Atomprogramm Iran kommt mit Uran-Anreicherung schneller voran als vermutet

Die Internationale Atomenergiebehörde schlägt Alarm: Iran habe größere Fortschritte in der Uran-Anreicherung erzielt als bisher vermutet, berichtet IAEA-Chef ElBaradei. In Washington macht sich Nervosität breit.


Washington - "Wir glauben, dass sie die Anreicherung im Wesentlichen verstanden haben", zitierte die "New York Times" den Chef der Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), Mohamed ElBaradei. "Ab jetzt müssen sie das Wissen nur noch perfektionieren. Das werden die Leute nicht hören wollen, aber es ist eine Tatsache."

Iran: Emsiges Arbeiten am Atomprogramm
AFP

Iran: Emsiges Arbeiten am Atomprogramm

Inspektoren hätten am Sonntag festgestellt, dass Irans Ingenieure bereits 1300 Zentrifugen im Einsatz haben, berichtete das Blatt weiter. Um waffentaugliches Uran herstellen zu können, ist noch ein höherer Grad der Anreicherung erforderlich.

Ein hochrangiger US-Vertreter, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte in Washington: "In gewisser Weise tickt die Uhr." Es sei jedoch eine Sache, das Uran bis zur Waffentauglichkeit anzureichern, es sei eine andere, genug davon zu produzieren und eine so kleine Bombe zu bauen, dass sie transportiert werden könne. "Ich weiß einfach nicht, wie viel Zeit wir noch haben."

Ein Sprecher des US-Außenministeriums sagte der "New York Times", er kenne den jüngsten Bericht der IAEA nicht. "Wir arbeiten aber weiter unter der Annahme, dass für die Diplomatie genug Zeit bleibt."

Uran und Atomwaffen
Uran
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.
Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

Die meisten Anreicherungsanlagen weltweit basieren auf der Gasdiffusion: Gasförmiges Uran-Hexafluorid wird durch halbdurchlässige Membrane gepresst, wobei sich das Uran 235 vom Rest trennt. Das Verfahren gilt inzwischen jedoch aufgrund seines hohen Energiebedarfs als veraltet.

Eine modernere Methode ist die Gaszentrifuge, an der auch in Iran experimentiert wird. Bei ihr macht man sich den Massenunterschied zwischen beiden Uran-Isotopen zunutze: Wird Uran-Hexafluorid in die Zentrifugen gegeben, sammeln sich die schwereren Uran-238-Moleküle bei bis zu 70.000 Umdrehungen pro Minute außen in den Zylindern, die Uran-235-Moleküle bleiben innen.
Einsatz in Atomwaffen
Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (Uno) fordert von Iran die Einstellung der Uran-Anreicherung und hatte im März seine Sanktionen gegen die Islamische Republik verschärft. Insbesondere die USA werfen Iran vor, nach Atomwaffen zu streben und haben einen Militärschlag nicht ausgeschlossen. Teheran weist die Vorwürfe zurück.

Noch im Vormonat hatte Iran die Fortschritte im Urananreicherungsprogramm heruntergespielt. Damals verlautete aus dem Außenministerium in Teheran, dass die Herstellung von nuklearem Brennstoff für das Kernkraftwerk Buschehr noch "sehr lange" dauern werde.

asc/Reuters/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.