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Gespräche in Genf Israel lehnt Atom-Einigung mit Iran vehement ab

Im Atomstreit mit Iran könnte es überraschend einen Durchbruch geben, in Genf finden die womöglich entscheidenden Gespräche statt. Doch Israels Premier Netanjahu sträubt sich gegen eine Einigung: Sein Land werde sich mit allen Mitteln verteidigen, ein Kompromiss sei "ein historischer Fehler".

Jerusalem/Genf/Washington - Nach jahrelangem Stillstand könnte es im Atomstreit des Westens mit Iran eine Einigung geben. US-Außenminister John Kerry will an diesem Freitag in Genf direkt mit seinem Teheraner Kollegen Mohammed Dschawad Sarif verhandeln.

Doch Israel will von einem Durchbruch bei den Gesprächen der fünf Uno-Vetomächte und Deutschlands mit der neuen Regierung Irans von Präsident Hassan Rohani nichts wissen. Israel fühle sich nicht verpflichtet, sich an ein derartiges Abkommen zu halten, stellte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor einem Treffen mit Kerry auf dem Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv klar.

"Israel lehnt die Vereinbarung vollkommen ab", zitierte die Zeitung "Haaretz" Netanjahu. Er ging sogar noch weiter: Sein Land werde alles tun, um sich selbst zu verteidigen. Israel hat wiederholt mit einem Angriff auf Iran gedroht, sollte das Land sein Atomprogramm nicht aufgeben.

Ein Kompromiss bei den Atomgesprächen in Genf wäre ein "historischer Fehler", sagte Netanjahu. "Israel lehnt den Kompromissvorschlag kategorisch ab", sagte der Regierungschef nach einem Bericht der Nachrichtenseite "ynet". Teheran wäre dann in der Lage, sein Atomprogramm weiterzuverfolgen, warnte der Premier.

Schon am Donnerstag hatte Netanjahu seinem Ärger über ein mögliches Zwischenabkommen mit Iran Luft gemacht. "Ich bin völlig fassungslos. Für Iran ist es der Deal des Jahrhunderts, weil Iran nichts gibt und den ganzen Druck aus dem Dampfdruckkocher der Sanktionen herausbekommt." Teheran werde dafür bestenfalls einige Tage auf die Anreicherung verzichten müssen. "Die Sanktionen werden aufgehoben und Iran hat nichts gegeben", kritisierte Netanjahu die in Genf verhandelten Vorschläge.

Kerry hatte während seiner dreitägigen Vermittlungsmission Israels Siedlungspolitik ungewöhnlich scharf kritisiert. Der Siedlungsbau lasse an der Ernsthaftigkeit Israels zweifeln.

Die USA hatten Teheran am Donnerstag überraschend angeboten, für Zugeständnisse im Gegenzug die internationalen Sanktionen zu lockern. Irans Außenminister Sarif sagte, er halte eine Übereinkunft bei den Atomgesprächen in Genf bis Freitagabend für möglich.

Auch Westerwelle, Fabius und Hague in Genf

Mit seiner Teilnahme wolle Kerry dazu beitragen, "die Gegensätze in den Verhandlungen zu überwinden", sagte ein Vertreter des US-Außenministeriums. Er folge einer Einladung der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton.

Neben Kerry ist auch sein deutscher Amtskollege Guido Westerwelle in Genf dabei. Aus Kreisen des Auswärtigen Amtes in Berlin erfuhr SPIEGEL ONLINE am Freitagmorgen: "Westerwelle wird heute nach Genf fliegen, um dort an den Gesprächen mit Iran teilzunehmen. Dies ist ein wichtiger Moment in den Verhandlungen", hieß es aus dem Amt.

Auch Frankreichs und Großbritanniens Außenminister Laurent Fabius und William Hague werden an den Genfer Gesprächen teilnehmen. Ein Textentwurf werde diskutiert, und Fabius sei der Ansicht, dass dies ein Zeitpunkt sei, "der wichtig sein könnte und eine Diskussion auf Ministerebene erfordere", sagte ein Sprecher des französischen Außenministers in Paris zur Begründung für die überraschende Reise.

Optimistisch gab sich auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Es gebe die "Chance" auf eine Verständigung in Genf.

US-Präsident Barack Obama hatte in einem NBC-Interview bereits vorsichtig von der Möglichkeit eines Abkommens in Phasen gesprochen. Es könne "sehr maßvolle Erleichterungen" geben, sollte Teheran mit "konkreten, verifizierbaren Maßnahmen" auf die Bedenken der internationalen Gemeinschaft eingehen. Die Sanktionen blieben aber in Kraft. Sie würden verschärft werden, wenn Iran seinen Verpflichtungen nicht nachkomme.

als/sev/dpa/Reuters
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