Atomprogramm Iran soll waffenfähiges Uran aus Pakistan erhalten haben

Die Zeichen standen auf Entwarnung: Iran hatte angekündigt, sein Atomprogramm auszusetzen und die Internationale Atombehörde zu Kontrollen einzuladen. Nun aber behauptet eine Gruppe iranischer Exil-Oppositioneller, dass die Mullahs Atomwaffentechnologien vom pakistanischen Atom-Papst Khan erhalten haben.


Abdul Qadeer Khan: Zulieferer für iranische Atomindustrie?
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Abdul Qadeer Khan: Zulieferer für iranische Atomindustrie?

Teheran/Wien - Der inzwischen von seinem Amt suspendierte Chef des pakistanischen Atomprogramms, Abdul Qadeer Khan, habe Iran ebenso wie Libyen in den neunziger Jahren über ein Schwarzmarktnetz mit entsprechenden Blaupausen versorgt, erklärte Farid Suleiman vom so genannten Nationalen Widerstandsrat der Exil-Iraner (NCRI) in Wien.

Suleiman sagte, Iran betreibe ein geheimes Atomprogramm auf einem Militärgelände, von dem die Inspektoren der Uno keine Kenntnis hätten. Entgegen einer mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien getroffenen Vereinbarung zur Beilegung des Atomstreits reichere Iran in dieser Militäranlage im Nordosten Teherans Uran an.

Den Äußerungen Suleimans zufolge habe Khan über einen weltweiten Schwarzmarkt Libyen und Iran mit Technologie zur Urananreicherung beliefert und Iran zwischen 1994 und 1996 einen in China entwickelten Sprengkopf verschafft. Die Menge des waffentauglichen Urans, das von Khan in iranischen Besitz gelangt sei, sei nicht bekannt. "Ich würde bezweifeln, dass es für eine Waffe ausreicht", sagte Suleiman.

Iran-Karte: Die Atomanlage von Schian
AFP

Iran-Karte: Die Atomanlage von Schian

Die iranische Militäranlage, in der angeblich weiter Uran angereichert wird, befinde sich in Lawisan, in der Nähe einer Einrichtung, von der die USA sagen, Iran habe sie abreißen lassen und sehr gründlich abgetragen. Die Anlage werde vom Verteidigungsministerium betrieben. "Iran fährt in diesem Moment damit fort, Uran anzureichern", sagte Suleiman.

Atomenergiebehörde sagt Prüfung zu

Die in Wien ansässige Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) sagte eine Prüfung der Vorwürfe zu, ohne sich offiziell dazu zu äußern. Ein IAEA-Diplomat, der ungenannt bleiben wollte, erklärte, die Behörde habe schon lange befürchtet, dass der Iran dasselbe Know-how erhalten haben könnte wie Libyen. Dessen Staatschef Muammar al-Gaddafi hat sich inzwischen öffentlich dazu bekannt und sein Atomprogramm eingestellt.

Der Diplomat sagte ferner, dass die Überprüfung der iranischen Nuklearanlage Lawisan-Schian bei Teheran noch nicht abgeschlossen sei. Dem Widerstandsrat zufolge wird dort weiterhin Uran angereichert, obwohl sich Iran inzwischen zur Aussetzung bereit erklärt hat.

Nuklear-Anlage in Iran: Hat das Land waffenfähiges Uran?
AP/ DigitalGlobe

Nuklear-Anlage in Iran: Hat das Land waffenfähiges Uran?

Diese mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien erzielte Vereinbarung bezeichnete der iranische Präsident Mohammed Chatami als "großen Sieg" für sein Land. Die Umsetzung hänge jetzt von der europäischen Unterstützung bei der IAEA-Sitzung am 25. November ab.

"Wenn der IAEA-Gouverneursrat eine korrekte Entscheidung trifft, wird das ein Schritt in die Richtung sein, der uns Hoffnung gibt, dass wir unser Recht bekommen", erklärte Chatami in Teheran. Er erklärte, die Europäer hätten in dem Abkommen das Recht Irans bestätigt, Atomenergie zu friedlichen Zwecken zu nutzen.

Bei der IAEA-Gouverneursratssitzung geht es darum, ob das iranische Programm als friedlich eingestuft wird oder ob der Verdacht belegt werden kann, dass Teheran den Besitz von Atomwaffen anstrebt. In letzterem Fall soll der Uno-Sicherheitsrat eingeschaltet werden, der Sanktionen verhängen könnte.

Optimismus bei Schröder und Fischer

Bundeskanzler Gerhard Schröder zeigte sich überzeugt, dass Iran die Atomvereinbarung einhalten werde. "Ich habe keinen Grund, etwas anderes anzunehmen", sagte er in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit". Die Europäer wiederum seien bereit, für den Verzicht Irans auf Atomwaffen wirtschaftliche Zusammenarbeit "in einem sehr umfassenden Sinne" sowie die Kooperation bei der friedlichen Nutzung von Kernenergie anzubieten.

Bundesaußenminister Joschka Fischer wies auf die Verpflichtung beider Seiten hin, die Vereinbarung umzusetzen. Er äußerte die Erwartung, dass die IAEA die freiwillige Suspendierung aller anreicherungs- und wiederaufbereitungsbezogenen Aktivitäten Irans bei der Gouverneursratssitzung bestätigt und auch künftig überwacht.

Dass sich die USA eine militärische Intervention vorbehalten könnten, falls der Streit mit Iran nicht gelöst werde, glaubt der Kanzler nicht. Vor dem Hintergrund der Sicherheitslage in Afghanistan und des ungelösten Konflikts im Irak "auch nur darüber nachzudenken, dass man in Iran militärisch intervenieren könnte - dazu kann ich meine Hand nicht reichen", erklärte Schröder.



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