Attentat Niederländischer Rechtspopulist Fortuyn erschossen

Der niederländische Rechtspopulist Pim Fortuyn ist tot. Der Politiker kam von einem Interview, als er vor dem Eingang des Rundfunkgebäudes von mehreren Schüssen niedergestreckt wurde. Die Polizei nahm inzwischen einen Verdächtigen fest.


Pim Fortuyn
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Pim Fortuyn

Amsterdam - Fortuyn, einer der schillerndsten Aufsteiger der europäischen Polit-Szene, wurde auf dem Parkplatz vor dem Medienzentrum von Hilversum von mindestens vier Schüssen tödlich verletzt. Die Kugeln trafen den 54-Jährigen in Kopf, Brust und Hals.

Notärzte hatten sich noch am Tatort, 20 Kilometer südöstlich von Amsterdam, vergeblich um das Leben des Politikers bemüht. Wenige Stunden später nahm die Polizei einen Verdächtigen fest. Aus Sorge vor ausländerfeindlichen Krawallen betonten die Behörden, dass es sich um einen "weißen Niederländer" handele. Die Polizei verhöre ihn derzeit, berichtete die Nachrichtenagentur ANP am Montagabend unter Berufung auf zuverlässige Informanten. Der Festgenommene verweigere jede Aussage, sagte eine Polizeisprecherin. Über seine Identität und ein Tatmotiv könne sie noch keine Angaben machen. Rundfunksender hatten zuvor berichtet, mindestens vier Menschen hätten den Schützen verfolgt.

Der Anschlag ereignete sich neun Tage vor den Parlamentswahlen in den Niederlanden. Fortuyn ist Spitzenkandidat einer Liste, die seinen Namen trägt. Der Neuling in der niederländischen Spitzenpolitik hat in den letzten Monaten in den Niederlanden großes Aufsehen erregt, weil seiner Partei nach allen Umfragen bis zu 26 der 150 Parlamentssitze zugetraut wurden. Bei der Kommunalwahl Anfang März erreichte der frühere Soziologieprofessor in Rotterdam auf Anhieb 34 Prozent der Stimmen.

Fortuyns zugedeckte Leiche
AFP

Fortuyns zugedeckte Leiche

Fortuyn war nur schwer in politische Raster zu zwängen. Er vertrat eine ausländerfeindliche Politik, bekannte sich aber offen zur Homosexualität. Seine Verbalattacken gegen Muslime begründete er mit der harten Politik islamischer Staaten gegen Schwule und Lesben. "Die Niederlande sind voll", war eine seiner Parolen.

Die niederländischen Medien befassten sich in den vergangenen Wochen täglich mit dem "Phänomen Fortuyn". Experten bestätigten der Regierung, dass sie Beachtliches geleistet habe. Aber sie machten die führenden Politiker für den Eindruck verantwortlich, dass in Den Haag ein Klima der Küngelei bestehe und dass die Konsenspolitik zur Vergabe von Ämtern und Pfründen im Parteienproporz sowie zur Verschleierung unliebsamer Fakten geführt habe. Fortuyn wurde damit nicht in Verbindung gebracht.

Das Wohnhaus Fortuyns in Rotterdam wurde nach dem Attentat von der Polizei abgeriegelt. Die meisten prominenten Politiker in den Niederlanden haben keinen Personenschutz.

Sondersitzung des Kabinetts

Nach dem Attentat rief Ministerpräsident Wim Kok sein Kabinett noch für den Abend zu einer Sondersitzung zusammen. Dabei, so wurde vermutet, sollte es auch um eine Verschiebung der für 15. Mai angesetzten Parlamentswahl gehen. In ersten Reaktionen sprachen sich Parteien sowohl für als auch gegen eine Verschiebung aus. Alle Spitzenkandidaten haben den Wahlkampf zunächst unterbrochen.

Kok reagierte in einer offiziellen Stellungnahme fassungslos. "In den Niederlanden, dass hier so etwas geschieht", sagte er. "Ich bin völlig kaputt." Dann aber rief der Regierungschef der letzten acht Jahre seine Landsleute mit Nachdruck auf: "Lasst uns um Gottes Willen die Ruhe bewahren."

"Dies ist ein absoluter Tiefpunkt in der niederländischen Geschichte", sagte der Chef der Grünen, Paul Rosenmoller, im Fernsehen. In Brüssel erfuhr der Außenpolitik-Beauftragte Javier Solana vor dem EU-Ratsgebäude von dem Anschlag und zeigte sich schockiert. Der britische Premierminister Tony Blair verurteilte den Anschlag und sagte einen für Dienstag geplanten Wahlkampfauftritt in den Niederlanden ab.



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