Attacke aus Peking "Der Dalai Lama will Olympia als Geisel nehmen"

In Tibet und den angrenzenden Provinzen kehrt laut Chinas Regierung wieder Normalität ein. Der Ton gegen den Dalai Lama wird indes schärfer: Er säe Terror und nehme die Olympischen Spiele als Geisel. Inzwischen droht auch Taiwan mit Boykott der Olympischen Spiele.


Peking/Taipeh - China beschuldigte den Dalai Lama erneut, Drahtzieher der Unruhen in Tibet zu sein.

Tibetische Mönche beim Gebet in Sichuan: "Alles scheint Vergangenheit zu sein."
AFP

Tibetische Mönche beim Gebet in Sichuan: "Alles scheint Vergangenheit zu sein."

Die staatliche "Volkszeitung" schreibt, der Friedensnobelpreisträger habe der Gewalt niemals abgeschworen. "Die sogenannte friedliche Gewaltlosigkeit der Dalai-Clique war von Anfang an eine Lüge. 2008 werden die von der ganzen Welt erwarteten Olympischen Spiele in Peking stattfinden. Aber der Dalai Lama plant, die Spiele als Geisel zu nehmen, um die chinesische Regierung zu zwingen, Zugeständnisse an Tibet in Sachen Unabhängigkeit zu machen."

Aber die "Clique des Dalai Lama" werde unweigerlich besiegt werden. "Es spielt keine Rolle, ob der Dalai Lama und seine Anhänger sich mit dem Deckmantel von 'Frieden' und 'Gewaltlosigkeit' verkleiden, ihre spalterischen Sabotage-Aktivitäten sind zum Scheitern verurteilt", hieß es in dem Kommentar, der auch von anderen staatlichen Zeitungen gedruckt wurde.

Andere staatliche Medien kritisierten die westliche Berichterstattung über die Unruhen in Lhasa und anderen chinesischen Provinzen. Zehntausende chinesische Internetnutzer hätten sich über die ungerechte Berichterstattung beschwert, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Zudem planten das geistliche Oberhaupt der Tibeter und seine Anhänger mit Hilfe uigurischer Muslim-Separatisten aus der nordwestchinesischen Region Xinjiang Anschläge, um die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken, hieß es.

Neben dem militärischen Vorgehen trieb China zuletzt seine Medien- und Propaganda-Offensive voran, um die Autonomie-Proteste in Tibet einzudämmen. Die Niederschlagung der Proteste löste im Westen eine Debatte über einen Boykott der Olympischen Sommerspiele in Peking aus.

Dieser schloss sich nun auch der Sieger der Präsidentenwahl in Taiwan an. Er schließt wegen des harten Vorgehens Chinas gegen die Demonstranten in Tibet einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking nicht mehr aus. "Sollte sich die Lage in Tibet verschlimmern, würden wir in Erwägung ziehen, keine Athleten zu den Spielen zu schicken", sagte Ma Ying Jeou. Zugleich bekräftigte er, dass Taiwan nicht als Schauplatz für den traditionellen Fackellauf dienen werde, bei dem das Olympische Feuer von Griechenland aus rund um die Erde zum Austragungsort der Spiele gebracht wird. Ma begründete die Entscheidung damit, dass Taiwan seine Fahne bei den Spielen in Peking nicht präsentieren dürfe.

Mas Äußerungen einen Tag nach seinem Wahlsieg kamen überraschend. Schließlich tritt Ma im Gegensatz zu der aktuellen Regierung, die er im Mai ablöst, für bessere Beziehungen zu China ein. Die Volksrepublik betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz.

Regierung: "Der Albtraum ist vorbei"

Bei Unruhen in dem von Tibetern bewohnten Gebiet Gannan der westchinesischen Provinz Gansu sind nach offiziellen Angaben insgesamt 94 Menschen verletzt worden. Seit Beginn der Proteste vor mehr als einer Woche sei aber nur ein "Zivilist" verletzt worden, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Alle anderen Verletzten seien demnach Angehörige der Polizei oder Funktionäre. In den Orten Xiahe, Machu, Luchu, Jone und Hezuo habe es Ausschreitungen gegeben.

In Tibet und den angrenzenden Regionen herrsche nun Ruhe, teilte die chinesische Regierung mit. Die meisten dieser Gebiete sind jedoch von der Außenwelt abgeschnitten, ein massives Militäraufgebot ist im Einsatz. Eine unabhängige Bestätigung der Berichte ist daher nicht möglich.

Die staatliche Nachrichtenagentur meldete, in Aba hätten mehr als die Hälfte der Geschäfte wieder geöffnet. Der Chef der Kommunistischen Partei in dem Bezirk, Kang Qingwei, wurde mit den Worten zitiert, alle Regierungseinrichtungen und wichtigen Unternehmen arbeiteten normal, die Schulen würden diese Woche wieder öffnen. Xinhua hatte aus Aba berichtet, dass Polizisten in Notwehr vier Gewalttäter erschossen hätten. Es war das einzige Mal, dass die chinesischen Behörden überhaupt Schüsse auf Demonstranten einräumten. Exiltibetische Organisationen hatten von mindestens 39 Opfern durch Schüsse von chinesischen Truppen in Aba in Sichuan und Machu in Gansu berichtet.

Auch in Xiahe in der Provinz Gansu kehre nach Unruhen in der vergangenen Woche wieder Ruhe ein, meldete Xinhua. "Der Albtraum ist vorbei. Alles scheint Vergangenheit zu sein", wurde ein örtlicher Händler zitiert, Jiang Fuxing. Auch in Maqu in Gansu habe die Regierung wieder die Kontrolle wieder übernommen. 70 Prozent der Läden in der Stadt seien von Gewalttätern zerstört worden, hieß es.

Die Proteste begannen am 10. März in Tibet. China gibt die Zahl der Toten bei den Unruhen offiziell mit 22 an. Nach Angaben der tibetischen Exilregierung in Indien wurden 99 Menschen getötet, 80 in Lhasa und 19 in Gansu.

dab/Reuters/AP/dpa



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