Atomkriegsgefahr "Wir können das Risiko deutlich verringern"

Nordkorea ist zur Atommacht avanciert, Iran steht kurz davor, Pakistan und Indien haben die Bombe bereits. Ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie eingesetzt wird? Im Interview erklärt Sam Nunn, einer der erfolgreichsten Abrüstungspolitiker der USA, wie sich die Katastrophe verhindern lässt.
Pakistanische Shaheen-Rakete: Wie lässt sich ein nuklearer Angriff verhindern?

Pakistanische Shaheen-Rakete: Wie lässt sich ein nuklearer Angriff verhindern?

Foto: REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Senator Nunn, Nordkorea hat soeben seinen dritten Atomtest durchgeführt. Die Explosion war viermal stärker als beim vorherigen Test, und erst vor einigen Wochen hat Pjöngjang erfolgreich eine Langstreckenrakete getestet. Sind die USA mit ihrer Strategie der Eindämmung gescheitert?

Nunn: Nordkorea macht bei seinem Atomwaffen- und Raketenprogramm ständig Fortschritte, und das ist zutiefst besorgniserregend. Amerika kann das Problem nicht allein lösen. Um eine fundamentale Wirkung auf Nordkoreas Führung zu erzielen, müssen wir noch enger mit unseren Verbündeten zusammenarbeiten. Insbesondere würde ich China drängen, seine Führungsrolle zu intensivieren, um diese Krise zu bekämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Weltweit gibt es mehr als 17.000 Atomwaffen. Die Zahl der nuklear bewaffneten Staaten steigt, die Technologie verbreitet sich immer weiter. Ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine Atombombe wieder eine Stadt zerstört?

Nunn: Manche glauben, dass wir schon in den nächsten zehn Jahren eine Atomexplosion in Europa oder den USA erleben werden. Wird das geschehen? Natürlich ist es möglich. Aber ich glaube, wir können dieses Risiko deutlich verringern. Das geht nur mit Zusammenarbeit, und sie muss global sein.

SPIEGEL ONLINE: Verhandlungen über nukleare Abrüstung gibt es bereits seit Jahrzehnten. Warum hat eine solche globale Zusammenarbeit nicht schon längst begonnen?

Nunn: Das Misstrauen des Kalten Krieges ist noch immer allgegenwärtig - obwohl Europa, Russland und die USA heute mehr gemeinsame Interessen haben als jemals zuvor. Aber derzeit dauert es Jahre, über etwas zu verhandeln. Hat man endlich ein Ergebnis, ist die Technologie schon wieder viel weiter. Wir müssen dynamische, nachhaltige Verhandlungen führen, damit die Politik auf Höhe der Technologie bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Nur dass wir es inzwischen nicht mehr mit zwei nuklearen Supermächten zu tun haben. Stattdessen stehen sich mit Indien und Pakistan zwei nuklear bewaffnete Erzrivalen gegenüber, Iran ist auf dem Weg zur Bombe, Nordkorea könnte demnächst atomare Interkontinentalraketen besitzen. Wenn es bisher schon nicht möglich war, sich global über Abrüstung zu einigen - wie soll es heute gelingen?

Nunn: Ich glaube nicht, dass wir alle Probleme zugleich angehen können. Wir müssen mit der euro-atlantischen Gemeinschaft beginnen. Europa, die USA und Russland werden kaum auf die Probleme anderswo Einfluss nehmen können, solange wir in unserem eigenen Hinterhof keine stabile und kooperative Atmosphäre haben. Und im Moment haben wir die nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Lage verschärft sich derzeit nicht nur in Nordkorea, sondern auch in Iran. US-Präsident Barack Obama hat deutlich gesagt, dass er Iran keine Atomwaffen gestatten wird. Was aber, wenn sich Iran nicht beugt? Die meisten Militärexperten glauben, dass Luftangriffe das iranische Atomprogramm bestenfalls um einige Jahre verzögern könnten.

Nunn: Die Iraner wissen, dass sie unter enorme militärische Bedrohung durch ihre Nachbarn und die USA gerieten, sollten sie Atomwaffen bauen. Ich kann nicht vorhersagen, was 2013 passieren wird. Aber ich glaube, es ist ein entscheidendes Jahr. Ich hoffe, wir können den Iranern klarmachen, dass wir nichts gegen eine friedliche Nutzung der Atomkraft haben. Aber wenn sie Uran auf 20 Prozent anreichern, erweckt das den Eindruck, dass sie auf die Bombe hinarbeiten. Das iranische Urananreicherungsprogramm ist eine echte Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit deutet alles darauf hin, dass Iran und Nordkorea früher oder später nukleare Interkontinentalraketen besitzen werden. Einige Experten glauben sogar, dass es naiv wäre, etwas anderes anzunehmen.

Nunn: Ich bin nicht ganz so pessimistisch. Wir benötigen einen Dialog mit den Iranern, und dafür brauchen wir Zuckerbrot und Peitsche. Wir haben harte Wirtschaftssanktionen ergriffen, und sie zeigen Wirkung. Aber wir müssen den Iranern auch verdeutlichen, welche wirtschaftlichen und kooperativen Möglichkeiten sie bekämen, wenn sie ihr Streben nach Atomwaffen aufgäben.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Kalten Krieg gab es fünf offizielle Atommächte. Inzwischen haben wir neun, und sollte Iran sich nuklear bewaffnen, könnten die Türkei, Ägypten und Saudi-Arabien nachziehen. Gibt es überhaupt noch Hoffnung, die Verbreitung von Atomwaffen zu stoppen?

Nunn: Schauen Sie, vor nur fünf Jahren besaßen 40 Länder waffenfähiges Atommaterial. Heute sind es nur noch 28. Und mehrere Staaten haben ihre Atomwaffen vollständig aufgegeben, wie etwa Kasachstan, Weißrussland und die Ukraine. Andere wie Südkorea oder Brasilien hätten Atomwaffen bauen können, taten es aber nicht. Es sieht deshalb nicht alles finster aus. Natürlich drohen einige große Lawinen abzugehen, wenn man sich etwa Iran und Nordkorea ansieht. Wenn man sich aber ansieht, welche Lawinen uns bisher schon verfehlt haben, können wir auch dankbar sein.

SPIEGEL ONLINE: Angesichts der Verbreitung von nuklearen Know-how und entsprechenden Materialien äußern sich Fachleute immer wieder verwundert darüber, dass es atomare Terroranschläge nicht schon gegeben hat. Einige sagen, es liege nur daran, dass Terroristen das bisher nicht wollten.

Nunn: Ich würde unseren Bemühungen ein wenig mehr Vertrauen schenken. Hätten Terroristen Atommaterial und würden jemanden finden, der ihnen eine Bombe baut - und beides ist möglich! -, dann hätten wir bereits eine nukleare Explosion erlebt. Aber es gibt Tausende Menschen auf der Welt, die wie verrückt arbeiten und große Opfer bringen, um nukleare Materialien zu sichern. Ein besonderes Lob verdienen die Russen. Viele hätten in Zeiten großer wirtschaftlicher Not eine Menge Geld verdienen können, wenn sie ihre Expertise verkauft hätten. Stattdessen haben sie sich der Aufgabe verschrieben, nicht nur nukleare, sondern auch chemische und biologische Stoffe zu sichern und zu zerstören.

SPIEGEL ONLINE: In seiner Prager Rede von 2009 hat Präsident Obama gesagt: "Die Bedrohung eines globalen Atomkriegs ist gesunken, das Risiko eines nuklearen Angriffs ist gestiegen." Zugleich hat er die Vision einer atomwaffenfreien Welt präsentiert. Glauben Sie, dass das jemals erreichbar sein wird?

Nunn: Ich glaube nicht, dass wir innerhalb einer bestimmten Zeit alle Atomwaffen loswerden können. Aber ich glaube schon, dass wir Schritt für Schritt vorangehen und andere mitnehmen können. Es ist wie das Besteigen eines Bergs. Wir können es bis zum Gipfel schaffen, aber zuerst müssen wir das Basislager erreichen. Im Moment befinden wir uns im Tal, und wir haben noch einen langen Weg vor uns. Aber vielleicht werden unsere Kinder oder Enkel den Gipfel sehen.

Das Interview führte Markus Becker