Aufarbeitung des Franco-Regimes "Die Kirche sieht den Bürgerkrieg immer noch als Kreuzzug"

Der Schriftsteller Jorge Semprún kämpfte gegen die Diktatur in Spanien, war im französischen Widerstand und Gefangener im Konzentrationslager. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über den neuen Erinnerungswillen in Spanien und über Ungerechtigkeiten, die bis heute andauern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Semprún, in Ihren Büchern verweben Sie immer wieder Ihre eigene Geschichte mit fiktiven Handlungen. Was bedeutet Erinnerung für Sie?

Semprún: Wenn jemand sich nicht erinnert, weiß er nicht, wer er ist. Für mich ist die Erinnerung etwas ganz Fundamentales, aus persönlichen Gründen. Ich war während des spanischen Bürgerkriegs im französischen Exil, ich wurde ins Konzentrationslager verschleppt, ich lebte später in Spanien im Untergrund. Wenn ich schreibe und mir Figuren ausdenke, beschreibe ich sie in ihrer Beziehung zu der Zeit, zur Vergangenheit, zur Gegenwart, zur Zukunft. Man kann das Leben nicht in der Gegenwart und in der ersten Person erzählen: Am ersten Tag mache ich das, am zweiten dies, am dritten jenes. Das Leben ist viel komplizierter. Wenn du deine Erinnerung verlierst, verlierst du den roten Faden in deinem Leben.

SPIEGEL ONLINE: Sie kämpften ab 1953 gegen das Franco-Regime, sie koordinierten den Widerstand und waren der meistgesuchte Mann Spaniens. Welche Erinnerung hat Sie am meisten geprägt?

Semprún: Die Brüderlichkeit. Mit der Kommunistischen Partei hatte ich meine Probleme, die dazu führten, dass ich 1964 ausgeschlossen wurde. Meine damalige Kritik erhalte ich auch heute noch aufrecht. Aber unabhängig davon ist meine stärkste und positivste Erinnerung an diese Zeit die Brüderlichkeit, besonders in schwierigen Momenten, als Kameraden festgenommen wurden und als sie gefoltert wurden. Diese Solidarität von Menschen, die sehr viel gelitten haben, die im Bürgerkrieg gekämpft hatten, auch die neue Generation, die übernahm und den Kampf fortführte… diese Kameradschaft, das war mir sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Der spanische Diktator Franco ist seit über dreißig Jahren tot. Man hat den Eindruck, dass Francos Gewaltherrschaft und der vorangegangene Bürgerkrieg erst jetzt aufgearbeitet werden. Warum?

Semprún: Die Spanier haben sich schon vorher mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt, aber eher über Romane oder Historiker, die zum Bürgerkrieg geforscht haben. Aber es ist wahr, die Aufarbeitung des Bürgerkriegs ist heute viel massiver. Die Demokratie ist sehr gefestigt, wir können uns jetzt sozusagen den Luxus einer umfassenden und selbstkritischen Erinnerungsarbeit leisten. Die äußeren Umstände, die Generation und die gefestigte Demokratie erlauben uns, über diese Dinge zu sprechen und nachzudenken.

Spaniens Geschichte

SPIEGEL ONLINE: In Spanien hat man nach dem Amnestiegesetz 1977 lange über Verantwortung für die Verbrechen der Franco-Diktatur geschwiegen.

Semprún: Franco kam durch einen dreijährigen Bürgerkrieg an die Macht, der hunderttausende Tote auf beiden Seiten gefordert hat. Er errichtete ein totalitäres Regime, das das Volk sehr, sehr lange und brutal unterdrückte. Dass das Regime durch einen Bürgerkrieg an die Macht gekommen ist, unterscheidet Spanien von anderen Ländern. In der Zeit des Übergangs zur Demokratie gab es den Wunsch nach Amnesie, der wurde mit dem Amnestiegesetz verankert. Das Volk wollte vergessen. Nun will das Volk sich erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Der Richter Baltasar Garzón will Massengräber öffnen und die Identität der Opfer feststellen lassen. Er will die "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" des Franco-Regimes untersuchen. Wie bewerten Sie Garzóns Vorstoß?

Semprún: Unabhängig davon, wie man die Initiative von Richter Garzón juristisch bewertet, ist es offensichtlich, dass Spanien eine umfassende Erinnerungskultur braucht. Im Bürgerkrieg wurde die Demokratie zerstört. Heute gelten in der spanischen Gesellschaft die Werte der besiegten Republikaner, demokratische Werte. Trotzdem wird das historische Gedenken oft von den Werten der damaligen Sieger dominiert.

SPIEGEL ONLINE: Der Sieger des Bürgerkriegs war Franco, der von konservativen und faschistischen Gruppen und der katholischen Kirche unterstützt wurde. Zu den besiegten Republikanern gehörten Sozialisten und Kommunisten.

Semprún: Ja. Und von den Republikanern ermordete Priester werden heute selig gesprochen. Die Erinnerung an die getöteten Republikaner hingegen darf nicht wachgerüttelt werden. Dieses Ungleichgewicht kann die Initiative von Garzón überwinden.

"Wirkliche Versöhnung findet bei den Lebenden statt"

SPIEGEL ONLINE: Der Chef der konservativen Volkspartei PP, Mariano Rajoy, ist der Meinung, dass Wunden wieder aufgerissen werden, die mühsam geschlossen wurden.

Semprún: Als ob keine Wunden aufgerissen werden, wenn die PP und die Bischöfe zuhauf an Zeremonien zur Seligsprechung teilnehmen! Natürlich reißt das auch Wunden auf. Aber an die Verletzungen, die Franco und die Rechten dem spanischen Volk zugefügt haben - daran darf man nicht erinnern. Auch die Kirche hat sich immer noch nicht kritisch distanzieren können von ihren Positionen des Bürgerkriegs. Sie sieht den Krieg immer noch als Kreuzzug.

SPIEGEL ONLINE: Worin zeigt sich diese Haltung der katholischen Kirche in Spanien?

Semprún: Bei den Prozessionen zur "Semana Santa", zur Karwoche, in Sevilla wird die Statue der Jungfrau von Macarena durch die Straßen getragen. Niemand erinnert daran, dass diese Statue noch heute, nach all den Jahren, bei den Prozessionen die Schärpe von Francos General Queipo de LLano trägt. Queipo de LLano ist der General, der Sevilla angegriffen hat, der für seine Unterdrückung und seine faschistoiden Ansichten bekannt war.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Zwanzig Jahre und ein Tag" beschreiben Sie die Beerdigung von einem Großgrundbesitzer und einem Republikaner in einem Grabmal im Jahr 1956. Ist das für Sie ein Beitrag zur Versöhnung?

Semprún: Nein. Das ist eine ironische Metapher auf das "Valle de los Caídos", das Tal der Gefallenen nahe Madrid. Franco wollte dort nicht nur die "seine" Opfer, sondern auch republikanische Tote begraben. Das ist für mich eine künstliche Versöhnung von Toten, keine wirkliche Versöhnung. Wirkliche Versöhnung findet bei den Lebenden statt - es muss eine kritische Analyse der Vergangenheit auf beiden Seiten geben. Keine monumentalen Symbole, sondern im richtigen Leben, auf der Basis demokratischer Werte.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Beitrag kann Literatur zur Aufarbeitung leisten?

Semprún: Sei es nun ein Roman oder eine historische Untersuchung, die Literatur ist ganz wesentlich für die historische Aufarbeitung. Nicht zufällig kommen Bücher in Spanien, die von den Massengräbern handeln, aus einer großen Bürgerbewegung, die die Wahrheit über die Geschichte erfahren will.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden 1943 von der Gestapo ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert und dort zwei Jahre gefangen gehalten. Wie bewerten Sie die Aufarbeitung der Vergangenheit in Deutschland?

Semprún: Obwohl die Deutschen ihre Trauerarbeit mit einiger Verzögerung begonnen haben, glaube ich, dass es die tiefgreifendste Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in ganz Europa ist. Natürlich kann man sagen, dass das Gedenken stärker sein muss als in anderen Ländern, weil die Verbrechen der Nationalsozialisten grausamer waren, sie zerstörten die Freiheit in einem großen Teil Europas. Aber die Bemühungen um eine selbstkritische Aufarbeitung sind bei den Deutschen stärker als im übrigen Europa. Das fällt mir besonders bei jüngeren Generationen auf, sie setzen sich mit ihren Eltern und Großeltern auseinander.

SPIEGEL ONLINE: Beobachten Sie das auch in Spanien?

Semprún: In Spanien überraschen mich manchmal bei den Studenten und Schülern das fehlende Wissen und die mangelnde Sensibilität im Umgang mit den Ereignissen der Vergangenheit. Es gab keine pädagogischen oder institutionellen Anstrengungen, die Vergangenheit offenzulegen, zu kritisieren und zu korrigieren.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland war lange geteilt. Sie sind mit den politischen Entwicklungen hierzulande gut vertraut. Können die Deutschen die Last der beiden Diktaturen tragen? Wie viel Raum gibt man dieser Aufarbeitung hier?

Semprún: Deutschland hat zwei Typen von Totalitarismus kennengelernt. Das brutale und totalitärere Regime war das nationalsozialistische. Die DDR kenne ich, weil ich einige Male während meiner Zeit bei der Kommunistischen Partei dort war. Das diktatorische System, die politische Polizei, die Unfreiheit - das alles ist zwar bekannt. Noch haben die Deutschen diese Zeit aber nicht vollständig aufgearbeitet. Nach einigen Jahren werden jetzt soziale Aspekte mythisch überhöht. Das ist ein historisches Problem, aber nicht übermäßig beunruhigend. Ich glaube nicht, dass das eine Gefahr für die Demokratie in Deutschland ist.

Das Interview führte Katharina Peters

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