Atomprogramm Russland, Frankreich und Australien zweifeln an Teherans Angaben

Die internationale Staatengemeinschaft hat mit scharfer Kritik auf die iranische Bekanntgabe einer massiven Ausweitung des Atomprogramms reagiert. Mehrere Länder und Experten äußerten jedoch Zweifel an der Darstellung Teherans, man habe damit begonnen, in 3000 Zentrifugen Uran anzureichern.


Berlin/Teheran - Auch die deutsche EU-Ratspräsidentschaft drückte ihre Besorgnis aus. Der iranische Chefunterhändler Ali Laridschani hatte gestern erklärt, sein Land habe damit begonnen, in 3000 Zentrifugen Uran anzureichern. Dies wäre fast eine Verzehnfachung der bislang vermuteten Kapazitäten. Präsident Mahmud Ahmadinedschad sagte, Iran sei nun in der Lage, angereichertes Uran in "industriellem Maßstab" zu produzieren.

Gleichzeitig gab es Zweifel an den iranischen Angaben. Russland könne sich nicht vorstellen, wie Iran binnen kürzester Zeit einen solchen technologischen Durchbruch geschafft haben könnte, erklärte Außenamtssprecher Michail Kamynin. Man habe die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) um eine Einschätzung gebeten und warte nun auf eine Antwort aus Wien.

Eine Bestätigung für den Beginn der Urananreicherung in den neuen Zentrifugen liege noch nicht vor, sagte Außenminister Sergej Lawrow vor Journalisten.

Auch der australische Außenminister Alexander Downer bezweifelte den von Teheran gemeldeten Umfang der Urananreicherung. "Ich bin nicht sicher, ob das stimmt oder nicht", sagte Downer. Und der Sprecher des französischen Außenministeriums, Jean-Baptiste Mattei, sagte, Ankündigungen seien eine Sache, technische Realitäten eine andere.

Uran und Atomwaffen
Uran
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.
Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

Die meisten Anreicherungsanlagen weltweit basieren auf der Gasdiffusion: Gasförmiges Uran-Hexafluorid wird durch halbdurchlässige Membrane gepresst, wobei sich das Uran 235 vom Rest trennt. Das Verfahren gilt inzwischen jedoch aufgrund seines hohen Energiebedarfs als veraltet.

Eine modernere Methode ist die Gaszentrifuge, an der auch in Iran experimentiert wird. Bei ihr macht man sich den Massenunterschied zwischen beiden Uran-Isotopen zunutze: Wird Uran-Hexafluorid in die Zentrifugen gegeben, sammeln sich die schwereren Uran-238-Moleküle bei bis zu 70.000 Umdrehungen pro Minute außen in den Zylindern, die Uran-235-Moleküle bleiben innen.
Einsatz in Atomwaffen
Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.

Ein Analyst des renommierten Internationalen Instituts für Strategische Studien in London, Mark Fitzpatrick, vertrat die Ansicht, dass Iran hinsichtlich des Umfangs der Urananreicherung wohl übertrieben habe. Um sicher zu sein, müsse man die Inspektoren der IAEA hören. Ähnlich skeptisch äußerten sich auch andere internationale Experten.

Trotz der Skepsis stieß die Ankündigung aus Teheran international auf scharfe Kritik. In einer heute vom Auswärtigen Amt in Berlin veröffentlichten Erklärung der deutschen EU-Ratspräsidentschaft hieß es, man habe mit großer Sorge die Ankündigung Irans zur Kenntnis genommen, Urananreicherung in industriellem Maßstab betreiben zu wollen. Ein solcher Schritt stünde im Widerspruch zu den Forderungen der IAEA und des Uno-Sicherheitsrats.

Das britische Außenministerium forderte Teheran auf, die Urananreicherung unverzüglich einzustellen. Iran müsse beweisen, dass er die Nukleartechnik lediglich für die Energiegewinnung nutzen wolle. Der französische Außenminister Philippe Douste-Blazy sprach von einem "schlechten Zeichen" aus Teheran. Iran müsse die Uno-Resolutionen zum Verzicht auf sein umstrittenes Atomprogramm uneingeschränkt akzeptieren.

Der Sprecher des US-Außenministeriums, Sean McCormack, kritisierte, Iran missachte erneut die Forderungen der internationalen Gemeinschaft. Dies sei auch der Grund dafür, dass die Uno den iranischen Beteuerungen, dass das Atomprogramm nur friedlichen Zwecken diene, keinen Glauben schenkten.

Die beiden Inspektoren der IAEA, die heute in Teheran eintrafen, sollen die Atomanlage Natans routinemäßig kontrollieren, wie die iranischen Behörden und die IAEA mitteilten. Der Komplex in Natans dient der Urananreicherung. Die Anlage gilt als Kern des iranischen Atomprogramms.

Von Ali Akbar Dareini, AP



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