Auf Schindlers rettender Liste Wie eine 14-Jährige der Hölle Auschwitz entkam

Stella Müller-Madej war 14, als sie, kurz bevor sie in Oskar Schindlers Emaille-Fabrik kommen sollte, nach Auschwitz verschleppt wurde. Obwohl um sie herum nur Verderben herrschte, hat sie den Glauben ans Überleben nie aufgegeben. Zweimal entkam sie dem sicheren Tod.
Von Alexander Schwabe

Krakau - Auf dem Foto, das Stella Müller-Madej in ihrer gepflegten Zwei-Zimmer-Wohnung in Krakau zeigt, herrscht heitere Gelassenheit, von Argwohn in den Gesichtern ihrer Familie keine Spur. Dabei hatten die Müllers - die Mutter Deutsche, der Vater deutscher Abstammung - zu diesem Zeitpunkt im Herbst 1941 schon einiges hinter sich.

Das Foto zeigt die Familie in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft im Ghetto von Krakau. Sie hatten ihre noble Wohnung im modernen Teil der Stadt verlassen müssen, damit deutsche Besatzer darin wohnen konnten. "Es war zwar schrecklich: überall in der neuen Bleibe Kakerlaken und die Toilette draußen vor dem Haus, doch egal", sagt Müller-Madej, "das werden wir überleben, der Krieg wird schnell zu Ende gehen."

Dieser Meinung seien die meisten gewesen, sagt sie, das habe sich auch nicht geändert, als sie im Ghetto schon bald Schreckliches zu sehen bekam. "Während der Liquidierung der Kinderheime, ist es zu Morden gekommen", sagt die heute 74-Jährige. "Kinder wurden aus dem Fenster geworfen, und die Nazis schossen auf die Fallenden wie auf Tontauben."

Die Illusion, dass es nicht schlimmer werden würde, hielt sich dennoch. Denn nicht alle Nazis wirkten wie Scheusale. Noch bevor sie ins Ghetto umquartiert wurden, hatte die Mutter, eine kultivierte, belesene Frau, die mit 16 aus Deutschland nach Polen gezogen war und erst dort die Landessprache lernte, eine gute Stellung bei einem österreichischen SS-Mann namens Holzinger erhalten. Holzinger war bereits mit Stella Müllers Onkel Zygmunt Grunberg befreundet gewesen. Nicht einmal die Tatsache, dass Grunberg diesem Holzinger ein großes Zimmer in seiner komfortablen Stadtwohnung zur Verfügung stellen musste, führte zu Verwerfungen in der Beziehung, im Gegenteil: Die Familien trafen sich des Abends häufig zum Bridge.

Dass Stellas Großvater und Onkel Grunberg Juden waren, wenn auch keine orthodoxen, und ihre Mutter Christin, spielte weder innerhalb der Familie, noch in ihrem gesellschaftlichen Leben irgendeine Rolle. Ihr selbst war bis 1939 nicht einmal bewusst, dass sie in einer "gemischten Familie" aufwuchs.

Besonders Stellas Mutter und die Frau des SS-Offiziers verband eine enge Freundschaft. Sie hielt auch an, als die Müllers bereits im Ghetto wohnten. Doch es kam zu weiteren Einschränkungen. Die Mutter durfte nicht mehr täglich zu ihrer Arbeit zu den Holzingers, sie brachte keine Lebensmitteltüten mehr mit nach Hause. Onkel Grunberg musste seine Wohnung ganz räumen, Holzinger übernahm sie nun komplett. Holzinger fuhr mit seinem Auto ab und zu eigens ins Ghetto, um die Freunde mit Lebensmitteln zu versorgen. Doch erneut hingen die Müllers einer Illusion nach: dass das Nazi-System irgendetwas Menschliches habe, weil ihm vereinzelt auch nette Menschen angehörten.

Doch nicht nur die Müllers verkannten das volle Ausmaß der Gefahr: Innerhalb des Ghetto bemerkte die junge Stella schon recht früh, dass es zwei Gruppen unter den Juden gab: Die Widerständler und die Kollaborateure. "Wenn der Kommandant des jüdischen Ordnungsdiensts, ein Analphabet und ein brutaler, primitiver Charakter, durch die Straßen ging, hatten wir ähnlich Angst wie vor den SS-Leuten", sagt Müller-Madej. "Sie dachten, durch ihre Aggressivität würden sie ihr Leben retten." Das war ein Trugschluss. 99 Prozent der Kollaborateure wurde von den Nazis umgebracht, als sie nicht mehr gebraucht wurden.

Gedankensprung nach Auschwitz

Müller-Madej erzählt dies alles bei einer Tasse Tee. Ihre Sätze sind wohl geordnet. Sie erzählt chronologisch. Bis zu diesem Punkt. Unvermittelt sagt sie: "Mein Gefängnis lässt mich nicht in Ruhe. Ich kann mich an alles erinnern." Dann greift sie nach einer neuen Zigarette und spricht über Auschwitz: "Wenn man so wunderbare Menschen gesehen hat, Kinder, die in den Tod gingen, dann kann man den Rücken nicht zum Grab drehen."

Ihren Alltag erlebt Stella oft wie den Verlauf dieses Gesprächs. "Ich kann mich sehr gefasst und neutral in der Gesellschaft verhalten, kann vorgeben, glücklich zu sein, fröhlich sein, Witze erzählen - und dann fängt die Videokassette im Hirn an zu spielen. Dann kann ich nicht weitermachen und ziehe mich zurück."

Stella Müller-Madej hat unfassbare Grausamkeit erlebt. Dass sie als jugendliche Tierliebhaberin mitbekam, wie Hunde, die ihren Besitzern ins KZ gefolgt waren, dort als jüdische Hunde erschossen wurden, während die Tiere der Nazis gehegt und gepflegt wurden, gehört dabei zu den geringsten Schreckenserfahrungen ihrer KZ-Haft - grausam war aber auch das. Es gehörte zum Kalkül der Nazis, jede Form von Menschlichkeit aus dem Lager zu verbannen.

Mehrfach in der Gaskammer

Nach Himmlers Befehl zur Liquidierung aller polnischer Ghettos vom Juni 1943 wurde die junge Frau zunächst in das KZ Plaszow bei Krakau gebracht, das unter dem Kommando Amon Goeths stand - einem Nazi, dem es Freude machte, vom Balkon seiner Villa aus wahllos Häftlinge mit einem Karabiner niederzuschießen. Die Figur findet sich auch in Spielbergs "Schindlers Liste". Plaszow war die Hölle, doch nie wird sie jene Nacht im Oktober 1944 vergessen, als sie mit einem Transport von Frauen plötzlich nach Auschwitz gebracht wurde. Die Frauen aus Plaszow waren bei ihrer Ankunft im Vernichtungslager Birkenau keiner Baracke zugeteilt worden. "Es war klar, wir sollten sofort ins Gas."

Zu diesem Zeitpunkt war Oskar Schindler, der mehr als 1000 Juden vor dem Tod bewahrte, indem er sie in seiner Emaillewarenfabrik bei Krakau arbeiten ließ, zum Verhör bei der SS. Als er erfuhr, dass 300 Frauen aus seinem Unternehmen nach Auschwitz gebracht wurden, statt ins böhmische Brünnlitz, wo er eine neue Fabrik gekauft hatte, die er mit 1000 Juden betreiben wollte, versuchte er die Frauen, unter denen auch Stella Müller und ihre Mutter waren, aus Auschwitz rauszuholen.

Schindler rief, so schildert es Müller-Madej, aus dem Verhör bei der SS seine polnische Freundin namens Klonowska an. Er trug ihr auf, alles was sie auftreiben könne, Schmuck, Alkohol, Fleisch, Süßigkeiten, nach Auschwitz zu bringen und es dem Kommandanten zu geben. Wenn es der Sache dienlich wäre, solle sie auch mit ihm schlafen. Die Verhandlungen um die Schindler-Juden gingen hin und her. "Standen sie schlecht, schickte man uns in die Gaskammer, standen sie besser, orderte man uns wieder raus", erzählt Müller-Madej. "Die Aufseher wussten nicht definitiv, was sie mit uns machen sollten."

Während dieser mehrfachen Konfrontation mit dem Tod machte Stella Müller eine Erfahrung: "Ich bin überzeugt - und ich habe mehrfach darüber nachgedacht -, der Wille zu leben bleibt in einem bis zur allerletzten Sekunde."

Am Rande des Todes

Schon bald wurde Stellas Überlebenswille erneut auf die Probe gestellt. Schindler war es gelungen, die 300 Frauen vor dem Gas zu bewahren. Doch war Stella bei dem Gedränge während des ständigen Raus und Rein in die Kammer, von einer anderen Frau, die die Nerven verloren hatte, zufällig gekratzt worden. Als die Schindler-Frauen dann in der Baracke lagen und wegen der einsetzenden Nachtfröste ständig froren, begann sich die Wunde zu entzünden. Stellas Bein schmerzte immer stärker. Als ihre Mutter und zwei weitere Frauen im schummrigen Licht der elenden Hütte Stellas Schenkel abtasten, stellen sie ein Geschwür fest, offen, voller Eiter. Am Morgen stellte sich heraus, dass sich am Schenkel ein Loch gebildet hatte, in dem Parasiten nisteten.

Das Geschwür wuchs an und hatte bald die Größe einer Birne. Stella konnte bei den Appellen nicht mehr stehen. Als sie auf ihrer Pritsche liegen blieb und nicht vor der Baracke antrat, knüppelte die Blockälteste hemmungslos auf sie ein. Von diesen Schlägen trug Müller einen Wirbelsäulenschaden davon, der ihr noch immer zu schaffen macht.

Die Frauen hielten in der Nacht abwechselnd Wache bei Stella. Ratten hatten den Eiter gewittert und jagten um ihre Pritsche. Als Stella bewusstlos wird, quälen sie furchtbare Fieberträume. Die 14-Jährige wird auf die Seuchenstation gebracht - ein Ort des nahezu sicheren Todes. Nach etwa zwei Wochen wacht Stella auf. Mira, eine Ärztin, die selbst ihre Tochter im Lager verloren hatte und als Gefangene dem Tod geweiht ist, kümmert sich aufopfernd um die Kranke.

Unter großem Risiko und mit viel Glück gelingt es der fürsorglichen Frau, Stella zu pflegen, damit sie transportfähig wäre, und ihre Entlassung aus der Seuchenstation zu organisieren. In letzter Minute kommt das Mädchen auf den Zug, auf dem auch ihre Mutter ist. Mit den 300 Frauen der Schindler-Liste geht es zu dessen neuer Fabrik in Böhmen.

"An demselben Ort habe ich extrem schlechte und extrem gute Menschen getroffen", resümiert Stella Müller-Madej heute. Wenn sie von den Sadisten und Mördern der SS berichtet, tut sie dies sehr gefasst und kontrolliert. Doch wenn sie von Mira erzählt, werden Stellas Augen feucht. Die Ärztin, die dem Mädchen von Schindlers Liste das Leben rettete, wurde wenig später ins Gas geschickt.

Es war niemand da, der Mira zurückholen konnte, so wie bei über einer Million anderer Menschen auch. ___________________________

Stella Müller-Madejs Erinnerungen sind im Ölbaum-Verlag unter dem Titel "Mit den Augen eines Kindes" erschienen und bei dtv als "Das Mädchen von der Schindler-Liste"

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