Atomwaffen-Terror Angst vor dem Problem aus der Hölle

Nach Nordkoreas Atomtest ist die größte Furcht der USA: Islamisten kriegen die Bombe in die Hände. Atom-Terrorismus sei nur eine Frage der Zeit, die Verbreitung nicht zu stoppen, sagen Experten. Bushs Abschreckungsstrategie: Jedem Terror-Helferstaat droht er mit massiver Vergeltung.

Von Georg Mascolo, Washington


Die ultimative Schreckensnachricht kommt genau einen Monat nach dem Terror von 9/11: Am 11. Oktober 2001 gegen zehn Uhr morgens berichtet CIA-Chef George Tenet dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush, dass al-Qaida nach einem Diebstahl aus einem russischen Arsenal über eine Zehn-Kilotonnen-Atombombe verfüge - und dass sich Terroristen mit der Waffe wohl schon in New York befinden.

Präsident Bush, Vize Cheney (r.): Die Regierung hat schon Atom-Spürtrupps losgeschickt
AP

Präsident Bush, Vize Cheney (r.): Die Regierung hat schon Atom-Spürtrupps losgeschickt

Die Informationen stammen von einem Agenten mit dem Codenamen "Dragonfire", der generell als zuverlässig gilt. Das "Problem aus der Hölle" nennen sie es im Weißen Haus. Bush schickt seinen Vize Dick Cheney in einen schwer gesicherten Geheimbunker. In New York rückt die für solche Fälle gegründete Expertengruppe vom "Nuclear Emergency Support Team" (Nest) aus.

Falscher Alarm. Nach Tagen erfolgloser Suche rückt Nest aus Manhattan ab. Cheney darf zurück ins Weiße Haus. Nur Tage später wieder Alarm, diesmal ist eine Bombe angeblich bereits in einem Zug zwischen Pittsburgh und Pennsylvania. Noch einmal wird Bush alarmiert, später stellt sich die Meldung als ein absurdes Gerücht heraus: Klatsch aus einer öffentlichen Toilette in der Ukraine.

Zwei Meldungen, zweimal Fehlalarm. Aber die US-Regierung fürchtet nichts mehr als den nuklearen Terror, das Verglühen einer ihrer Städte in einem gewaltigen Atompilz.

"Es ist keine Frage, ob wir Nuklearterrorismus erleben", sagt der pensionierte Vier-Sterne-General Eugene Habgier, ehemaliger Chef eines amerikanischen Anti-Terror-Programms. "Es ist nur die Frage wann." Die Bush-Administration sieht das Ende der "scheußlich stabilen Welt", wie George Orwell das Atomzeitalter einmal nannte - einer Zeit, in der die Waffe zu allem taugte, nur nicht zum Bomben.

Schon vor Nordkoreas Test schickte Bush die Fahnder los

Es gibt zwar keinerlei Anzeichen, dass ein nukleares Armageddon drohen könnte. Dennoch hat der Präsident Direktive 14 in Kraft gesetzt: einen Plan, Detektoren zur Aufspürung radioaktiver Materialien in Häfen und an der Grenze zu Mexiko und Kanada zu installieren. Vor Moscheen und muslimischen Gemeindehäusern patrouillierten in den vergangenen Jahren bereits Nest-Experten auf der Suche nach verräterischen atomaren Spuren. Das Atomzeitalter hat die Apokalytiker schon immer beflügelt - schon bevor Nordkorea vor gut einer Woche seine Bombe zündete.

Nur Stunden nachdem jetzt in Ostasien die Erde bebte, stand Bush unter einem Porträt im Weißen Haus und verkündete, Nordkorea werde für alle Folgen der Weitergabe nuklearer Technik oder gar der Bombe selbst nunmehr "voll verantwortlich" gemacht. Keine drei Minuten dauerte die Erklärung, aber was Bush meint, machten hochrangige Beamte in den vergangenen Tagen noch einmal klar: Explodiert in den USA ein nuklearer Sprengsatz, soll nicht mehr nur dem Angreifer, sondern jedem Helfer ein massiver Vergeltungsschlag der USA drohen. "Eine signifikante Erweiterung der Abschreckung" macht die "New York Times" aus.

Nie werde er zulassen, dass die gefährlichsten Waffen in die Hände der gefährlichsten Regime gelangen, versprach Bush 2002 in seiner berühmt-berüchtigten "Achse-des-Bösen-Rede", eine Doktrin, die mit der Katastrophe im Irak allerdings erst einmal ihr Ende gefunden hat. Jetzt herrscht in Washington Konfrontations-Müdigkeit. Statt des militärischen Muskelspiels setzt die US-Regierung auf Verteidigung, die neue Strategie der nuklearen Abschreckung.

Denn nicht vor Nationalstaaten fürchten sich die USA, diese ließen sich in einem Gegenschlag ausschalten - sondern vor Terroristen. Wer den Tod sucht, lässt sich nicht abschrecken.

Nichts deutet daraufhin, dass etwa Osama Bin Laden der Bombe auch nur nahe wäre (auch wenn er sich angeblich bei einem saudischen Geistlichen den Einsatz schon mit einer religiösen Fatwa hat genehmigen lassen). Nur sieht Amerika das Risiko mit jeder neuen Atommacht wachsen.

"Die USA sind extrem mächtig, aber tragisch verwundbar"

Nordkorea könnte aus Geldgier, Iran aus idelogischen Gründen den Dschihadis helfen, glauben die Geheimdienste. Die "erweiterte Abschreckung" soll daher schon jetzt jedem potentiellen Atompiraten die Folgen deutlich werden lassen.

"Nukleare Verantwortlichkeit" nennt die Idee Graham Allison, Ex-Unterstaatssekretär im Pentagon und Autor eines Standardwerkes über das neue Atomzeitalter. Jeder Helfer wird bestraft, als wäre er selbst der Täter. Zu den Vordenkern der Doktrin gehört auch Bill Clintons ehemaliger Nordkorea-Unterhändler Robert Galluci, heute Leiter des angesehenen Institus für Außenpolitik an der Georgetown Universität in Washington. Ohne glaubwürdige Abschreckung sei Amerika zwar "extrem mächtig, aber auch tragisch verwundbar", sagt Galluci.

Das Prinzip beruht auf den Regeln des Kalten Krieges: Eindämmung und Abschreckung. Damals hätte man den Abschuss von Interkontinentalraketen nicht verhindern können - aber es drohte der alles vernichtende Gegenschlag. Wer zuerst seine Raketen startete, starb als Zweiter. Heute lässt sich ein nuklearer Anschlag von Terroristen womöglich nicht verhindern, aber zumindest ihre Helfer würden das Ziel der Vergeltung.

Es ist ein stilles Eingeständnis, dass nicht einmal die Zuversichtsprediger im Weißen Haus daran glauben, die Verbreitung der Bombe noch stoppen zu können. Und dass die Zukunft womöglich weitere bittere Erkenntnisse darüber bringen wird, wer sich noch das nötige Know-how für den Bau der Bombe verschafft hat.

Wer kaufte die Bombenpläne von Abdul Qadr Khan?

Trotz jahrelanger Ermittlungen der Geheimdienste und einer Task Force der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien ist ungeklärt, wer außer Iran, Nordkorea und Libyen noch zum Kundenkreis des Abdul Qadr Khan gehörte, der neben Anreicherungstechnologie auch Blaupausen für einen Atomsprengsatz verkaufte. Verdächtigt werden – ohne handfesten Beweis - immer wieder Ägypten, Saudi Arabien und Syrien.

Khan ist in Pakistan unter Hausarrest und raus aus dem Geschäft. Aber vor allem Nordkorea trauen die US-Geheimdienste zu, das lukrative Business zu übernehmen.

Li Gun, einer der nordkoreanischen Unterhändler bei den Sechs-Parteien-Verhandlungen, soll 2003 gegenüber US-Diplomaten offen mit der Weitergabe von Nukleartechnik oder gar der Bombe gedroht haben. Insgeheim hat die US-Regierung schon Vorkehrungen für die Durchsetzung der erweiterten Doktrin getroffen. Sondereinheiten von Nuklearexperten stehen bereit, im Fall einer Explosion auszurücken und mit Hilfe von Hightech-Gerät sofort Spuren des gezündeten Spaltmaterials zu analysieren.

Der nukleare Fingerabdruck soll den Beweis bringen, woher das Material stammt, und damit die Voraussetzung für einen eventuellen Vergeltungsschlag schaffen. Welche Regeln gelten, wenn das Nuklearmaterial gestohlen wurde oder ohne Wissen der jeweiligen Regierung den Besitzer wechselte, will das Weiße Haus nicht sagen.

Volleyballspieler statt Atombomben auf dem Satellitenbild

Aber womöglich scheitert die Strategie noch an ganz anderen Schwierigkeiten, die die US-Regierung bereits aus schmerzlicher Erfahrung kennt.

Als Libyen 2002 sein Atomprogramm aufgab, überreichten sie den USA sechs Zylinder mit Uranhexafluordid. Erste Untersuchungen in der US-Atomwaffenschmiede Oak Ridge ergaben, dass sie aus Nordkorea stammen. Es schien wie ein erster Beweis, dass das Regime des Kim Jong Il in den atomaren Schwarzmarkt eingestiegen war. Bush war so beunruhigt, dass er seinem südkoreanischen Amtskollegen eine handgeschriebene Botschaft zukommen ließ.

Inzwischen gelten die Ergebnisse nach weiteren Untersuchungen bei der IAEO als fraglich. Lässt sich der atomare Herkunftsnachweis also überhaupt nicht mit der notwendigen Sicherheit führen?

Neueste Meldungen von der Nuklear-Front lesen sich nicht ermutigender. Trotz eines Wochenbudgets von 800 Millionen Dollar wissen die US-Geheimdienste bis heute nicht, ob den Nordkoreanern wirklich ein Atomtest gelungen ist oder ob die Bombe verpuffte.

Die Bilder der Satelliten zeigen nur Techniker vor dem Stollen, in dem die Explosion stattfand - bei einem Volleyballspiel.



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