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10. August 2005, 09:25 Uhr

Atomstreit

Iran öffnet die Uno-Siegel in Isfahan

Die vollständige Wiederinbetriebnahme der umstrittenen iranischen Atomanlage Isfahan ist nur noch eine Frage von Stunden. Die noch verbliebenen Siegel der Uno-Atombehörde IAEA würden im Laufe des Tages entfernt, kündigte die Regierung in Teheran an.

Atomtechniker in Isfahan: Arbeiten werden wiederaufgenommen
REUTERS

Atomtechniker in Isfahan: Arbeiten werden wiederaufgenommen

Washington/Teheran - Die Arbeiten würden dann "wiederaufgenommen", sagte der Chef der iranischen Atomenergiebehörde, Gholamresa Aghasedeh, heute im Staatsfernsehen. Die Fabrik, in der Uran zu dem Anreicherungsgas Uranhexafluorid umgewandelt wird, war seit Dezember 2004 von der Wiener Uno-Atombehörde IAEA versiegelt. Der Westen müsse ein für alle Mal einen atomaren Iran akzeptieren, sage Aghasedeh dem iranischen Nachrichtensender Khabar.

Iran hatte bereits am Montag trotz scharfer internationaler Kritik Teile von Isfahan wieder in Betrieb genommen und damit die Verhandlungen über das Atomprogramm mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien gefährdet. Der Gouverneursrat der IAEA will heute in Wien seine Krisensitzung zum iranischen Atomprogramm fortsetzen. Beim gestrigen Auftakt der Beratungen hatte sich keine Lösung abgezeichnet. Westliche Diplomaten gehen davon aus, dass sich der Gouverneursrat voraussichtlich erst morgen auf eine gemeinsame Erklärung einigen wird.

US-Präsident George W. Bush hatte gestern an die EU appelliert, alles zu tun, um Iran auf diplomatischem Weg davon abzubringen, Nuklearwaffen zu entwickeln. Er gratuliere den Europäern "zu ihrer Stärke und dazu, dass sie mit einer Stimme sprechen". Der Gang zum Uno-Sicherheitsrat sei sicher eine Option, wenn Iran nicht einlenke, sagte der Präsident in seinem Heimatort Crawford. Er habe "tiefes Misstrauen" gegenüber den iranischen Nuklearabsichten, sagte Bush.

Zudem erhob US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld neue Vorwürfe gegen die Führung in Teheran. Er beschuldigte sie, die Lieferung moderner Sprengsätze aus Iran an die Aufständischen im Irak zuzulassen. Rumsfeld bestätigte einen Bericht der "New York Times", nach dem die Sprengsätze, mit denen amerikanische und irakische Streitkräfte im Irak angegriffen werden, aus Iran stammen.

Der außenpolitische Beauftragte der EU, Javier Solana, rief Teheran im Atomstreit zum Einlenken auf. Iran müsse die Entscheidung zur Aktivierung der Uranumwandlungsanlage bei Isfahan revidieren. "Sonst landen wir am Ende unweigerlich in New York - vor dem Uno-Sicherheitsrat", sagte Solana der "Süddeutschen Zeitung".

Elmar Brok, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament, forderte die EU-Vermittlergruppe zu Verhandlungen mit Russland und China auf. "Wenn Russen und Chinesen nicht mitmachen, kann man die Drohkulisse des Uno-Sicherheitsrates gleich ganz vergessen", sagte Brok (CDU) der "Berliner Zeitung". Daher sollten die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens in den nächsten Tagen zu Gesprächen nach Moskau und Peking reisen. Brok warnte davor, die Verhandlungen mit Teheran abreißen zu lassen. "Es gibt keine Alternative." Allerdings sei die Haltung der iranischen Regierung nicht glaubwürdig. "Der Iran will Atomstaat werden", sagte Brok. Anders lasse sich nicht erklären, dass seine Führung darauf beharre, den Brennstoffkreislauf zu schließen, und Raketen baue, die bis Europa reichten.

Der neue Präsident Mahmud Ahmadinedschad kündigte inzwischen in Teheran an, er werde nach der Bildung seiner Regierung in etwa zwei Wochen "neue Vorschläge und Initiativen" vorlegen.

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