verschworen und lauere nur auf jegliches Anzeichen von Schwäche.

Israels Sicherheit ist mehr gedient mit einem vorsichtigen Herantasten auf beiden Seiten hin zu mehr Vertrauen und Berechenbarkeit als mit Netanjahus emotionalisierenden Ansprachen.

Irans Führung hat 2009 erfolgreich und brutal Proteste niedergeschlagen und sich seitdem vorsichtig gewandelt - weg von einem erzideologischen außenpolitischen Konfrontationskurs hin zu mehr Pragmatismus. Sie sitzt fest im Sattel und wird auf absehbare Zeit nicht verschwinden.

Man mag die Führung in Teheran nicht mögen - und dafür gibt es viele gute Gründe, angefangen von der Menschenrechtslage bis hin zur Unterstützung brutaler Milizen und Regime im Ausland. Doch auch Netanjahu wird lernen müssen, mit ihr zu leben.

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abanhir 25.11.2013
1. Wirklich alles probiert?
"Alles andere hat die internationale Gemeinschaft jahrelang versucht - Ächtung, immer härtere Sanktionen, Cyberwar, ungeklärte Attentate auf Atomwissenschaftler und regelmäßige Drohungen mit Militärschlägen. Doch trotz aller Strafmaßnahmen baute Teheran stur und heimlich sein Atomprogramm weiter aus." Ist das wirklich so, dass alles probiert wurde, um die Mullahs an ihren Plänen zu hindern? Ist es nicht vielmehr so gewesen, dass der Westen zwar gehandelt hat, dies aber so lasch war, dass die Herren in Tehran darüber nur müde lachen konnten. Erst kürzlich zeigte eine Dokumentation, dass trotz der angeblich "harten Sanktionen" deutsche Firmen nach wie vor großartige Deals mit den Mullahs machen. Das sind keine Einzelfälle und auch andere Staaten wollen und können die Handelsbeziehungen nicht ruhen lassen - zu lukrativ. Übrigens: Dem persischen Volk wird es auch nicht besser gehen, wenn die Sanktionen aufgehoben werden. Im Iran existiert keine freie Marktwirtschaft, alles gewinnbringenden Bereich sind fest in der Hand der Revolutionsgarde, der Armee vom geistlichen Führer.
ProPorz 25.11.2013
2. Verrat
Israel ist vom Westen verraten worden. Das ist aber nichts Neues: Israel muss immer mit den Fakten leben, die der Westen schafft. Vor Jahren hieß es ja: Verhandeln mit Iran, damit keine Fakten geschaffen werden. Jetzt haben wir den Salat mit "in der Realität ankommen". Sobald der Iran eine Atombombe hat, kriegt Saudi-Arabien eine umsonst. Dann ist die Spannung in der Golfregion (und im Nahen Osten) perfekt. Ist das eine bessere Welt?
verax 25.11.2013
3. Meine Meinung zu diesem Artikel ...
Zitat von sysopAPBenjamin Netanjahu kritisiert den Atomdeal mit Iran. Dabei liegt die Einigung auch in Israels Interesse. Der Ministerpräsident muss umdenken: Anstatt auf Maximalforderungen zu beharren, sollte er endlich in der Realität ankommen. Atomabkommen: Der Deal mit Iran ist auch für Israel gut - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/atomabkommen-der-deal-mit-iran-ist-auch-fuer-israel-gut-a-935479.html)
... variiert von "sehr schlecht" über "gefährlich" und "dumm" zu "sehr sehr schlecht" und "ein historischer Fehler". Israel muss sich nicht damit abfinden, dass Teheran seine geschaffenen Tatsachen aufrechterhält oder ausbaut. Es muss vor allem nicht akzeptieren, dass ein Staat, dessen Führung bei jeder Gelegenheit erklärt, dass die Vernichtung Israels ihr oberstes Ziel ist, an Atomwaffen gelangt.
britneyspierss 25.11.2013
4. Point of no Return
Iran hat das erreicht was es wollte:Die defacto Annerkennung als Regionalmacht ohne die Bombe zu besitzen denn ab jetzt ist der Iran jederzeit in der Lage Uran im eigenen Land mit immer mehr offiziell gestatteten Zentrifugen anzureichen. Wenn er denn will:Könnte der Iran jederzeit auf 90% U-235 gehen.....Die bloße Andeutung würde reichen seinen Willen durchzusetzen. Ein einmaliger historischer Schachzug.
mrmink 25.11.2013
5. Fraglich
Auch wenn ich Israels Haltung und Machenschaften nicht gut heiße, der Regierung und dem Religionsführer in Teheran ist nicht zu trauen.
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