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Attacke auf Israels Botschaft: Mit Eisenstangen gegen das verhasste Land

Foto: Amr Nabil/ AP

Attacke auf israelische Botschaft Sieg des Mobs

Kairo am Tag nach dem Angriff auf die israelische Botschaft: Randalierer feiern ihren "Erfolg", Polizei und Militär marschieren auf. Aber wo war die Staatsmacht in der Nacht - konnte oder wollte sie nicht eingreifen? Vier Menschen sind tot, Hunderte verletzt, der politische Schaden ist enorm. Von unserem Reporter in Kairo.

Kairo - Es ist ein Bild der Verwüstung: Die Straße ist übersät mit faustgroßen Steinen, daneben liegen mannshohe Betonstangen, und auf dem Gehweg stehen demolierte Autos. Von der Mauer, die erst vor wenigen Tagen errichtet worden war, um die israelische Botschaft im Kairoer Stadtteil Giza zu schützen, ist fast nichts mehr übrig. Es stehen noch einige Träger und einige mit Graffiti besprühte Bruchstücke.

"Das ist auch gut so", meint Muhammad, 23. Der Ingenieurstudent steht inmitten einer Gruppe von rund 50 jungen Erwachsenen. Sie skandieren propalästinensische Parolen, schwenken ägyptische Flaggen und wettern gegen Israel. Sie sind das Überbleibsel des aufgebrachten Mobs, der in der Nacht von Freitag auf diesen Samstag erst die Mauer niedergerissen und dann Teile der diplomatischen Vertretung Israels gestürmt hatte.

Einige von ihnen ahmten Ahmed al-Schehat nach, der in den internationalen Medien zum "Flagman" und in Ägypten zum Held der Twitter-Meldungen avanciert war, nachdem er im August das 21-stöckige Gebäude hochgeklettert war, die israelische Flagge heruntergerissen und durch die ägyptische ersetzt hatte.

Massive Armee- und Polizeipräsenz vor der Botschaft

Diese Nacht belastet die bilateralen Beziehungen zwischen Israel und Ägypten schwer. Demonstranten hatten zunächst auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairos Innenstadt gegen die schleppende Demokratisierung und den ihrer Meinung nach zu schonend geführten Prozess gegen den langjährigen Machthaber Husni Mubarak protestiert. Dann zogen einige von ihnen weiter zur israelischen Botschaft, wo die Situation eskalierte.

Mit Hämmern und Metallstangen demolierten die Angreifer eine etwa 2,5 Meter hohe und Dutzende Meter lange Mauer vor der Botschaft. Der Schutzwall war wegen wiederholter Proteste vor dem Gebäude erst in den vergangenen Tagen errichtet worden. Die ägyptischen Sicherheitskräfte konnten den Mob nicht stoppen - oder wollten es ihre Anführer gar nicht? Vier Menschen kamen ums Leben. Fast tausend Ägypter wurden verletzt, darunter auch Polizisten und Soldaten.

Trotz der massiven Spannungen zwischen den Nachbarländern hat der in Ägypten herrschende Militärrat am Samstag einen Rücktritt der Regierung abgelehnt. Ministerpräsident Issam Scharaf habe seinen Rücktritt allerdings angeboten, berichtete der Nachrichtensender al-Arabija. Zuvor hatte er das Kabinett seiner Übergangsregierung zu einem Krisentreffen einberufen.

Am Tag nach dem Chaos und dem Versagen der Sicherheitskräfte zeigt die vom Militär dominierte Übergangsregierung um so massiver Präsenz. Rund um den nahe gelegenen Nahdat-Misr-Platz regeln Soldaten den Verkehr. Am Straßenrand stehen mehrere Dutzend gepanzerte Wagen, darauf Militärs mit Helmen, denen der Schweiß über das Gesicht rinnt und die ihre Gewehr fest umklammert halten.

Die Polizisten stehen in Reih und Glied mit Schutzschilden daneben, Knüppel werden verteilt. Es sind Hundertschaften, in beigen, blauen und grünen Uniformen, die das gesamte Botschaftsgebäude umstellt haben. Weitere Einheiten sitzen wartend im Schatten der Bäume in den Seitenstraßen. Sie haben die Journalisten und Passanten genau im Blick, die die kleine Gruppe Demonstranten und die Verwüstung auf der Straße begutachten.

Israelische Botschaft de facto geschlossen

Die meisten vorbeigehenden oder -fahrenden Ägypter lassen sich am Tag danach indes wenig beeindrucken. An der Nil-Corniché schlendern Pärchen mit Eis und Cola in der Hand, Jugendliche rauchen lässig und wenige hundert Meter von der israelischen Botschaft entfernt verkaufen Beduinen ihre Schafe von der Ladefläche ihrer Pick-ups. Einzig die Taxifahrer fluchen über den Stau, der durch die Verkehrskontrolle entsteht.

Der Sturm auf die Botschaft ist ein schwerer bilateraler Zwischenfall, denn diplomatische Vertretungen sind eigentlich sakrosankt, und der 1979 vom damaligen ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat und dem israelischen Premierminister Menachem Begin unterzeichnete Friedensvertrag existiert weiterhin. Es gibt sowieso nur zwei israelische Botschaften in der arabischen Welt - die zweite im jordanischen Amman. Dass eine nun de facto geschlossen ist, sagen Muhammad und seine Freunde, ist genau das, was sie erreichen wollten.

Doch längst nicht alle Vertreter des Revolutionslagers stehen hinter der Attacke auf die Botschaft. Die "Bewegung des 6. April", deren Aktivisten maßgeblich am Umsturz im Februar beteiligt waren, distanzierten sich in einer schriftlichen Erklärung. Darin beschuldigte die Gruppe am Samstag Anhänger des gestürzten Präsidenten Husni Mubarak und seines früheren Innenministers Habib al-Adli, hinter den Ausschreitungen zu stecken. Kräfte des alten Regimes versuchten, "Ägypten ins Chaos zu stürzen" und das öffentliche Bild der Revolution zu beschädigen. Ziel sei es auch, den Prozess gegen Mubarak und seinen Machtzirkel scheitern zu lassen.

Im Internet ist ebenfalls eine scharfe Debatte entbrannt. "Wir sind jetzt also offiziell gespalten", schrieb eine Aktivistin enttäuscht in Twitter. Ein anderer verteidigte die Attacke: "Ich habe zehn Jahre protestiert, um den zionistischen Botschafter zu vertreiben. Letzte Nacht haben meine Mit-Protestierenden es endlich geschafft."

Mit Material von dpa