Der Anschlag von Pittsburgh und die Serie von Paketbomben sind für alle Politiker in den USA eine Mahnung, rhetorisch abzurüsten. Sonst könnte die Lage außer Kontrolle geraten.
So einfach ist es nicht. In diesem riesigen Staatenbund hat Gewalt, auch politische Gewalt, eine lange, traurige Tradition. Es gab und gibt viele linke und rechte Extremisten, Spinner, Waffennarren. Die Gewalt kommt in kleinen und großen Wellen, jetzt scheint man wieder einmal einem Höhepunkt zuzustreben.
Die meisten Bürger in den USA sind von solchen Taten genauso angewidert wie jeder andere zivilisierte Mensch auf der Welt. Sie lehnen Gewalt gegen Minderheiten oder als Mittel der politischen Auseinandersetzung entschieden ab. Das weiß auch Donald Trump, weshalb er im Fall des Massakers von Pittsburgh sehr klare Worte gewählt hat, um maximales Entsetzen auszudrücken. Den Versand der Bombenpakete verurteilte er ebenfalls, wenn auch nicht so eindeutig.
Dass die Gewalt eine Plage ist, darüber sind sie sich in den USA in solchen Momenten schnell einig. Das eigentliche Problem reicht viel tiefer und ist älter als Donald Trumps Präsidentschaft. Es ist die permanente Unfähigkeit des Landes, einen Konsens darüber herzustellen, was die Ursachen von Hass und Wut sind - und wie sie eingedämmt werden können.
Namen der Opfer vor Synagoge in Pittsburgh
Foto: Gene J. Puskar/ AP
Stattdessen folgen: Rituale. Viele in den liberalen Medien und die Demokraten machen nun Trump und seine Anhänger für ein "Klima des Hasses" in den USA mitverantwortlich. Trump und seine Republikaner weisen dies empört zurück. Sie geben den Demokraten und den liberalen Medien eine Mitschuld und erinnern an tätliche Angriffe Linker auf rechte Politiker. Denn auch die gab es.
So geht es weiter: Die einen rufen nach noch mehr Waffen, damit sich die Bevölkerung besser vor Amokläufern schützen kann. Die anderen wollen den Waffenbesitz eindämmen, ja, ganz verbieten, um weitere Massaker zu verhindern.
Das Land befindet sich praktisch im permanenten Widerspruch mit sich selbst. Alle sind verzweifelt, weil sie unentwegt denken: Warum will die andere Seite eigentlich nicht verstehen, was getan werden müsste? Es gibt schon lange kein gegenseitiges Verständnis mehr und auch keinen erkennbaren Willen zur rhetorischen Abrüstung.
Verschlimmert wird diese Situation, weil Amerika einen Präsidenten hat, der immer wieder genussvoll weiter zankt, provoziert und polarisiert, der gegen Migranten hetzt und so Rassisten das Gefühl gibt, auf ihrer Seite zu stehen. (Einen Kommentar von unserem New-York-Korrespondenten Marc Pitzke dazu finden Sie hier.) Donald Trump ist nicht der einzige Verantwortliche für diese Lage, aber er bestimmt den Ton in der Debatte maßgeblich mit. Mit seinen unentwegten Ausfällen löst er immer neuen Widerstand bei seinen Gegnern aus, und die Spirale des Irrsinns dreht sich einfach weiter.
Was kommt als nächstes? Es kann sein, dass die Lage immer weiter eskaliert und außer Kontrolle gerät. Dass die politischen Debatten noch hasserfüllter geführt werden. Dass neue Attentate und noch mehr politische Gewalt das Land erschüttern.
Aber es gibt auch das gegenteilige, das positive Szenario: Nach Jahren der Spaltung könnte bei vielen Bürgern die Sehnsucht nach Ruhe wachsen. Die Amerikaner haben es letztlich selbst in der Hand, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln. An der Wahlurne können sie Spalter bestrafen und Versöhner belohnen, egal, ob sie links sind oder rechts.