Atomgespräche mit Nordkorea "Fragen Sie doch die USA"

Werden die Gespräche über Kim Jong Uns Atomprogramm fortgesetzt? Die USA nannten das Treffen "gut" - Nordkorea bezeichnete es als "abscheulich". Der Abbruch der Verhandlungen zeigt: Pjöngjang ist unberechenbar.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un bei einem Raketentest: "Wer weiß, was Schreckliches geschehen könnte"
KCNA / KNS / AFP

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un bei einem Raketentest: "Wer weiß, was Schreckliches geschehen könnte"

Von , Seoul


Die Zwischenstopps des nordkoreanischen Unterhändlers Kim Myong Gil am Flughafen von Peking sind meistens recht aufschlussreich. Als Kim vergangenen Donnerstag zu den Gesprächen über das nordkoreanische Atomprogramm nach Schweden reiste, musste er in China umsteigen. Dort erklärte er Reportern, dass er "von großen Erwartungen und Optimismus" erfüllt sei. Die Amerikaner hätten "neue Signale" gesendet.

Am Montag klang Kim - auf dem Rückweg in seine Heimat - ganz anders: "Fragen Sie doch die USA, ob die Gespräche weitergehen. Wenn die USA dann nicht gut vorbereitet sind, wer weiß, was dann Schreckliches geschehen könnte. Warten wir es ab." Aus diesen Bemerkungen lässt sich unschwer ablesen, dass Nordkorea die Verhandlungen vorerst als gescheitert ansieht. Als "enttäuschend" und sogar "abscheulich" bezeichnete die Delegation aus Pjöngjang das Treffen. Achteinhalb Stunden hatten sich die Unterhändler beider Seiten am Samstag in der schwedischen Hauptstadt Stockholm getroffen.

Das US-Außenministerium verbreitete eine ganz andere Sicht: "Gut" seien die Verhandlungen gewesen, erklärte Ministeriumssprecherin Morgan Ortagus. Die Darstellung der Nordkoreaner gebe "Inhalt und Geist" des Treffens nicht wieder. Die US-Vertreter hätten "kreative Ideen" eingebracht. Weitere Details dazu nannte sie nicht, sagte aber, die USA und Nordkorea könnten nicht in einem Tag "70 Jahre Krieg und Feindseligkeit auf der koreanischen Halbinsel" beseitigen.

Nordkorea erneuert Ultimatum

Zu einer ähnlichen Einschätzung schien auch Schwedens Außenministerin Ann Linde gelangt zu sein. Die Gespräche seien zunächst konstruktiv verlaufen, sagte sie. "Dann gab es, denke ich, eine unterschiedliche Sicht darauf, was man in einem Treffen erreichen kann." Sie lud beide Seiten ein, in zwei Wochen in Stockholm weiterzuverhandeln. Die USA erklärten sich dazu bereit, die nordkoreanische Seite reagierte ablehnend.

Unklar ist daher, ob und wann weitere Gespräche stattfinden. Der Abbruch kommt für Yang Moo Jin, Professor an der Universität für Nordkorea-Studien in Seoul, nicht überraschend: "Das ist eine für Nordkorea typische Taktik." Machthaber Kim Jong Un betreibe eine Politik am Rande des Abgrunds, im angloamerikanischen Raum "Brinkmanship" genannt. Den Gegenpart zum Nachgeben zu bewegen, indem man ihm strategisch droht, ist das Ziel dieser hochriskanten Politik. Möglicherweise versucht die Delegation aus Pjöngjang nun, den USA schon dadurch Zugeständnisse abzutrotzen, dass sie überhaupt an den Verhandlungstisch zurückkehrt.

In jedem Fall bemüht sich Nordkorea, die amerikanische Seite als unflexibel darzustellen und den Druck zu verstärken. Schon im April hatte Kim Jong Un gefordert, die USA müssten bis Ende des Jahres ihre Haltung ändern. Ein Sprecher seines Außenministeriums wiederholte diese unverhohlene Drohung nun: "Die Deadline ist Ende des Jahres." Das Ministerium betonte auch, die USA hätten durchaus immer wieder Signale gesendet, dass sie bereit seien für einen "neuen Ansatz" und jene "kreativen Lösungen". In Stockholm aber hätten sie "nichts Neues" an den Verhandlungstisch gebracht.

Unterhändler müssen weiter verhandeln

Offenbar ist damit auch eine Äußerung von US-Präsident Donald Trump im September gemeint, der einen "neuen Weg" erwogen hatte. Als Reaktion auf die Kritik seines früheren Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton an seinem Nordkorea-Kurs hatte Trump erklärt: "John sollte sehen, wie schlecht es in der Vergangenheit gelaufen ist, und vielleicht wäre eine neue Herangehensweise sehr gut." Die Absetzung von Hardliner Bolton sowie das drohende Impeachment-Verfahren gegen Trump könnte die autoritäre Führung in Pjöngjang zudem im Glauben bestärkt haben, die Amerikaner würden flexibler verhandeln.

Die USA fordern bisher, dass Nordkorea vollständig atomar abrüstet - erst dann sei Washington im Gegenzug zu einer Erleichterung der Sanktionen bereit, die das Regime derzeit hart treffen. In dieser Frage lagen beide Seiten schon bei ihrem letzten Treffen im Februar weit auseinander. Ergebnislos endete damals der Gipfel zwischen Trump und Kim Jong Un in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. Die Verhandlungen in Stockholm waren seither die ersten Gespräche über das Atomprogramm, von einem informellen Treffen Trumps mit Kim Jong Un im Juni einmal abgesehen. Wirkliche Fortschritte bei den Abrüstungsverhandlungen hat keines der Gipfeltreffen von Trump und Kim gebracht - auch weil es bei einem komplexen Thema wie diesem üblicherweise entscheidend ist, dass auf Arbeitsebene Details ausgehandelt werden.

Daher wären neue Gespräche zwischen den Unterhändlern vonnöten. Die südkoreanische Regierung, die sich seit vergangenem Jahr immer wieder als Vermittler eingeschaltet hat, will den Dialog denn auch nicht für beendet erklären. Der zuständige Sonderbeauftragte der südkoreanischen Regierung, Lee Do Hoon, reiste inzwischen nach Washington, um sich mit dem US-Gesandten für Nordkorea, Stephen Biegun, zu besprechen. Ein Sprecher des Präsidentenpalastes in Seoul mahnte am Montag, es sei wichtig, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

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darthmax 07.10.2019
1. Vorleistungen
Die Nordkoreaner verlangen Vorleistungen , wie die Iraner, die erst am Ende der Verhandlungen gewährt werden können.
blabla55 07.10.2019
2.
Naja,stellt sich die Frage,wer unberechenbar ist,siehe die aktuellen News zum Abzug der US-Truppen.
PeterPan95 07.10.2019
3. Hut ab, Trump
Trump hat es geschafft, dass Nordkorea auf diplomatischer Ebene auf Augenhöhe mit den USA agieren können und wahrgenommen werden. Das Traurigste an der Geschichte: Für mich sind die Aussagen beider Seiten gleich viel wert. Nämlich nix. Trump will gute Ergebnisse und lügt sie sich zurecht, Nordkorea will die Eskalationsschiene weiter fahren um dann mit Zugeständnissen Lebensmittel und andere Hilfen zu erpressen. Kim Yong Un spielt momentan besser als Trump.
marthaimschnee 07.10.2019
4. Korrektur!
Die USA sind nicht zu Erleichterungen der Sanktionen bereit, wenn Nordkorea vollständig atomar abrüstet, sie sind bereit, über Erleichterungen nachzudenken, wenn Nordkorea vollständig atomar abrüstet. Das ist ein himmelweiter Unterschied und unter dem besten Dealmaker aller Zeiten, der Weltpolitik nach Tagesform macht, tatsächlich weniger als Nichts.
AndreasKurtz 07.10.2019
5. Die USA sind berechenbar in ihrer Arroganz,
dass die Nordkoreaner erwartet haben, dass die USA wirklich verhandeln wollen, zeigt einen gewissen Optimismus. Wenn man die USA Politik der letzten Jahrzehnte jedoch kennt, dann gehen Verhandlungen nicht. Und wenn ein Vertrag geschlossen wird, wird er wieder gebrochen. Nordkorea ist extrem berechenbar. Für den Autor: Es ist ganz einfach: USA machen Zugeständnisse, Nordkorea macht Zugeständnisse. Erst kleinere, dann größere. Das ist es, was Nordkorea will, und sie haben es wirklich sehr klar gemacht. Was ist passiert: USA: Ihr gebt ales auf, vielleicht machen wir dann Zugeständnisse.
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