Atomstreit mit Iran "Wir können die Uhr nicht zurückdrehen"

Die Frist im Atomstreit des Westens mit Iran läuft ab. Teherans Top-Diplomat Takht Ravanchi äußert sich im Interview skeptisch zum Ausgang der Verhandlungen. Er plädiert aber dennoch für einen gemeinsamen Kampf gegen den "Islamischen Staat".
Iranische Atomanlage Buschehr (Archivbild): "Wir können die Uhr nicht einfach zurückdrehen"

Iranische Atomanlage Buschehr (Archivbild): "Wir können die Uhr nicht einfach zurückdrehen"

Foto: © Stringer Iran / Reuters/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Scheitern die Verhandlungen zwischen Iran und dem Westen?

Takht Ravanchi: Wir sind jedenfalls in einer kritischen Phase. Es ist nicht mehr viel Zeit bis zum 24. November, und die Positionen sind mehr oder weniger noch immer die gleichen.

SPIEGEL ONLINE: Beobachter halten einen Durchbruch für unwahrscheinlich. Teilen Sie diese Einschätzung?

Takht Ravanchi: Wenn wir nicht zu einem Ergebnis kommen bis zu diesem 24. November, werden objektive Beobachter zumindest nicht Iran dafür verantwortlich machen. Wir sind absolut willig gewesen, die Sache zu Ende zu bringen.

Zur Person
Foto: JUAN BARRETO/ AFP

Der Iraner Majid Takht Ravanchi, 56, ist einer der wichtigsten Unterhändler bei den Nuklearverhandlungen mit dem Westen. Der stellvertretende Außenminister für Europa und die USA studierte in Amerika und der Schweiz Ingenieurswissenschaften. Er gilt als Vertrauter von Regierungschef Hassan Rohani.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das größte Hindernis?

Takht Ravanchi: Die Anreicherung ist eine Sache, natürlich, und anderseits die Sanktionen, aber wir sprechen auch über die umstrittene Anlage Arak und andere Themen, über die wir uns einigen müssen. Unserem Urteil nach erkennen die Amerikaner die Entwicklungen in Iran im Nuklearbereich schlichtweg nicht an, sowohl was die Möglichkeiten als auch was die Kapazitäten betrifft. Wir haben 20.000 Zentrifugen, nur die Hälfte davon produziert nukleares Material. Wir können die Uhr ja nicht einfach zurückdrehen und sagen, jetzt sind wir wieder in 2005 und bieten an, was wir damals angeboten haben.

SPIEGEL ONLINE: Das war sicher eine vertane Chance. Aber wie können Sie heute Fortschritt erwarten, wenn Sie auf dem Status Quo beharren?

Takht Ravanchi: Wir müssen den Status Quo aufrechterhalten! Aber wir sind auch bereit, unsere Aktivitäten für eine bestimmte Zeit einzuschränken. Danach wollen wir jedoch wie jedes andere Mitglied des Atomwaffensperrvertrags (NPT) behandelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Zusammengefasst heißt das doch: Sie wollen alle Zentrifugen behalten, nichts vernichten, die Entwicklung lediglich kurz aussetzen und Ihre Pläne anschließend weiterverfolgen?

Takht Ravanchi: Die Zeit der Restriktionen sollte tatsächlich nicht lang dauern, weil wir im Einklang mit einem Zusatzprotokoll zum NPT, der eine starke Verpflichtungserklärung zur friedlichen Nutzung von Atomenergie enthält, Maßnahmen entwickeln, die absolute Transparenz ermöglichen. Dieses Zusatzprotokoll muss vom iranischen Parlament allerdings noch bestätigt werden.

SPIEGEL ONLINE: Das wird die andere Seite wenig ermutigen.

Takht Ravanchi: Die Realitäten in Iran können nicht einfach ignoriert werden.

SPIEGEL ONLINE: Zu den Realitäten in Iran gehören aber auch 30 Prozent Inflation und eine Arbeitslosenrate von 18 Prozent, inoffiziell eher 32 Prozent. Wie lange halten Sie das noch durch?

Takht Ravanchi: Iran hat diese Verhandlungen über das Nuklearprogramm nicht wegen der Sanktionen begonnen, sondern um zu zeigen, dass wir nichts zu verbergen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind China, Indien und Russland bessere Verbündete und Wirtschaftspartner als der Westen?

Takht Ravanchi: Europa und Amerika sind nicht die ganze Welt, und wenn ein Land entscheidet, nicht mit Iran zu arbeiten, bedeutet auch das nicht das Ende - auch wenn ich als für Europa und Amerika zuständiger Diplomat der Letzte sein sollte, so etwas zu sagen. Aber es gibt Auswege, andere Möglichkeiten mit anderen Ländern. Viele Geschäftsleute kommen nach Iran, um die Möglichkeiten für eine verbesserte Zusammenarbeit auszuloten, auch aus Europa. Das zeigt doch, dass die Sanktionen nicht halten. Die Iran-Phobie verebbt.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie gemeinsame politische Interessen mit dem Westen seit der sogenannte "Islamische Staat" sich in Ihrer Nachbarschaft ausbreitet?

Takht Ravanchi: Das muss auf internationaler Ebene beantwortet werden, auf der Grundlage von internationalem Recht. Wir haben unsere Vorstellungen davon, wie man dieses Problem behandeln sollte, und gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft können wir da etwas beisteuern. Wichtig ist zu verstehen, dass dieses Phänomen gefährlich für alle ist, für uns, für Europa, Amerika, aber auch für andere Länder.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen Sie da speziell von Saudi-Arabien, Ihrem politischen Rivalen in der Region?

Takht Ravanchi: Wir sind Nachbarn, und wir müssen miteinander sprechen. Das geschieht auch. Unser stellvertretender Minister für die Region war kürzlich in Riad. Wir glauben, dass wir das intensivieren können, zum Vorteil von Iran und Saudi-Arabien und der ganzen Region.

Das Interview führte Susanne Koelbl