Atomenergiebehörde Iran hat mehr angereichertes Uran als gedacht

209 Kilogramm: So viel mehr leicht angereichertes Uran hat Iran produziert, als der Internationalen Atomenergiebehörde bisher bekannt war. Das geht aus einem vertraulichen Bericht der IAEA hervor. Aber was heißt das? Über die Interpretation wird schon gestritten.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Iran und sein Atomprogramm, das ist politisch immer ein hoch brisantes Thema, nie jedoch ein einfaches. Ist das Uran hoch oder leicht angereichert, militärisch nutzbar oder gerade nicht - diese Fragen sind bei jeder neuen Entwicklung umstritten.

Bei der Arbeit behindert: Uno-Behörde IAEA
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Bei der Arbeit behindert: Uno-Behörde IAEA

Diese Erfahrung kann man auch derzeit wieder machen. Denn die Internationale Atomenergiebehörde der Uno (IAEA) hat neue Zahlen zu Irans Atomprogramm gesammelt und zusammengestellt. Sie finden sich in einem (noch) vertraulichen Bericht des Generalsekretärs Mohammed ElBaradei, der für die 35 Mitgliedstaaten des IAEA-Vorstands bestimmt ist - und diese Zahlen sind geeignet, völlig verschiedene und zum Teil einander entgegengesetzte Schlüsse darüber zu ziehen, was Teheran plant.

So kann man aus dem Bericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, zum Beispiel herauslesen, dass Iran den Ausbau seines Atomprgramms abgebremst hat: Zu den rund 3800 Zentrifugen, die Teheran im November 2008 hatte, und die man braucht, um Uran anzureichern, sind nämlich nach IAEA-Erkenntnissen nur 164 hinzugekommen. Ein politisches Signal an den neuen US-Präsidenten Barack Obama, der direkte Gespräche mit Iran in Aussicht gestellt hat? So vermuten einige.

Hat Iran die kritische Masse Uran erreicht?

Andere Zahlen aber deuten in die entgegengesetzte Richtung, zumindest kann man sie so interpretieren. So hat Iran dem Bericht zufolge mittlerweile insgesamt 1010 kg leicht angereicherten Urans hergestellt. Verbindet man diese Information, wie es die Nachrichtenagentur Reuters tat, mit der Expertenaussage, dass "1000 bis 1700" Kilogramm reichen würden, um genügend hoch angereichertes Uran für eine Atombombe daraus zu gewinnen, gewinnt diese Zahl an Brisanz. Innerhalb von Monaten, so Reuters, könne Iran also genug Ausgangsmaterial für die Bombe zusammentragen, von der die USA und viele andere westliche Staaten annehmen, dass sie Teherans wahres Ziel ist. Und nicht etwa die zivile Nutzung der Atomenergie, wie es Iran behauptet.

Allerdings sinkt die Brisanz dieser Zahl wieder, wenn man sie mit einer kürzlichen Aussage von IAEA-Chef ElBaradei koppelt: Dass Iran nämlich in jedem Fall noch zwei bis fünf Jahre brauchen würde, um aus dem leicht angereicherten Uran hoch angereichertes Uran zu produzieren.

Die "New York Times" wiederum legte den Schwerpunkt ihrer Betrachtung des Reports auf ein anderes Detail, das sich ebenfalls in zwei Richtungen deuten lässt: So kommt die IAEA in dem vertraulichen Report nämlich auf die erwähnten 1010 Kilogramm, indem sie 171 Kilogramm in letzter Zeit produziertes leicht angereichertes Uran zu 839 Kilogramm derselben Substanz addiert, die Iran schon zuvor hergestellt habe. Allerdings hatte die IAEA in ihrem letzten Report nicht von 839, sondern von 630 Kilogramm gesprochen. Differenz: 209 Kilogramm, von denen die IAEA nichts wusste.

Und das kann zweierlei heißen: Entweder hat Iran seine Produktion um ein Drittel untertrieben, wie es die "NYT" darstellt, und Iran hat die Substanz "gehortet", wie "Reuters" intoniert.

Ist die Differenz von 209 Kilo nachvollziehbar?

Oder man legt die Diskrepanz zu Irans Gunsten aus, indem man es für zumindest nicht ausgeschlossen hält, dass Iran nicht unter allen Umständen genau vorhersagen konnte, wie viel leicht angereichertes Uran aus dem Zentrifugenprozess herauskommen würde.

So hält es die IAEA. Ein hochrangiger Uno-Beamter sagte SPIEGEL ONLINE zu dieser Frage am Freitag: "Die IAEA hat keinen Grund, davon auszugehen, dass Iran heimlich leicht angereichertes Uran hortet. Kein nukleares Material hätte die Anlage verlassen können, ohne dass die IAEA wegen der Überwachungsmechanismen davon erfahren hätte." Die "New York Times" zitiert einen IAEA-Beamten mit der Aussage, die Differenz könne sich durch den Unterschied zwischen Irans Schätzungen und genauen Messungen erklären, sie sei jedenfalls akzeptabel.

Doch auch wenn die IAEA in dieser Detailfrage Teheran keine Unterstellungen macht: In etlichen Passagen des Dokuments lässt sie keinen Zweifel daran, wie sehr sie sich von Irans Regierung und Behörden regelrecht sabotiert sieht.

Mehrfach heißt es, viele Fakten seien nicht zu ermitteln oder zu überprüfen gewesen, weil Iran der Behörde entweder den Zutritt zu bestimmten Einrichtungen verweigerte oder auf andere Art nicht kooperierte. Manche Anfragen wurden überdies gar nicht erst beantwortet. Ein Zusatzprotokoll, zu dessen Verabschiedung der Sicherheitsrat Iran aufgefordert hat, wurde nicht umgesetzt.

Deutliches Misstrauen gegenüber Teheran

In der Zusammenfassung heißt es denn auch: "Der anhaltende Mangel an Kooperation Irans in Zusammenhang mit den verbleibenden Fragen gibt leider Befürchtungen über eine mögliche militärische Dimension von Irans Nuklearprogramm Auftrieb."

Irans IAEA-Botschafter Asghar Soltanie wies die Vorwürfe unterdessen bereits zurück und erklärte, dass sein Land zu bestimmten Schritten, welche die IAEA verlangt hatte, gar nicht verpflichtet sei.

Irans Atomprogramm
Streit
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Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Anlagen
Arak : geplanter Schwerwasserreaktor
Buschehr : Atomkraftwerk, im Mai 2011 nach mehrfachen Terminverschiebungen in Betrieb genommen - zunächst zu Testzwecken. Im September 2011 ging der Reaktor in Regelbetrieb, allerdings noch nicht auf voller Leistung
Isfahan : Forschungsreaktor
Jasd: Uranminen
Natans : Anlage zur Urananreicherung, angeblich mit 6000 Zentrifugen in Betrieb. Im Herbst 2009 gab Iran bekannt, nahe der Stadt Ghom eine zweite Anlage zur Urananreicherung zu besitzen.
Teheran : Forschungsreaktor
Geschichte
1974: Unter Beteiligung von Siemens beginnt bei Buschehr der Bau eines Kernkraftwerks.
1979: Nach der Revolution und der Ausrufung der Islamischen Republik wird das Atomprogramm nicht weiter betrieben.
1980-1988: Im Irak-Iran-Krieg wird der Atomreaktor in Buschehr mehrfach bombardiert und dabei schwer beschädigt.
Neunziger Jahre: Deals auf dem Schwarzmarkt mit Abdul Qadir Khan , Pakistans "Vater der Atombombe"
1995: Abkommen mit Russland zum Wiederaufbau des Atomreaktors von Buschehr
2002: Iranische Oppositionelle im Exil berichten über ein geheimes Atomprogramm.
2003: Iran unterzeichnet das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (bislang aber nicht vom Parlament ratifiziert).
2006: Der Uno-Sicherheitsrat verlangt in seiner Resolution 1696 erstmals den Stopp der Urananreicherung .
Juli 2008: Iran droht bei einem Angriff auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen. Das Regime testet Schahab-3-Raketen, die auch Ziele in Israel erreichen könnten.
November 2008: Iran hat nach eigenen Angaben die Zahl seiner für die Urananreicherung benötigten Zentrifugen auf 5000 erhöht.
Juni 2009: Iran hat laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA weitere tausend Gaszentrifugen im Atomzentrum Natans in Betrieb genommen und bisher knapp 1,4 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mai 2010: Nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula und dem türkischen Regierungschef Erdogan erklärt sich Iran bereit, schwach angereichertes Uran im Ausland zu tauschen. Wenig später kündigt Teheran an, an der umstrittenen Urananreicherung auf 20 Prozent festhalten zu wollen.
Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat, die EU und die USA beschließen neue Sanktionen gegen Teheran. US-Präsident Obama spricht von den bisher härtesten Sanktionen überhaupt - doch Beobachter bleiben skeptisch, ob die Strafmaßnahmen Erfolg bringen.
Sanktionen
REUTERS
Uno-Sanktionen: Verbot von Waffen- und Nuklearhandel, Einfrieren von Konten, Reisebeschränkungen, verhängt in Resolution 1737 (23.12.2006), Resolution 1747 (24.03.2007), Resolution 1803 (03.03.2008)

Sanktionen der USA: Vollständiger Handels- und Investitionsboykott, beruhend auf Executive Order 12959 von 1995, neue Sanktionen im Juni 2010

Sanktionen der EU: Einschränkungen für Handel und Investitionen, Einfrieren von Vermögen, Reisebeschränkungen, beruhend auf Verordnung (EG) Nr. 423/2007 des Rates (19.04.2007)

Nahost
dpa
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad erklärt, das israelische "Besatzungsregime" müsse "aus den Annalen der Geschichte verschwinden".
Israelische Politiker, darunter auch Kabinettsmitglieder, sprechen sich für präventive Militärschläge gegen Iran aus.
Personen
Said Dschalili , Atomunterhändler seit Oktober 2007
Yukiya Amano , Generaldirektor der IAEA
Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung
Oktober 2009: Vertreter Irans, Deutschlands und der fünf Vetomächte im Sicherheitsrat kommen zu Atom-Gesprächen in Genf zusammen.
November 2009: Die IAEA kritisiert in einer Resolution die jahrelang geheim gehaltene iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom. Teheran reagiert mit der Ankündigung, zehn neue Uran-Anlagen zu bauen.
Dezember 2009: Iran testet die Mittelstreckenrakete Sedschil 2. Diese habe größere Zielgenauigkeit als das Vorgängermodell Schahab 3.
2. Februar 2010: Ahmadinedschad zeigt sich bereit, auf einen Vorschlag der IAEA einzugehen, der eine Anreicherung iranischen Urans auf 20 Prozent im Ausland vorsieht. Wenige Tage später rudert er wieder zurück.
7. Februar 2010: Iran verkündet, man habe niedrig angereichertes Uran von 3,5 auf 20 Prozent gebracht und sei in der Lage, es auf 80 Prozent anzureichern. Damit könnten Atomwaffen hergestellt werden.
11. Februar 2010: US-Präsident Barack Obama kündigt als Reaktion umfangreiche neue Sanktionen gegen Iran an.
1. April 2010: Nach langem Widerstand gegen neue Sanktionen ist China bereit, sich an den Verhandlungen über den Text einer verschärften Uno-Resolution zu beteiligen.
25. April 2010: Zur Abwehr neuer Sanktionen besucht Irans Außenminister Manutschehr Mottaki Österreich. Gespräche mit dem Chef der IAEA, Yukija Amano, und Österreichs Außenminister Michael Spindelegger bringen jedoch keinen Durchbruch.
17. Mai 2010: Nach Verhandlungen mit Brasilien und der Türkei lenkt Iran ein und will Uran im Ausland anreichern lassen. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert skeptisch auf die Ankündigung.
9. Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat beschließt schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie beinhalten weitere Hürden für die iranische Finanzbranche und eine Ausweitung des Waffenembargos. Auch die USA und die EU setzen schärfere Maßnahmen gegen Iran in Kraft.
Januar 2011: Die Atomgespräche zwischen Iran und den westlichen Mächten in Istanbul scheitern. Teheran hatte weiterhin "ein Recht auf Urananreicherung" gefordert.
In der Diskussion über den Iran-Report ging ein zweiter vertraulicher Bericht der IAEA fast unter - dabei ist er keineswegs unwichtig. Dieser Bericht, der SPIEGEL ONLINE ebenfalls vorliegt, befasst sich mit Syrien - und der Frage, ob das Land ein heimliches Atomprogramm betreibt oder betrieben hat.

Klagen über Syrien

Es geht vor allem um die Bombardierung einer syrischen Einrichtung bei Dair Alzour durch die israelische Luftwaffe im September 2007. Israel und die USA vermuten, dass es sich dabei um eine Atomanlage handelte, die mit Nordkoreas Hilfe errichtet wurde und kurz davor stand, in Betrieb genommen zu werden. Syrien hatte die Anschuldigungen als "lächerlich" zurückgewiesen.

Schon im November 2008 war die IAEA zu dem Ergebnis gelangt, dass sie nicht mit Sicherheit sagen könne, ob es sich bei der zerstörten Anlage um einen Reaktor gehandelt habe. Sie hatte zwar Uran-Partikel gefunden, diese aber nicht eindeutig zuordnen können. Syrien hatte behauptet, die Spuren könnten nur Rückstände israelischer Munition sein.

In dem aktuellen Bericht steht, dass aus den damals entnommenen Bodenproben mittlerweile weitere Uranpartikel gewonnen werden konnten. Aber zu einer eindeutigen Position kommt die IAEA immer noch nicht. Allerdings nimmt die Behörde eine vorsichtige Wertung vor: Es gebe eine "geringe Wahrscheinlichkeit, dass das Uran vom Einsatz von Raketen herrührt". Zwischen den Zeilen soll das vermutlich aussagen, dass die zweite Version, ein geheimes syrisches Atomprogramm, für wahrscheinlicher gehalten wird. Ähnlich wie im Fall Irans klagen die IAEA-Autoren ansonsten auch über Syriens mangelnde Kooperationsbereitschaft.

Am 2. März treffen sich die Vertreter der 35 Staaten des "IAEA-Boards", um über Iran und Syrien zu beraten.

Mit Material von AFP, reuters und AP



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