Atomdeal mit Iran Israels Drohung birgt eine Chance

Der israelische Verteidigungsminister droht Iran mit Luftschlägen. Für die Umsetzung des Atomabkommens mit Teheran muss das keine schlechte Botschaft sein.
Israels Verteidigungsminister Ya'alon: "Am Ende sollte Israel in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen"

Israels Verteidigungsminister Ya'alon: "Am Ende sollte Israel in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen"

Foto: Carolyn Kaster/ AFP

Im Büro des israelischen Verteidigungsministers Moshe Ya'alon im Stadtzentrum von Tel Aviv hängt ein Foto an der Wand. Das Bild zeigt das Konzentrationslager Auschwitz, über das drei Kampfjets der israelischen Luftwaffe fliegen. Der Kommandeur der Luftwaffe hat am Rand ein handschriftliches Versprechen hinzugefügt: "Nie wieder. Vertraue nur auf dich selbst."

Dieses Bild sagt mehr als alle Worte. Israel wird mit allen Mitteln verhindern, je wieder in eine Situation zu geraten, in der das jüdische Volk Gefahr läuft, vernichtet zu werden. Und der jüdische Staat wird sich dabei auf niemand verlassen außer auf sich selbst. Nicht einmal auf die USA, die trotz aller Differenzen noch immer Israels engster Verbündeter sind.

In dieser Woche hat Moshe Ya'alon, der israelische Verteidigungsminister, Iran in einem SPIEGEL-Interview offen mit Luftschlägen gedroht, sollte Teheran das mit der internationalen Staatengemeinschaft ausgehandelte Atomabkommen verletzen. "Wir können unter keinen Umständen ein Iran mit Nuklearwaffen tolerieren", so hat es Ya'alon gesagt. "Wir bevorzugen, dass dies durch ein Abkommen oder Sanktionen erreicht wird. Aber am Ende sollte Israel in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen."

Man kann das Bild in Ya'alons Büro auch als Metapher betrachten: Eine iranische Atombombe wäre für Ya'alon das Auschwitz von morgen. Um das zu verhindern, ist er bereit, Israels Kampfbomber zu entsenden.

Am Tag des Interviews dampfte Tel Aviv vor Hitze, Ya'alon erschien locker gekleidet, in einem kurzärmeligen Hemd und ohne Schlips und machte ein paar Scherze. Aber als es um Teherans Atomprogramm ging, war jede Leichtigkeit verflogen. Täusche sich niemand. Der israelischen Regierung ist es bitterernst. Premierminister Benjamin Netanyahu denkt wie sein Verteidigungsminister, das Land fühlt sich international isoliert wie selten zuvor.

Man muss diese Sicht nicht teilen. Man kann den Iran-Deal auch als einen überfälligen Schritt zur friedlichen Lösung einer seit Jahrzehnten andauernden Krise betrachten. Der Iran-Konflikt war einer von mehreren Schwelbränden, der jederzeit den Nahen Osten hätte in einen Flächenkrieg stürzen können. Er hat eine Entspannung in der gefährlichsten Region der Welt verhindert. Das Abkommen ist keine Gewähr für eine Veränderung zum Besseren. Aber es ist notwendige Voraussetzung.

Drohungen haben die Israelis immer wieder ausgestoßen, sie wirkten meist wie der Versuch, Entspannungsdiplomatie mit Kriegsrhetorik zu begegnen, um eine politische Annäherung zu verhindern. Doch die Ausgangslange hat sich geändert. Sollte der US-Kongress das Abkommen im Herbst passieren lassen, geht es nicht mehr um Diplomatie, sondern um die Umsetzung des geopolitisch vielleicht wichtigsten Abkommens seit dem Ende des Kalten Kriegs.

Der Westen darf Ya'alons Drohung deshalb als Auftrag verstehen, diese Vereinbarung umso präziser umzusetzen. Wenn sich die Regierung in Teheran an die Abmachungen hält, dann wird es für mindestens ein Jahrzehnt kein iranisches Atomwaffenprogramm geben. Dies ist die Botschaft aus Tel Aviv an die Verhandler, darunter Deutschland: Es liegt nun in eurer Verantwortung, das einzuhalten, was ihr versprochen habt.

Anmerkung der Redaktion: Das Bild im Büro des israelischen Verteidigungsministers Moshe Ya'alon ist, anders als von uns irrtümlicherweise berichtet, keine Montage, sondern ein Original. Wir haben die Textstellen entsprechend angepasst und bitten um Entschuldigung.

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