Attentat auf Polizisten in Athen Mord im Morgengrauen

Der kaltblütige Mord an einem Polizisten versetzt Griechenland in Schockzustand. 24 Schüsse trafen den Beamten Nektarios Sabbas - vermutlich aus den Waffen von linksradikalen Terroristen. Nun fürchtet das Land eine neue Welle der Gewalt.

Von Zacharias Zacharakis


Nekatrios Sabbas, 41, hat gerade seinen Dienst angetreten. Der Polizeibeamte parkt den zivilen Dienstwagen am Mittwoch an einer Straßenkreuzung in der Athener Innenstadt. Enge Gassen, sechs- bis siebengeschossige Gebäude, eine unübersichtliche Umgebung.

Spurensuche am Tatort: Polizei spricht von kaltblütigem Mord
dpa

Spurensuche am Tatort: Polizei spricht von kaltblütigem Mord

Der Polizist gehört einer Sondereinheit an und soll eine wichtige Zeugin schützen, die aussagen will im Prozess gegen die bereits vor Jahren zerschlagene Terrororganisation "Revolutionärer Volkskampf" (ELA). Sabbas sitzt alleine im Wagen.

Dann peitschen Schüsse.

Bevor der Beamte reagieren kann, eröffnen zwei Unbekannte um 6.20 Uhr das Feuer. Einer der beiden steht vor der Fahrerseite, der andere am Heck des Fahrzeugs. Mit einer Halbautomatik und einer Pistole, beide Kaliber neun Millimeter, schießen die Unbekannten immer wieder auf ihr Opfer.

Der Angriff dauert wenige Sekunden. Erst flüchten die Täter einige Meter zu Fuß, dann springen sie auf zwei Motorräder auf, die von Komplizen gesteuert werden. Die Gruppe verschwindet im Athener Morgengrauen, niemand kann die Verfolgung aufnehmen. So schildert die griechische Polizei die Ereignisse nach Aussagen von Zeugen.

Bereits im Januar war ein Polizist Opfer eines Anschlags

In einem Trauerzug aus Angehörigen, Kollegen und Politikern wurde Sabbas heute Mittag in Athen zu Grabe getragen. Unter den Gästen bei der Beerdigung ist auch Panagiotis Stathis, Sprecher der griechischen Polizei. "Es gab keine Warnung, keinen Telefonanruf. Das war ein kaltblütiger Mord", sagt Stathis. Er nennt den Anschlag "einen sehr schwierigen Fall". Ein Bekennerschreiben sei bisher auch nicht aufgetaucht, dennoch geht die Polizei von einer terroristisch motivierten Tat aus.

Denn ähnliche Anschläge von linksextremen Gruppen haben sich in den letzten Monaten gehäuft. Seit im Dezember 2008 der 15-jährige Alexandros Grigoropoulos von einem Polizisten erschossen wurde, gab es mehrere Angriffe mit Schusswaffen, Handgranaten und Brandbomben gegen die Polizei, Banken und Firmen. Im Januar wurde ein Beamter bei einem dieser Anschläge schwer verletzt.

Einige der abgefeuerten Kugeln in dem neusten Fall stammen nach Angaben der Polizei aus einer Waffe, die im Februar bei Anschlägen gegen eine Athener Polizeiwache und den Fernsehsender Alter verwendet wurde. Zu diesen Angriffen bekannte sich die "Sekte der Revolutionäre". Die Gruppe steht nun im Verdacht, auch die jüngste Tat begangen zu haben.

Angst vor Anschlag bei Eröffnung des Akropolis-Museums

In der Regierung löst der Anschlag aus mehreren Gründen große Beunruhigung aus. Einerseits kann den Zeugen in den anhaltenden Gerichtsprozessen gegen ältere terroristische Gruppen diese Tat als Warnung gelten. Die Polizei wird nun ihre Sicherheitsvorkehrungen erhöhen müssen.

Andererseits soll in weniger als zwei Tagen das Neue Museum der Akropolis im Zentrum Athens mit großen Feierlichkeiten und vielen hochrangigen Gästen aus aller Welt eröffnet werden. Das Ereignis wird international Beachtung finden - und wäre damit ein Ziel für die Linksextremisten. Auch darauf müssen sich die Behörden jetzt verstärkt einstellen.

"Sekte der Revolutionäre" in ihrem Vorgehen unberechenbar

Bisher allerdings tappt die Polizei offenbar im Dunkeln. Bei etwa 30 verdächtigen Personen wurden gestern Durchsuchungen vorgenommen, ohne nennenswerte Ergebnisse. Aus Sicherheitskreisen heißt es, dass die "Sekte der Revolutionäre" in ihrem Vorgehen bisher die unberechenbarste unter den terroristischen Gruppen im Land sei. Im Hinblick auf die Feierlichkeiten zur Museumseröffnung wirke dies besonders beunruhigend.

Dabei dachte man in Griechenland bereits vor den Olympischen Spielen 2004, dass das Terrorismusproblem einigermaßen gelöst sei. Die seit 1975 aktive Stadtguerilla des "17. November" war zerschlagen worden, eine Reihe der zentralen Figuren zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Auch der zwischen 2002 und 2003 aktive ELA konnte weitgehend neutralisiert werden. Nun fürchtet sich die Nation vor einer neuen Welle der Gewalt.



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