Nach Attacken auf Handelsschiffe Tanker vor Iran werden abgeschleppt

Zwei Tage nach den Angriffen nehmen die havarierten Tankschiffe Kurs auf die Vereinigten Arabischen Emirate. Wer waren die Drahtzieher der Attacken?

"Front Altair" in Brand: Die havarierten Frachter nehmen Kurs auf Fudschaira.
ISNA/ REUTERS

"Front Altair" in Brand: Die havarierten Frachter nehmen Kurs auf Fudschaira.


Nach dem mutmaßlichen Angriff auf zwei Tanker im Golf von Oman steuern die beiden Schiffe die Vereinigten Arabischen Emirate an. Auf der "Front Altair" und der "Kokuka Courageous" hatten sich am Donnerstagmorgen Explosionen ereignet. Der norwegische Öltanker "Front Altair" geriet in Brand. Wer hinter den Attacken steckt, ist nach wie vor nicht bekannt.

Nachdem nicht nur die USA, sondern auch Großbritannien Iran für den Anschlag verantwortlich gemacht hatte, wurde nun der britische Botschafter ins Außenministerium in Teheran einbestellt. Dort kritisierten Mitarbeiter des Ministeriums laut iranischer Nachrichtenagentur ISNA die Haltung Großbritanniens zu dem Vorfall als inakzeptabel. Der britische Außenminister Jeremy Hunt hatte zuvor erklärt, nach Einschätzung seiner Regierung stecke mit "an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" Iran hinter der Tat, Beweise legte aber auch Hunt nicht vor.

Derweil teilte die japanische Reederei Kokuka mit, dass die "Kokuka Courageous" in Fudschaira oder Chor Fakkan anlegen soll. Auch die "Front Altair" ist dorthin unterwegs. Nach Angaben der Reederei Frontline ist der Tanker inzwischen aus iranischen Hoheitsgewässern geschleppt. Die iranische Nachrichtenagentur Isna meldete, das Schiff steuere ebenfalls das Küstengebiet um die Städte Fudschaira und Chor Fakkan an.

Der japanische Tanker hat Methanol geladen. Die hochentzündliche Fracht soll nun in dem Hafen verladen werden. Frontline überlegt laut einem Sprecher, die Ladung Naphtha - ein Erdölderivat - auf ein anderes Schiff umzuladen.

Frontline hatte am Freitagabend mechanisches oder menschliches Versagen als Ursache ausgeschlossen. Was die Detonation tatsächlich ausgelöst habe, sei nach wie vor unbekannt und werde untersucht. Solange es keine weiteren Informationen gebe, werde Frontline "extreme Vorsicht" walten lassen, wenn es um neue Transportaufträge in der Golfregion gehe.

Die 23 Besatzungsmitglieder der "Front Altair" waren alle von einem Frachter gerettet worden. Das Feuer wurde binnen Stunden gelöscht. Die iranische Marine habe am Freitagabend die Genehmigung erteilt, den Tanker abzuschleppen, teilte Frontline weiter mit. Man erarbeite außerdem Pläne, die Crew aus Iran heimzuholen.

Wer war es? Die Diskussion dauert an

Der Präsident der USA, Donald Trump, warf Iran vor, die beiden Tanker angegriffen zu haben. Er verwies auf ein vom US-Verteidigungsministerium veröffentlichtes Video, das ein Patrouillenboot der iranischen Revolutionsgarden zeigen soll, wie es an einem der Tanker festmacht, um eine nicht explodierte Haftmine vom Rumpf zu entfernen. In einem Interview mit dem Sender Fox News wiederholte er seine Vorwürfe: "Der Iran hat es getan."

Video: Aufnahmen sollen iranischen Angriff beweisen

Courtesy U.S. Military/REUTERS

Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif wies die Vorwürfe der USA als "gegenstandslos" zurück. Die US-Regierung beschuldige Iran, ohne einen "Schnipsel" Beweise vorzulegen, kritisierte er. Der iranische Präsident Hassan Ruhani bezeichnete die USA als "schwere Bedrohung für die Stabilität" in der Region.

Saudi-Arabien sprach von "Terroroperationen". Das sunnitische Königshaus sieht im schiitischen Iran einen Erzfeind und Rivalen in der Region und verschärft seit Wochen den Ton gegenüber Teheran. Der Vorwurf lautet, dass der Iran sich in die Angelegenheiten arabischer Länder einmischt und die Region destabilisiert.

Uno-Generalsekretär Antonio Guterres rief zu einer unabhängigen Untersuchung des Vorfalls auf. Es müsse herausgefunden werden, wer für die Explosionen an Bord der beiden Schiffe verantwortlich sei. "Es ist sehr wichtig, die Wahrheit zu erfahren." Es sei Aufgabe des Uno-Sicherheitsrats, solche Ermittlungen in die Wege zu leiten.

Auch die EU gab sich in Sachen Schuldzuweisungen vorsichtig. "Wir sind dabei, die Lage zu bewerten und Informationen zu sammeln", sagte ein EU-Beamter in Brüssel.

US-Verteidigungsminister Patrick Shanahan forderte eine gemeinsame Reaktion der internationalen Gemeinschaft, um den Konflikt zu lösen. Ähnlich äußerte sich der japanische Handelsminister Hiroshige Seko. Mit Blick auf die weltweite Energiesicherheit müsse die Weltgemeinschaft eine gemeinsame Antwort finden, sagte Seko.

Jürgen Chrobog: Iraner berechenbarer als die USA

"Der Konflikt muss institutionalisiert und internationalisiert werden", sagte auch der deutsche Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour. Er forderte in der "Passauer Neuen Presse" eine unabhängige internationale Untersuchung und warnte vor Spekulationen. Er hielt es für möglich, dass sich Kräfte in Iran verselbstständigt hätten oder Mächte wie Saudi-Arabien eine Eskalation befördern wollten.

Derweil äußerte der frühere deutsche Botschafter in Washington, Jürgen Chrobog, Zweifel an den Schuldzuweisungen der USA. Für eine Täterschaft des Iran gebe es keine Beweise, sagte er im "Deutschlandfunk".

Er halte die Iraner inzwischen "für vernünftiger, für berechenbarer" als die USA, sagte der Ex-Diplomat. Zudem gehe Teheran in dem Konflikt ein viel höheres Risiko ein. Das Land sei wirtschaftlich bereits am Boden, die Bevölkerung verarme immer mehr. Durch einen Krieg hätte Iran laut Chrobog "noch mehr zu verlieren". Trump habe aber ebenfalls kein Interesse an einer militärischen Auseinandersetzung in der Region.

Die beiden Tanker hatten kurz vor den Angriffen die Straße von Hormus passiert. Die Meerenge zwischen Iran und Oman ist einer der wichtigsten Transportwege für internationale Erdöllieferungen.

Die Gefahr einer Blockade der Straße von Hormus durch Iran schloss Trump am Freitag aus. "Sie wird nicht geschlossen, sie wird für lange Zeit nicht geschlossen, und das wissen sie", sagte Trump. Dies sei der Regierung in Teheran "mit sehr deutlichen Worten" gesagt worden.

Die Vorfälle ereigneten sich einen Monat nach "Sabotageakten" gegen vier Schiffe vor der Küste der Emirate. Auch in diesen Fällen machten die USA sowie Saudi-Arabien Iran verantwortlich. Teheran wies die Vorwürfe wie auch in den aktuellen Fällen zurück.

abl/dpa/AFP

insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
nickleby 15.06.2019
1. Iran der Aggressor ?
Auch GB stimmt der Analyse Trumps zu. Dann muss etrwas daran sein. Der Iran bringt keine Beweise, dass er die Anschläge nicht durchgeführt hat, obwohl ein iranisches Militärschiff sich dort zu schaffen macht. Das ist sehr verdächtig. Der Iran ruft nun "Haltet den Dieb", nur um von sich abzulenken. So macht er es auch im Libanon und in Gaza in seinem Kampf gegen Israel, einem Staat , der Teil deutscher Staatsräson ist.
Ruhrsteiner 15.06.2019
2. "almost certain" = fast sicher
Bitte nicht unnötig rhetorisch polarisieren, verehrter Autor: Laut GUARDIAN UK formulierte die britische Regierung gestern abend ein "fast sicher" (gemeint war der Iran als möglicher Verantwortlicher; "almost certain"). Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist etwas anderes, was Insidern als Terminus Technicus bei wissenschaftlichen Validierungen und Verifizierungen zur Genüge bekannt ist. Aber auch dabei gilt es immer, den entscheidende Formulierungsunterschied zwischen "mit hinreichender Wahrscheinlichkeit" und "mit fast hinreichender Wahrscheinlichkeit" zu beachten. Das FAST macht den entscheidenden Unterschied aus. Also bitte nichts behaupten, was so wie oben formuliert nicht gesagt wurde. Dass Corbyn das sowieso bereits schwer kritisiert hat, ist im GUARDIAN UK nach zu lesen.
audaxaudax 15.06.2019
3. wer solls
sonst gewesen sein als die Mullahs. Den steht das Wasser bis zum Hals und ein kleiner Krieg lenkt schön das unruhige Volk ab.
magam-13 15.06.2019
4. so ein Schwachsinn . . .
. . . ein nicht identifiziertes Boot mit Leuten drauf macht sich an einem Schiff zu schaffen (man weiss nicht welches) und die Amis behaupten die Leute würden eine nicht explodierte Mine abholen wollen. So blöd ist doch niemand dass er eine Mine (!?) an einem Schiff anbringt und wenn sie nicht zünder fährt man wieder hin und nimmt sie mit. Geht's noch? So bescheuert ist doch niemand! Man kann nicht erkennen WER das auf dem Schiffer'l ist, man kann nicht erkennen um welches grosse Schiff es sich handelt, man sieht garnichts. So wie man im Iran keine "weapons of mass destruction" gesehen hat. Diese ganze Story ist fabriziert, fake news Mr. Trumpi! So ein masslos dummer Quatsch. Die CIA war auch schon mal besser....
spiegelneuronen 15.06.2019
5. Welche Beweise bringen die USA und UK, die Schuldige benennen?
Zitat von nicklebyAuch GB stimmt der Analyse Trumps zu. Dann muss etrwas daran sein. Der Iran bringt keine Beweise, dass er die Anschläge nicht durchgeführt hat, obwohl ein iranisches Militärschiff sich dort zu schaffen macht. Das ist sehr verdächtig. Der Iran ruft nun "Haltet den Dieb", nur um von sich abzulenken. So macht er es auch im Libanon und in Gaza in seinem Kampf gegen Israel, einem Staat , der Teil deutscher Staatsräson ist.
Na ja, Analyse? Was Jeremy Hunt betrifft: Im UK ist Wahlkampf und Hunt mittendrin. J. Corbyn dazu - und es geht hier auch darum, dass man denket: "Die müssen doch was wissen, sonst würde man das nicht sagen." - Das ist der Irttum. Corbyn per Twitter: +++Großbritannien sollte handeln, um die Spannungen im Golf abzubauen, und nicht eine militärische Eskalation anheizen, die mit dem Rückzug der USA aus dem iranischen Atomabkommen begann. Ohne glaubwürdige Beweise für die Tankerangriffe wird die Rhetorik der Regierung die Kriegsgefahr nur erhöhen.+++ Link: https://twitter.com/jeremycorbyn/status/1139640621994512385
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