Attentat auf Hariri Mordkomplott zu Syriens Gunsten

Uno-Ermittler Detlev Mehlis hat im Mordfall Hariri die Grundzüge einer syrisch-libanesischen Verschwörung aufgedeckt. Sein Bericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, kommt einem Stich ins Wespennest gleich: Syrien und der Präsident Libanons, Emile Lahoud, könnten beteiligt gewesen sein.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Noch sind es nur Indizien, aber die sind erdrückend: Wieso erhielt der libanesische Präsident Emile Lahoud nur wenige Minuten vor Zündung der Bombe, die den Ex-Premier Rafik Hariri am 14. Februar 2005 tötete, einen Anruf vom Bruder eines der Hauptverdächtigen? Was meinte Mustapha Hamdan, Chef der Republikanischen Garde des Libanons und Vertrauter Lahouds, als er einem Zeugen zufolge schon im Oktober 2004 über Hariri sagte: "Wir werden ihn auf eine Reise schicken ... bye, bye Hariri!" Und aus welchem Grund sollte Syrien in seiner Nicht-Kooperation mit dem Uno-Ermittlungsteam so weit gehen, seinen Außenminister nachweisbare Lügen verbreiten zu lassen?

Libanons Präsident Lahoud, mutmaßlicher Mitverschwörer Hamdan, späteres Mordopfer Hariri: "Bye, bye!"
REUTERS

Libanons Präsident Lahoud, mutmaßlicher Mitverschwörer Hamdan, späteres Mordopfer Hariri: "Bye, bye!"

Der deutsche Uno-Ermittler Detlev Mehlis hat im Mordfall Hariri nicht weniger als die Grundzüge einer breit angelegten, lange geplanten syrisch-libanesischen Verschwörung aufgedeckt. "Die Untersuchung ist noch nicht vollständig", heißt es zwar am Ende seines Berichts, den er gestern Abend in New York Uno-Generalsekretär Kofi Annan übergab. Doch die wichtigsten Puzzle-Teile hat Mehlis gefunden und zusammengesetzt. Hohe Militär- und Geheimdienstkreise beider Länder seien demnach für den Mord verantwortlich, ist in dem 59-seitigen Bericht zu lesen, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Eine der zentralen Figuren in dem Komplott ist der Libanese Ahmad Abdel-Al, Mitglied einer islamischen Organisation, die traditionell gute Beziehungen nach Syrien unterhält. Er war offenbar eines der wichtigsten Scharniere zwischen den Mitverschwörern in Damaskus und Beirut. Abdel-Al stand telefonisch in regelmäßiger und ausgiebiger Verbindung zu allen Verdächtigen, fasst Mehlis seine Rolle zusammen: "In der Tat sieht es so aus, als sei keine andere Figur so sehr in alle verschiedenen Aspekte dieser Untersuchung verwickelt wie Abdel-Al." Es war denn auch sein Bruder Mahmoud, der den libanesischen Präsidenten unmittelbar vor der Tat auf dessen Handy anrief - eine Tatsache, die Lahoud heute dementieren ließ, die Mehlis zufolge aber auf nachprüfbaren Telefonverbindungsdaten fußt.

Zeuge: Entscheidung zum Mord fiel in Syrien

Motiv für den Anschlag, der insgesamt 22 Menschen das Leben kostete, sei die Weigerung al-Hariris gewesen, das Mandat von Lahoud zu verlängern. Das aber war der als Wunsch verpackte Befehl des syrischen Staatspräsidenten Baschar al-Assad, der Mehlis' Zeugen zufolge zu Hariri gesagt haben soll: "Ich bin Lahoud". Sollte Hariri, bei der entscheidenden Auseinandersetzung mit Assad noch libanesischer Premier, sich weigern, werde er "den Libanon zerbrechen". Syrien war zu diesem Zeitpunkt die faktische Besatzungsmacht im Libanon, der Zedernstaat war für die syrische Ökonomie von zentraler Bedeutung. Entlastende Aussagen syrischer Beamter über die Begegnung hält Mehlis für unglaubwürdig.

Zwei namentlich nicht genannte Zeugen werden in dem Bericht mit der Aussage zitiert, in Damaskus sei nach dem Treffen zwischen Hariri und Assad die Ermordung Hariris beschlossen worden. Ein zweiter "Zeuge", der später wegen seiner mutmaßlichen Verstrickung zum Beschuldigten wurde, bestätigte diese Version gegenüber den Ermittlern und legte ein Geständnis ab, was in Mehlis' Interpretation seine Glaubwürdigkeit steigert. Demnach soll die Tat zwischen Juli und Dezember 2004 geplant worden sein. Dieser zweite Zeuge, Zuhair Ibn Mohamed Said Saddik, will sogar selbst gesehen haben, wie der weiße Lieferwagen, in dem der Sprengstoff versteckt war, präpariert worden sei.

Ermittler Mehlis, Uno-Generalsekretär Annan bei der Übergabe des Berichts: "Hinweise für eine libanesische wie syrische Beteiligung"
AP

Ermittler Mehlis, Uno-Generalsekretär Annan bei der Übergabe des Berichts: "Hinweise für eine libanesische wie syrische Beteiligung"

Die zentralen Figuren, die Mehlis als Mitverschwörer identifiziert, entstammen dem engen Geflecht libanesisch-syrischer Geheimdienst- und Militärkreise; aber auch der Neffe eines mit pro-syrischen Politikern vertrauten Geschäftsmannes soll eine Rolle gespielt haben. "Viele Hinweise deuten direkt darauf hin, dass syrische Sicherheitskräfte in das Attentat verwickelt sind", heißt es auf den letzten Seiten des Reports. "Es gibt übereinstimmende Hinweise für eine libanesische wie syrische Beteiligung an diesem Terrorakt. Es ist bekannt, dass der syrische Militärgeheimdienst eine überragende Präsenz im Libanon unterhielt (...). Die früheren hochrangigen libanesischen Sicherheitsbeamten waren von ihm ernannt. Angesichts dieser Infiltration der libanesischen Institutionen und Gesellschaft durch syrische und libanesische Geheimdienste, die zusammengearbeitet haben, ist es schwierig, sich ein Szenario auszumalen, in dem ein derart komplexes Attentat ohne ihr Wissen ausgeführt wird."

Islamistisches Bekennervideo zur Ablenkung?

Möglicherweise stecken die Verschwörer dem Mehlis-Bericht zufolge sogar hinter einem am Attentatstag veröffentlichten Bekennervideo, in dem sich ein vermeintlicher Islamist als Täter bezichtigt, und sich darüber hinaus auch noch telefonisch bei dem Fernsehsender al-Dschasira und der Nachrichtenagentur Reuters bekannte. Darauf deutet die Aussage Zuhair Ibn Mohamed Said Saddiks, der etwa erklärte, man habe TNT als Sprengstoff verwendet, weil der auch von Islamisten benutzt würde.

Außerdem wurden für die Bekenner-Telefonate Telefonkarten und Telefonzellen verwendet, die die Mitverschwörer auch für die Kommunikation untereinander nutzten. Der vermeintliche Attentäter verschwand, "freiwillig oder nicht", wie es in dem Report heißt, in Syrien und ist seitdem verschwunden. Nicht auszuschließen, dass er tot ist und seine Ermordung ebenfalls den Verschwörern zur Last gelegt werden wird. Zeugenaussagen zufolge wurde der falsche Attentäter mit Gewalt zu der Videoaufzeichnung gezwungen.

Bereits am 30. August dieses Jahres verhafteten die libanesischen Behörden als mutmaßliche Mitwisser und -Planer einen General der Sicherheitsdienste, einen General des Militärgeheimdienstes und einen General der Republikanischen Garde. Alle bestreiten nach wie vor jede Beteiligung, erscheinen in dem Mehlis-Bericht aber als wahrscheinliche Knotenpunkte der Verschwörung. Eine weitere zentrale Figur ist dem Bericht zufolge Raed Fakhreddin, Neffe eines prominenten Geschäftsmannes, der wiederum Vertrauter des zum Zeitpunkt der Hariri-Ermordung amtierenden und pro-syrischen libanesischen Premiers Omar Karameh ist. "Raed Fakhreddin wird massiv verdächtigt, die Telefonkarten gekauft zu haben, die benutzt wurden, um das Attentat zu organisieren", schreibt Mehlis.

Sein Onkel Tarek führte überdies direkt nach dem Anschlag mehrere Telefonate mit möglicherweise in die Tat verwickelten Generälen. Mehlis macht allerdings deutlich, dass nicht alle Verdächtigen identifiziert sind: Der oder die Benutzer einer bestimmten Telefonkarte zum Beispiel scheint große Bedeutung gehabt zu haben; Namen kennt man aber noch nicht.

Drohen jetzt Konfrontationen im Libanon?

Syrischer Präsident Assad, Ehefrau: Stich ins Wespennest
AFP

Syrischer Präsident Assad, Ehefrau: Stich ins Wespennest

Die Lesart der Bluttat, die Mehlis präsentiert, deckt sich in ihren Grundzügen mit den Vermutungen der libanesischen Opposition, die direkt nach dem Attentat Großdemonstrationen gegen die syrische Präsenz im Land organisiert hatte und einen Rücktritt des Präsidenten Lahoud gefordert hatte. Mittlerweile haben wegen des libanesischen und internationalen Drucks die Syrer zwar den Libanon verlassen, Lahoud aber ist weiter im Amt. Heute wies er die Passagen des Mehlis-Reports, die ihn in ein zweifelhaftes Licht rücken, zurück. Ähnlich reagierte die syrische Reagierung, die dem Ermittler Parteilichkeit vorwarf.

Tatsächlich aber ist Mehlis' Bericht nicht weniger als ein Stich mitten in ein Wespennest. Seine Rekonstruktion der Verschwörung ist ausgesprochen plausibel und wo immer möglich auch mit Fakten untermauert. Zumindest eines ist wohl unwiderlegbar: Ohne das Wissen hochrangiger Geheimdienst-, Militär- und vermutlich auch Regierungskreise in Beirut wie in Damaskus wäre das Attentat schlicht nicht durchführbar gewesen. Viele Fragen harren noch ihrer Auflösung, nicht zuletzt die nach der Art der Verstrickung und der Motive des Hauptverdächtigen Abdel-Al.

Aber die syrische Glaubwürdigkeit ist durch den Bericht nachhaltig diskreditiert; es ist nicht damit zu rechnen, das irgendeine international bedeutsame Macht den Beteuerungen aus Syrien Glauben schenken wird; im Gegenteil: Damaskus kann sich auf eine massive Erhöhung des internationalen Drucks einstellen. Vergangene Woche richtete sich der syrische Innenminister Ghazi Kanaan selbst; auch er war von Mehlis befragt worden. Ohne Zweifel sind in Syrien die Dinge in Bewegung geraten.

Ebenso prekär aber sind Mehlis' Arbeitsergebnisse für die libanesische Innenpolitik. Sollte Lahoud auch weiterhin darauf bestehen, im Amt zu bleiben, droht die Lage in ähnlicher Weise zu eskalieren, wie dies bereits im Frühjahr der Fall gewesen war. Konfrontationen zwischen pro-syrischen und demokratischen Kräften sind nicht auszuschließen. Die Uno beschloss heute, die Untersuchung fortzuführen, um auch weitere Details noch aufzuklären. Doch der erste, entscheidende Schritt ist getan.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.