Attentatsserie im Irak "Heute ist dem Islam der Krieg erklärt worden"

Bei einer Attentatsserie im Irak sind nach Polizeiangaben fast 150 Menschen ums Leben gekommen. Ziel der Bombenanschläge waren heilige Stätten der Schiiten in Bagdad und Kerbala. Hunderte wurden verletzt.


Imam-Kadem-Moschee in Bagdad: Stätte der Verwüstung
REUTERS

Imam-Kadem-Moschee in Bagdad: Stätte der Verwüstung

Bagdad/Kerbela - Tausende Schuhe und Sandalen liegen auf der Straße vor dem Hussein-Schrein in Kerbela durcheinander, Picknickkörbe sind in alle Richtungen verstreut. Der Innenhof der heiligen schiitischen Stätte im südirakischen Kerbela ist nach einer Serie von drei Explosionen auch mit abgerissenen Gliedmaßen übersät. Tausende Gläubige rennen in Panik über das Gelände. Bis zu 60 von ihnen wurden Polizeiangaben zufolge bei den Anschlägen heute getötet. Fast gleichzeitig kamen bei mehreren Explosionen in Bagdad Dutzende Menschen ums Leben.

Irakische Beamte gaben die Gesamtzahl der Todesopfer mit fast 150 an. Die Zahl der Toten in Bagdad betrug nach Angaben aus Krankenhäusern dabei mindestens 85. Der US-Sender CNN berichtete zudem von rund 200 Verletzten in Bagdad und 300 in Kerbela.

Die Explosionen in der Hauptstadt wurden nach Angaben von US-Militärsprecher Craig Stone von vier Mörsergranaten ausgelöst, die von einem unbekannten Ort aus auf den Schrein Kasimija abgefeuert worden seien. In dem anschließenden Chaos sei ein irakischer Polizist von tödlichen Schüssen in den Kopf getroffen worden.

Die Anschläge wurden verübt, während Hunderttausende gläubige Schiiten gerade das Aschura-Fest feierten. Sie gedenken dabei des Todes Husseins, des Enkels des Propheten Mohammed, der in einem Schrein in Kerbela beigesetzt ist

Bei den Opfern in Kerbela handele es sich um Iraker und Iraner, sagte der Polizeichef der Stadt, Oberst Raed Nabil. In der Stadt halten sich derzeit wegen des schiitischen Aschura-Fests schätzungsweise zwei Millionen Gläubige auf.

"Wir standen neben der Moschee, als wir eine gewaltige Explosion hörten", sagte der 18-jährige Tarar in Kerbela. "Wir haben Körperteile gesehen, Arme, Beine, noch mehr Körperteile. Dann sind die Rettungswagen gekommen." Die Polizei riegelte das Gebiet ab, Dutzende bewaffnete Männer in Zivil bemühten sich, die Ordnung wiederherzustellen, und gaben Warnschüsse ab. Den drei Explosionen folgten nach etwa einer halben Stunde zwei weitere.

Zwei irakische Polizisten brachen bei der Besichtigung des Tatorts in Tränen aus. Zwei Männer wurden festgenommen, nachdem die aufgebrachte Menge sich auf sie gestürzt hatte. In der Stadt breiteten sich alle möglichen Gerüchte über die Ursache der Anschläge aus. Dabei wurde ein Mörserbeschuss von außerhalb der Stadt ebenso in Erwägung gezogen wie Selbstmordanschläge.

Helfer kümmern sich in Kerbela um Verletzte
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Helfer kümmern sich in Kerbela um Verletzte

Ein Augenzeuge erklärte, einer der Sprengsätze sei in der Nähe der Moschee versteckt gewesen. "Ich war zehn Meter entfernt, die Bombe war unter Abfall deponiert", sagte der Mann, der seinen Namen mit Sairus angab. Aus den Lautsprechern der Moschee schallten weiter Verse aus dem Koran. Die Feierlichkeiten zum Aschura-Fest wurden nur kurzzeitig für eine Aufforderung an die Gläubigen unterbrochen, die Rettungswagen durchzulassen. Die Moschee wurde bei den Anschlägen nicht beschädigt.

Die Sprengsätze detonierten sowohl im Inneren der heiligen Stätte als auch auf dem davor gelegenen Platz, auf dem sich zahlreiche Straßenverkäufer aufhielten. Hunderte bewaffnete Männer verteilten sich auf dem Gelände, in der Luft kreisten mehrere Hubschrauber. Von den traditionellen schwarzen Trauerbannern des Aschura-Festes blieben nur Fetzen übrig.

Unter den Überlebenden machte sich Unmut breit. Streitende Gruppen machten entweder die USA, das Terrornetzwerk al-Qaida oder sunnitische Extremisten für die Bluttaten verantwortlich. "Wie ist es möglich, dass ein einzelner Mann, geschweige denn ein Muslim, so etwas am Tag Husseins tun kann?" sagte Thaer al-Schimri, ein Mitglied der schiitischen Partei al-Dawa. "Heute ist dem Islam der Krieg erklärt worden."

Die Schiiten im Irak gedenken bei den Aschura-Feiern des Märtyrertods Imam Husseins, des Enkels des Propheten Mohammed. Viele Gläubige geißeln sich und verletzen sich mit Schwertern am Kopf, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Unter der Herrschaft des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein war das Fest verboten.

Die Anschläge dürften die Spannungen zwischen der schiitischen und der sunnitischen Bevölkerungsgruppe im Irak weiter verschärfen. Vor kurzem entdeckten US-Streitkräfte nach eigenen Angaben eine Computer-Diskette mit einem Schreiben des mutmaßlichen jordanischen Qaida-Mitglieds Abu Musab Sarkaui. Darin sei zu Selbstmordanschlägen gegen die Schiiten aufgerufen worden, um einen Bürgerkrieg auszulösen.

Bei einem weiteren Anschlag wurde am Dienstag in Bagdad ein US-Soldat getötet. Rebellen hätten eine Bombe auf das Fahrzeug des Soldaten geworfen, teilte die US-Armee mit. Damit erhöhte sich die Zahl der seit Beginn des Irak-Kriegs getöteten US-Soldaten auf 550.



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