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Iranische Agenten: Terrorplot in Washington

Foto: Jacquelyn Martin/ AP

Attentatsplan in Washington Terrorplot befeuert saudische Wut auf Iran

Zwei Iraner wollten angeblich den saudi-arabischen US-Botschafter ermorden lassen - das geplante Attentat von Washington droht, den schwelenden Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien massiv zu verschärfen. Doch womöglich verfolgte der Terrorplot ganz andere Ziele.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Eins ist klar: Die Folgen des aufgedeckten Plans, den saudi-arabischen Botschafter in Washington ermorden zu lassen, sind einfacher einzuschätzen als die Absichten hinter dem Plot: "Genug der Unverschämtheiten, Teheran!", titelte die saudi-arabische Tageszeitung "Okaz" auf ihrer Internetseite.

Saudi-Arabien und Iran sind einander seit Jahrzehnten in herzlicher Abneigung verbunden und streiten um die Vorherrschaft im Nahen Osten - ab sofort sind die Beziehungen am Boden. Das kann brisante Folgen haben. Schon jetzt ist das von einem Aufstand erschütterte Bahrain ein geheimes Schlachtfeld im Kampf der beiden Möchtegern-Hegemonialmächte.

Es droht eine Eskalation. Riad reagierte umgehend und heftig: Es gebe Überlegungen, den mutmaßlichen Attentatsplan vor den Uno-Sicherheitsrat zu bringen. Prinz Turki, der ehemalige Geheimdienstchef des Landes, erklärte zudem, die Hinweise seien "überwältigend", dass Iran hinter dem mysteriösen Komplott stehe.

Und auch das Verhältnis zwischen Iran und den USA, vermutlich sogar dem Westen insgesamt, wird sich in den kommenden Monaten verschlechtern. Es zeichnet sich bereits eine Kurskorrektur der USA ab - weg von Verhandlungsangeboten, hin zu einem deutlich konfrontativeren Umgang.

Schon ist von neuen Sanktionen die Rede. In der "Washington Post" zitiert Geheimdienstexperte David Ignatius einen Beamten aus dem Weißen Haus mit der Aussage, dass der aufgeflogene Plot, hinter dem das FBI die dem Regime verbundenen Kuds-Brigaden wähnt, als "Chance" genutzt werden wird, in den Hauptstädten der Welt klarzumachen, dass der Iran "bis zum maximal möglichen Ausmaß isoliert" werden müsse.

Doch die Folgen des enthüllten Attentatsplans müssen nicht identisch sein mit den erhofften Folgen eines erfolgreichen Attentats. Und in dieser Hinsicht stellen sich einstweilen mehr Fragen, als es Antworten gibt. Geht es um einen inner-iranischen Machtkampf? Oder steht die Eskalation mit dem Westen im Vordergrund?

Wer waren die mutmaßlichen Drahtzieher?

Die US-Justiz spricht von einem "Terrorkomplott unter Führung iranischer Regierungselemente". Eine zentrale Rolle bei der mutmaßlichen Vergabe des Killerauftrags an ein mexikanisches Drogenkartell fiel demnach dem Iraner Gholam Schakuri zu, der als Mitglied der Kuds-Brigaden bezeichnet wird. Die Kuds-Brigaden sind eine paramilitärische Spezialtruppe innerhalb der Revolutionswächter. Der US-Iraner Manssor Arbabsiar soll die Verhandlungen mit den Auftragskillern geführt haben - dabei sprach er unwissentlich mit einem FBI-Informanten. Arbabsiar, der geständig sein soll, hat demnach erklärt, er sei rekrutiert und bezahlt worden von Personen, die er für Offiziere der Kuds-Brigaden hielt.

War der Plot von der Spitze des iranischen Regimes gesteuert?

Nicht unbedingt - und hier beginnt das große Rätselraten. Theoretisch sind die Kuds-Brigaden Teil des Regimes, dessen nomineller Machthaber nicht Präsident Mahmud Ahmadinedschad ist, sondern Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei. Doch Experten haben bereits Zweifel angemeldet, dass der aufgedeckte Plot tatsächlich von der Regime-Spitze ausgeheckt worden sein muss. Sie halten es für vorstellbar - und zum Teil auch für wahrscheinlicher -, dass Mitglieder des Kuds-Apparats auf eigene Faust aktiv wurden.

Innerhalb der Brigaden sitzen einige der radikalsten Vertreter derjenigen Schule, die auf unbedingte Konfrontation mit den USA setzt. Nicht zuletzt, um die Stabilität des Regimes zu erhalten, indem man sich erhöhtem Druck von außen aussetzt. US-Präsident Barack Obama hatte diesen Druck gesenkt und Verhandlungen angeboten - das könnten Teile der Kuds-Brigaden als gefährlich erachtet haben. Einer oder mehrere Anschläge auf US-Boden könnten das Gegenmittel ihrer Wahl gewesen sein, denn eine Eskalation, im schlimmsten Fall gar eine bewaffnete Auseinandersetzung, wären dann wahrscheinlich.

Ajatollah Ali Chamenei hingegen wird einer anderen Schule zugeordnet, die nicht um jeden Preis Spannungen mit dem Ausland aufrecht erhalten will und Interesse daran hat, die internationale Isolation Irans zu durchbrechen. Ein Komplott, wie das nun aufgedeckte, trauen viele Beobachter Chamenei nicht ohne weiteres zu - sie halten es schlicht für zu gefährlich.

Einige Experten glauben, dass der Washingtoner Plot auch eine Begleiterscheinung des schwelenden Machtkampfs um eine Nachfolge Ahmadinedschads sein könnte. Moderate und Extremisten laufen sich bereits warm - und eine von außen aufgezwungene Eskalation würde die Spielregeln im Inneren verändern, in diesem Szenario zugunsten der Hardcore-Fraktion, möglicherweise auch für den Amtsinhaber.

Vielleicht ging es aber auch gar nicht um große Politik, sondern um persönlichen Amerika-Hass. Das "Long War Journal" weist zum Beispiel darauf hin, dass einer der mutmaßlichen Teheraner Hintermänner 2007 in einen komplexen Anschlag auf US-Soldaten im Irak involviert war.

Doch natürlich kann niemand ausschließen, dass die Regime-Spitze oder Präsident Ahmadinedschad sehr wohl Bescheid wussten - und die Kuds-Brigaden und den Umweg über das mexikanische Kartell gewählt haben, um es nach einer ungedeckten Aktion einzelner Radikaler aussehen zu lassen.

Iran ist eines der von Außen undurchsichtigsten Länder der Welt; fast jede Volte bleibt denkbar.

Warum der saudische Botschafter?

Es gibt auf den ersten Blick keinen besonderen Grund für Iran, gerade Adil al-Dschubeir umzubringen. Er gilt zwar als eloquenter Repräsentant der Öl-Monarchie, aber das war sein Vorvorgänger Prinz Bandar in noch viel höherem Maße. Bandar war zudem ein persönlicher Freund zahlreicher US-Politiker. Und auch Bandars Nachfolger Prinz Turki dürfte den Iranern ein größerer Dorn im Auge gewesen sein als Dschubeir, der nicht der Königsfamilie entstammt.

Dschubeir, dessen Vater schon Diplomat war, unter anderem in Deutschland, studierte in Texas und Washington D.C. Wirtschafts- und Politikwissenschaften, bevor er in den auswärtigen Dienst eintrat. Wenn auch bürgerlicher Herkunft, gehört er freilich dennoch zum Favoritenkreis des Monarchen, den er vor seiner Berufung in Washington lange beriet. Trotzdem ist Dschubeirs Profil viel weniger konturiert als das seiner Vorgänger.

Allerdings wäre der saudische Botschafter natürlich ein sinnvolles Ziel, wenn die Absicht in Wahrheit darin bestanden haben sollte, das Verhältnis zu Saudi-Arabien weiter zu beschädigen. Aber dagegen scheint zu sprechen, dass die Auftraggeber offenbar eine Serie von Anschlägen planten, so zum Beispiel auch auf israelische Einrichtungen.

Außerdem ist nicht klar, wieso der Tod Dschubeirs Iran genutzt hätte. Denn die Ermordung, wenn sie gelungen wäre, hätte eher die Bande zwischen Saudi-Arabien und den USA verstärkt, Riad mithin nicht geschwächt, sondern nur empört. Saudi-Arabien zu schwächen ginge aber einfacher, indem Iran beispielsweise mit Hilfe seiner Spezialtruppen in Saudi-Arabien selbst die schiitische Minderheit aufwiegelt - oder in Bahrain weiter Chaos schürt, wo ohnehin schon eine Art Stellvertreterkrieg schwelt.

Warum in Washington?

Klar ist: Mit nichts kann man die USA eher zu massiven Reaktionen provozieren als mit einem Anschlag auf US-Boden. Wenn es zudem, wie es offenbar einkalkuliert war, viele zivile Opfer gegeben hätte oder gar eine ganze Serie von Anschlägen, dann konnten die Auftraggeber damit rechnen, dass Washington schnell, scharf und aggressiv reagiert.

Insofern könnte der Plot den Scharfmachern innerhalb des iranischen Regimes in der Tat Nutzen bringen, weil sie glauben, von einer Eskalation, eventuell auch von amerikanischen Bomben und Raketen, profitieren zu können.

Dazu allerdings müssten sie sicher sein können, dass die USA den Anschlag auch Drahtziehern im Iran zurechnen - und das wirft eine weitere Frage auf: Wieso schalteten die Hintermänner ein mexikanisches Kartell ein? In der Vergangenheit hat Teheran Anschläge dieser Art selbst durchgeführt. Einige Beobachter halten die Kuds-Brigaden dazu nach wie vor auch fähig. Ein Indiz dafür, dass Einzelpersonen hinter der Planung standen?

Geht es um Obama?

Angenommen, alles wäre tatsächlich so gekommen, wie es angeblich geplant war: Der saudische Botschafter in Washington wird bei einer Explosion in einem Restaurant getötet, Dutzende weitere Opfer sind zu beklagen. Später zerstören Bomben israelische Einrichtungen. Noch später gibt es ähnliche Anschläge in Südamerika. Und weiter angenommen, dass nicht sofort klar ist, wer dahinter steckt, schließlich deutet nichts daraufhin, dass die mutmaßlichen Drahtzieher sich in irgendeiner Form bekennen wollten: Was wäre dann geschehen?

Der Verdacht wäre - wegen der passenden Zielauswahl - vermutlich zunächst auf al-Qaida gefallen. Eventuell hätte das FBI auch Spuren gefunden, die nach Mexiko führen.

In jedem Fall aber wäre Präsident Obama beschädigt worden: Im Moment ist die Sicherheitspolitik seine starke Flanke. Anschläge auf US-Boden würden das sofort ändern.

Ging es also darum, Obamas Abwahl sicherzustellen - um einem mutmaßlich republikanischen Nachfolger ins Amt zu helfen, der dann wiederum harte Bandagen gegenüber Teheran anzieht, was den Hardlinern helfen würde? Auch diese Variante ist vorerst nicht auszuschließen.

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