Atomkraft in Frankreich Abwiegeln, beschwichtigen, weitermachen

Die Behörden geben Entwarnung, trotzdem ist das Misstrauen groß: Nach der Explosion in der Atomanlage Marcoule steht die französische Nuklearindustrie in der Kritik. Die Anwohner sind verunsichert - doch die Politik stellt sich stur.

Atomanlage im französischen Marcoule: Nach der Explosion sichern Gendarme das Gelände
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Atomanlage im französischen Marcoule: Nach der Explosion sichern Gendarme das Gelände

Von , Paris


Wann genau das Unglück begann, wusste die zuständige Behörde nicht zu sagen, man sprach vom "Ende des Vormittags". Auch die Gründe für das "äußerst seltene Ereignis" waren am Montag nicht bekannt. Dafür konnte Frankreichs Institut für Nuklearsicherheit (IRSN) aber auf die Minute genau Entwarnung geben.

"Der Brand war um 13.06 Uhr unter Kontrolle, Messungen zur Radioaktivität wurden sofort erhoben", verkündete der Stromgigant EDF. Zu dem Konzern gehört auch das Unglücksunternehmen im südfranzösischen Departement Gard: Hier, bei Marcoule, hat sich am Montag eine Explosion ereignet. Der Schmelzofen des Zentrums für atomare Verbrennung und Aufbereitung (Centraco) flog regelrecht in die Luft. Ein Arbeiter kam ums Leben, vier wurden verletzt.

"Es gibt keinen Austritt von Radioaktivität, und auf den ersten Blick wird es auch keinen geben." Um 17.32 Uhr erklärte dann auch die offizielle Agentur für Nuklearsicherheit (ASN) den Unfall "für beendet".

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Marcoule: Explosion in stillgelegter Atomanlage
Dennoch blieb die Gegend unweit der Stadt Orange über Stunden von Angst gepackt. In der Gemeinde Codelet, so der Internetdienst "Rue89", schließen sich die Menschen ein, als die Nachricht vom Unglück die Runde macht. Erst nach zwei Stunden, berichtet eine Restaurantbesitzerin, erreicht sie telefonisch eine Behörde, die ihr mitteilt, dass kein Risiko bestehe.

Entwarnung, Erleichterung, Übergang zur Tagesordnung? Langfristig gefährlicher als jede radioaktive Strahlung könnte der politische Fallout der Explosion werden; die Halbwertszeit für öffentliches Vergessen ist seit der Katastrophe im japanischen Fukushima auch im Musterland der Atomenergie gesunken: 70 Prozent der Franzosen, so eine Umfrage der Grünen "Les Verts/France Écologie" vom März wollen den langfristigen Ausstieg. Eine Umfrage von Stromproduzent EDF kommt - wenig überraschend - auf 55 Prozent Ausstiegsgegner.

Rund um AKW-Standorte wächst die Sorge

Präsident Nicolas Sarkozy beteuerte nach der Tragödie in Japan stets, dass die eigenen Atommeiler - im offiziellen Sprachgebrauch stets als "nuklearer Park" beschrieben -, vollkommen sicher seien; die "strategischen Entscheidung" für Atomstrom stehe nicht zur Debatte. Doch rund um AKW-Standorte und Zulieferfirmen der Atomindustrie wächst die Sorge um die Sicherheit.

Denn nicht nur das Beben in Fernost hat das Urvertrauen in die "sichere Energie" unter den Franzosen erschüttert. Obendrein hat es der deutsche Abschied vom Atomstrom, verfochten von der politisch konservativen Kanzlerin Angela Merkel, auch Regierungspolitikern jenseits des Rheins schwergemacht, Forderungen von Frankreichs Umweltbewegung nach einem ähnlichen Ausstiegsplan als ökologisches Hirngespinst abzutun.

Zumal Frankreichs Anlagen längst in die Jahre gekommen sind: Während die Betreiber aus Geschäftsgründen auf zunehmend längere Laufzeiten drängen, jenseits der ursprünglich angesetzten vier Jahrzehnte, müssen die 58 Atommeiler des Landes wegen Überholungs- und Reparaturarbeiten immer öfter vom Netz. Wirtschaftlichkeit gegen Sicherheit - ein Widerspruch, den die Sicherheitsbehörde ASN in ihrem Bericht Anfang 2010 ungeheuer deutlich zur Sprache brachte.

Das gilt auch für Atomanlagen wie die rund um Marcoule: Das Zentrum, einst unter General de Gaulle für militärische Zwecke geschaffen, funktioniert heute als Zuarbeiter für Frankreichs Nuklearunternehmen. Hier wird geforscht, der Nuklearkonzern Areva stellt atomaren Brennstoff her. Und Centraco sammelte schwach strahlenden Schrott - Pumpen, Ventile, Schutzkleidung -, der in dem Vier-Tonnen-Ofen der Anlage eingeschmolzen wurde: Zusammen ein Firmenverbund im Dienst der französischen Atomindustrie mit rund 3800 Angestellten.

"Man muss sich das Unvorstellbare vorstellen"

Doch selbst wenn die Explosion dort der erste wirklich schwere Unfall war - völlig reibungslos lief der Betrieb bisher nicht. Ein ASN-Bericht des vergangenen Jahres monierte schlampiges Management, bereits im März 2010 passierte dort ein "Zwischenfall" bei der Herstellung von atomaren Brennstoffen.

"Gewisse Elemente der Konzeption der Reaktoren und ihre Auslegung gegenüber schweren nuklearen Unglücken müssen überdacht werden", resümierte Jacques Repussard, Direktor des hochoffiziellen Instituts für atomare Sicherheit IRSN bereits im Juni. "Ob Natur- oder technische Katastrophe, terroristischer Anschlag oder menschlicher Fehler - diese Möglichkeiten wurden nicht systematisch in Betracht gezogen, stets unter dem Hinweis: 'Das wird nie passieren.' Fukushima hat uns das Gegenteil gelehrt."

Repussard, seit acht Jahren an der Spitze der Sicherheitsagentur und Herr über rund 1500 Experten, ist ins Grübeln gekommen. "Es gibt Verkettungen von erschwerenden Umständen, die Kombination von unwahrscheinlichen Ereignissen, die man vorweg erst einmal für unvorstellbar hält, die aber am Ende tatsächlich passieren", so der IRSN-Chef gegenüber dem "Figaro": "Wie ich es manchmal formuliere - man muss sich das Unvorstellbare vorstellen."

Ob in Marcoule nach dieser Maxime verfahren wurde, soll nun eine amtliche Untersuchung feststellen. Ein EDF-Sprecher kommentierte bereits vorab: "Es war ein Industrieunfall, kein atomarer Unfall." Nachdem der Kurs der Aktie vorübergehend um etwa sieben Prozent gesunken war, sind die Folgen für das Unternehmen nun offenbar ausgestanden.

insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
dasgibtesdochnicht, 13.09.2011
1. Die Hysterie spielt sich doch wieder nur
Zitat von sysopDie Behörden geben Entwarnung, trotzdem ist das Misstrauen groß: Nach der Explosion in der Atomanlage Marcoule steht die französische Nuklearindustrie in der Kritik. Die Anwohner sind verunsichert - doch die Politik stellt sich stur. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785876,00.html
in deutschen Köpfen ab. Die Wirklichkeit und der Rest der Welt sind anders.
nitram1 13.09.2011
2. Die einzigen, die verunsichert sind
sind die deutschen Hysteriemedien!
einuntoter 13.09.2011
3. Furcht vor Verstrahlung?
Meines Wissens der letzte Unfall in Deutschland, bei dem Mitarbeiter "verstrahlt" (ein herrlich reißerischer Begriff) wurden, geschah am 29.August d. J. in: Richtig, einem Kohlekraftwerk. Ich bin dafür, sofort sämtliche Kohlekraftwerke abzuschalten!
Schleswig 13.09.2011
4. xxx
Zitat von sysopDie Behörden geben Entwarnung, trotzdem ist das Misstrauen groß: Nach der Explosion in der Atomanlage Marcoule steht die französische Nuklearindustrie in der Kritik. Die Anwohner sind verunsichert - doch die Politik stellt sich stur. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785876,00.html
Hat vielleicht irgend jemand mitbekommen das die Reaktoren seit vielen Jahren still gelegt wurde?
bmehrens 13.09.2011
5. WO wurde gemessen?
"Messungen zur Radioaktivität wurden sofort erhoben" sagte ein Sprecher. Sagte er auch wo? Vielleicht wurden die Messungen 500km entfernt vom Unfallort durchgeführt - Ergebnis: Radioaktivität 0.
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