Attentat auf tschetschenischen Präsidenten Russland soll staatlichen Mord befohlen haben

Ein Gericht im Golfemirat Katar hat heute zwei Russen zu lebenslanger Haft verurteilt, weil sie den tschetschenischen Ex-Präsidenten Selimchan Jandarbijew getötet haben sollen. Hinter dem Attentat vermutet das Gericht den russischen Geheimdienst. Moskau bestreitet den Vorwurf.

Berlin - "Die russische Führung hat den Befehl erteilt, Jandarbijew zu töten", sagte der katarische Richter Ibrahim al-Nisf heute bei der Urteilsverkündung. Dem Kreml - und indirekt auch dem russischen Präsidenten Wladimir Putin - warf al-Nisf damit vor, staatlicherseits einen Mord in Auftrag gegeben zu haben.

Bereits unmittelbar nach dem tödlichen Anschlag auf den tschetschenischen Ex-Präsidenten und Rebellenführer Selimchan Jandarbijew im Februar dieses Jahres waren Spekulationen aufgekommen, es könne sich um einen gezielten Auftragsmord russischer Agenten gehandelt haben. Die beiden festgenommenen Täter und die russische Regierung bestritten den Vorwurf jedoch vehement. "Die Verdächtigungen sind so lächerlich, dass wir sie nicht einmal kommentieren können", hieß es dazu in Moskau.

Interesse am Tod Jandarbijews dürfte Russland allerdings in der Tat gehabt haben. Sowohl die russische als auch die US-amerikanische Regierung sowie die Vereinten Nationen stimmten darin überein, dass der Ex-Präsident der abtrünnigen Republik Tschetschenien Verbindung zum internationalen und zum tschetschenischen Terrorismus unterhielt. Jandarbijew war 1996 für neun Monate Übergangspräsident gewesen. Seit 2000 lebte er in der katarischen Hauptstadt Doha im Exil.

Den russischen Sicherheitsdiensten zufolge soll Jandarbijew den Anschlag tschetschenischer Rebellen auf das Moskauer Ost-West-Theater mitfinanziert haben, dem im Oktober 2002 über 140 Menschen zum Opfer fielen. Das russische Parlament hatte damals als Reaktion auf den Anschlag den Sicherheitsdiensten den Einsatz tödlicher Mittel im Kampf gegen Terrorverdächtige erlaubt.

Das Geheimdienst-Magazin "Jane's" berichtete Anfang des Monats, es gebe auch in Sicherheitskreisen "starke Verdachtsmomente", dass Jandarbijews Ermordung auf dieser Grundlage geplant wurde. Nur eine Woche vor seinem Tod war in der Moskauer Metro bei einem weiteren Anschlag ein Sprengsatz explodiert, der 41 Menschen tötete.

Die katarische Zeitung "al-Rayah" berichtete darüber hinaus, die Dokumente der Staatsanwaltschaft würden einen früheren KGB-Offizier als Auftraggeber benennen. Der Richter Ibrahim al-Nisf machte sich die Theorie des staatlichen Auftragsmordes heute zu Eigen, ohne allerdings Namen zu nennen.

Nach Aussage der russischen Regierung handelt es sich bei den beiden heute wegen der Tat verurteilten Russen indessen nicht um Agenten, sondern um Angestellte des Sicherheitsdienstes der russischen Botschaft in Katar. Sie hätten in der Hauptstadt Doha Informationen im Kampf gegen den Terrorismus gesammelt. Ein möglicher dritter Täter, der einen Diplomatenpass gehabt haben soll, ist unterdessen Medienberichten zufolge nach Verhandlungen zwischen Katar und Russland freigelassen worden.

Der Fall Jandarbijew droht derweil, die Beziehungen zwischen Moskau und dem ölreichen Kleinstaat Katar in Mitleidenschaft zu ziehen. Moskau verhalte sich "wie die Mafia", hieß es auf katarischer Seite.