Atomstreit Wie Iran den Westen blendet

Die EU-Sanktionen reißen tiefe Löcher in den iranischen Staatshaushalt. Präsident Ahmadinedschad hat nun zugestimmt, die Atomgespräche wieder aufzunehmen. Doch Experten sind sich sicher: Teheran lenkt in dem jahrelangen Streit nicht ein - das Regime verfolgt ein ganz anderes Ziel.

Gold-Händler auf einem Markt in Teheran: Massiver Wertverlust der iranischen Währung
AP

Gold-Händler auf einem Markt in Teheran: Massiver Wertverlust der iranischen Währung

Von Mohammad Reza Kazemi


"Präsident Mahmud Ahmadinedschad ist der diesjährige Gewinner des Nobelpreises für Chemie. Wieso? Weil er es geschafft hat, die iranische Währung Rial in Scheiße zu verwandeln", lautet ein aktueller iranischer Witz, der auf einer bitteren Wahrheit gründet: Der Rial ist in den vergangenen Wochen eingebrochen und hat zeitweise die Hälfte seines Werts verloren.

Der Kursverfall führte in der Bevölkerung zu Verwirrung und Angst. Tausende Menschen stürmten in die Banken, um ihre Ersparnisse in Gold oder US-Dollar umzuwandeln - was prompt die Tauschkurse noch weiter nach oben trieb. Die Währung des "großen Satans", wie einst Ajatollah Chomeini die USA bezeichnete, hat längst die iranischen Märkte erobert. Laut Berichten einiger iranischer Medien verlangen manche Teheraner Händler inzwischen von ihren Kunden nicht mehr die mit einem Chomeini-Porträt bedruckten 1000-Rial-Scheine, sondern US-Dollar-Noten, weil sie ihrer Landeswährung nicht mehr vertrauen.

Ahmadinedschad sieht eine innenpolitische Verschwörung als Grund für das finanzielle Chaos. "Händler-Banden", "einige Politiker" und "manche Medien" wollten zeigen, dass seine Regierung "wirtschaftlich unfähig" sei, wetterte er jüngst in einer Rede.

Experten sehen allerdings andere Gründe: "Neben jahrelanger falscher wirtschaftlicher und monetärer Politik ist das internationale Embargo hauptsächlich für die Misere in Iran verantwortlich", sagt der in Paris lebende iranische Wirtschaftsexperte Fereydoon Khavand. "Wegen der Sanktionen gegen iranische Banken hat es das Land schwer, für das gelieferte Öl nach China, Indien oder Südkorea Geld zu bekommen. So fehlen der iranischen Zentralbank Devisen, um den Binnenmarkt zu speisen."

Damit Iran im Konflikt um sein Atomprogramm einlenkt, entschieden sich die EU-Länder vergangene Woche, die ausländischen Konten der iranischen Zentralbank einzufrieren und ab 1. Juli kein iranisches Öl mehr zu importieren. Das habe zu einer Eskalation der ohnehin kritischen Lage in Iran geführt, sagt Khavand.

Doch davon will Ahmadinedschad nichts wissen. Als "große Lüge" bezeichnete er solche Kommentare in seiner Rede. Er behauptete vielmehr, Iran werde "keine Schäden" durch die Sanktionen davontragen. Konsequenterweise hätte Ahmadinedschad dann auch neue Atomgespräche ablehnen sollen. Aber ganz im Gegenteil: Er signalisierte die Bereitschaft Teherans, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und warf dem Westen sogar eine Verzögerungstaktik vor: "Das seid ihr, die nach Ausreden sucht, damit die Verhandlungen nicht zustandekommen. Ihr verabschiedet Resolutionen unmittelbar vor den Verhandlungen. Warum soll derjenige, der Vernunft und Logik hat, Gespräche scheuen?", sagte er.

"Der Westen soll einen Termin nennen, damit die Gespräche starten"

Am gleichen Tag verlangte auch der iranische Außenminister Ali Akbar Salehi eine Wiederaufnahme der Verhandlungen. "Wenn der Westen ehrlich ist, soll er einen Termin nennen, damit die Gespräche starten", sagte er auf einer Pressekonferenz in der Türkei.

Diese Stellungnahmen stehen in völligem Kontrast zu früheren Positionen. Ahmadinedschad hatte in der Vergangenheit immer wieder betont, dass seine Regierung nicht über "das selbstverständliche Recht des iranischen Volks" auf die Uran-Anreicherung mit dem Westen verhandeln werde. Auch bei der jüngsten Runde der Gespräche im Januar 2011 in Istanbul verlangten die iranischen Vertreter, statt über die umstrittenen nuklearen Aktivitäten Teherans über Themen wie globale Abrüstung, das vermutete Atomarsenal Israels und anderes zu diskutieren - was zum Scheitern der Verhandlungen beitrug.

Haben also die verschärften Sanktionen Iran tatsächlich zum Einlenken gezwungen? "Nein", sagt der Schweizer Iran-Experte Shahram Chubin. "Die Sanktionen können nicht bewirken, dass die iranische Führungselite ihre Meinung über das Atomprogramm ändert." Die signalisierte Bereitschaft zur Wiederaufnahme der Gespräche sei nichts als "pure Schauspielerei", meint er. "Damit verfolgt die iranische Regierung nur ein einziges Ziel: die Einheit der Europäer zu stören, um die Sanktionen zu verhindern oder zu verzögern."

Dafür ist es dieses Mal aber wohl zu spät. Die EU hat aus den vergangenen Jahren gelernt. Sie sei dieses Mal nur noch zu "konstruktiven" Verhandlungen bereit, kündigte das Büro der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton an.



insgesamt 170 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kn4llfrosch 02.02.2012
1. Widerlich
"entschieden sich die EU-Länder vergangene Woche, die ausländischen Konten der iranischen Zentralbank einzufrieren und ab 1. Juli kein iranisches Öl mehr zu importieren." Wo bitte ist der Unterschied zwischen Diebstahl und dem Einfrieren der Konten? Man nimmt Iran sein eigenes (!) Geld weg, und gibt es ihm nach Gutdünken wieder. Auch der Wirtschaftskrieg wird dieser Logik folgend lieber "Sanktionen" genannt, als ob Iran aussenpolitisch etwas moralisch Verwerfliches begangen hätte. Wie z.B. Atombombenabwürfe auf Zivilisten, gewalttätige Umstürze von demokratischen Regierungen, Völkermord, Angriffskriege.. aber nein, da ist nichts zu erkennen. Oh, hat schon jemand erwähnt, dass Irans oberster geistlicher Führer Ajatollah Chamene'i eine Fatwa erlassen hat, die dem Iran Herstellung atomarer Waffen verbietet? Aber zurück zum konkreten Artikel: Nicht Ahmadinedschad ist es, der einen Wirtschaftskrieg gegen den Iran führt, mit all den Auswirkungen auf die iranische Wirtschaft. Wir sind das. Und es wäre angenehm, wenn SPON das mal mitbekommen würde.
savanne 02.02.2012
2. Diese Verhandlungstaktik
Zitat von sysopDie EU-Sanktionen*reißen tiefe Löcher in den iranischen Staatshaushalt. Präsident Ahmadinedschad hat nun zugestimmt, die Atomgespräche wieder aufzunehmen. Doch Experten sind sich sicher: Teheran lenkt in dem*jahrelangen Streit nicht ein - das Regime verfolgt ein ganz anderes Ziel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,812475,00.html
kennen wir doch aus unserer Vergangenheit. Das so ein Stil immer noch funktioniert ist das einzige was mich verwundert. Wenn Ahmadine-dschihad das Wohl seines Volkes im Auge hätte, dann würde er auf die Anreicherung (kontrollierbar) verzichten. Aber der hat ja ein "übergeordnetes" Ziel vor Augen.
frubi 02.02.2012
3. .
Zitat von sysopDie EU-Sanktionen*reißen tiefe Löcher in den iranischen Staatshaushalt. Präsident Ahmadinedschad hat nun zugestimmt, die Atomgespräche wieder aufzunehmen. Doch Experten sind sich sicher: Teheran lenkt in dem*jahrelangen Streit nicht ein - das Regime verfolgt ein ganz anderes Ziel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,812475,00.html
Es gab damals auch Experten die sowas von überzeugt waren, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt. Das Ergebniss ist ja allgemein bekannt. Ich kann nur hoffen, dass die USA und Israel den Fehler begehen und den Iran tatsächlich angreifen denn dann ist hoffentlich auch für den letzten Naivling klar, welches Spiel hier gespielt wird. Es ist einfach nur noch wiederlich. Ein Krieg würde vor allem die Menschen treffen, über die in unseren Medien so gerne berichtet wird: die Zivilisten. Aber Zivilisten spielen dann ja keine Rolle mehr, wenn die Bomben auf Teheran fallen.
curulin 02.02.2012
4. Vorbilder
Wieso sollte der Iran auch auf die Atombombe verzichten? Vorbilder wie Israel, Indien und Pakistan haben doch gezeigt, daß man gegen den Atomwaffensperrvertrag verstossen und trotzdem oder gerade deswegen zum besten Freund des Westens werden kann und gleichzeitig viel mehr Respekt bekommt. Nur zur Klarstellung: Ich möchte nicht, daß der Iran eine Atombombe hat, aber man muß sich auch mal in die Iraner hineinversetzen.
Reqonquista 02.02.2012
5. Täuschen
Zitat von sysopDie EU-Sanktionen*reißen tiefe Löcher in den iranischen Staatshaushalt. Präsident Ahmadinedschad hat nun zugestimmt, die Atomgespräche wieder aufzunehmen. Doch Experten sind sich sicher: Teheran lenkt in dem*jahrelangen Streit nicht ein - das Regime verfolgt ein ganz anderes Ziel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,812475,00.html
ist im Iran ein legitimes Mittel um die eigenen Ziele zu erreichen. Man signalisiert Gesprächsbereitschaft und gewinnt so Zeit. Sehr durchschaubar. Der Iran will die Bombe, weil es sein Regime zementieren wird (s. Nordkorea) und evtl. Optionen für einen Krieg gegen Israel schafft. Gab gerade eine Untersuchung, das die atomare Abschreckung im Iran vielleicht nicht wirkt, weil im Koran das Märtyrertum dem Sieg gleichgestellt wird. Siegen oder sterben könnten man das beschreiben. Auch innenpolitisch stabilisiert sich der Iran durch die "äußere " Bedrohung. Die Verhandlungsbereitschaft ist für die naiven bei uns.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.