Aufregung in Frankreich Sozialisten bangen um ihren Superstar

Der Haftbefehl gegen Dominique Strauss-Kahn erschüttert den Internationalen Währungsfonds. Vor allem aber für Frankreichs Sozialisten bedeuten die Anschuldigungen den politischen GAU - Präsident Sarkozy kann sich freuen. Er verliert womöglich seinen gefährlichsten Rivalen.
IWF-Chef Strauss-Kahn: War's das?

IWF-Chef Strauss-Kahn: War's das?

Foto: BENOIT TESSIER/ Reuters

Den ersten Stein warf Marine Le Pen. Die Meldung von der Klage gegen Dominique Strauss-Kahn wegen "sexueller Aggression, versuchter Vergewaltigung und Freiheitsberaubung" war kaum über die Ticker gelaufen, da nutzte die Chefin des rechtsextremen Front national die Gelegenheit zur Abrechnung mit dem politischen Gegner. Die gelernte Anwältin hielt sich kaum bei der kursorischen Floskel von der Unschuldsvermutung auf, bevor sie zur persönlichen Charakterschelte überging. "Die Vorwürfe der amerikanischen Justiz sind schwer genug, um seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen zu diskreditieren", sagte Le Pen.

Die Anschuldigungen gegen den 62-jährigen Star der Sozialisten, der in Meinungsumfragen den amtierenden Staatschef Nicolas Sarkozy regelmäßig deklassierte, haben nicht nur den Internationalen Währungsfond in die Bredouille gebracht, sondern auch seine Partei.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Strauss-Kahn soll in seiner Suite 2806 im New Yorker "Sofitel" ein Zimmermädchen sexuell bedrängt haben. "Pathologisches Verhältnis zu Frauen ein offenes Geheimnis"

Gewiss war der IWF-Chef auf dem linken Traditionsflügel der PS nicht unumschränkt geschätzt und Nostalgiker des Klassenkampfes warfen ihm bisweilen vor, mit dem Job beim Währungsfonds sei er eher eine Symbolfigur von Globalisierung und Finanzkapital, als ein überzeugender Vertreter der arbeitenden Bevölkerung. Jenseits solcher Stereotype galt er unter den PS-Realos und - mehr noch unter Frankreichs breiter Mittelklasse - als durch seine Vergangenheit in diversen Ministerämtern ausgewiesene Integrationsfigur: Verunsichert durch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise verbreitete just der Sozialist mit dem professoralen Habitus solide Expertise, er verkörperte die "ruhige Kraft", die einst Präsident François Mitterrand für sich reklamiert hatte.

Aus und vorbei. Jetzt verspritzt nicht nur FN-Chefin Marine Le Pen Gift und Galle über den Lebenswandel von Dominique Strauss-Kahn: "Unter der politischen Klasse in Paris und Journalisten gehen seit Jahren Gerüchte um über DSK. Sein pathologisches Verhältnis zu Frauen ist ein offenes Geheimnis."

Zwar hielt sich der Elysée mit offiziellen Äußerungen zurück, aber Politikern der konservativen Regierungspartei UMP war die klammheimliche Freude über die verlorene Ehre des DSK anzumerken. Für Präsident Sarkozy kommt der Skandal wie gerufen. Der Pariser UMP-Abgeordnete Bernard Debré etwa wähnte nicht nur die Reputation des Sozialisten angeschlagen, sondern auch den Ruf der gesamten Nation bereits in Misskredit: "Das ist eine Herabwürdigung für ganz Frankreich, ich bin wirklich entsetzt."

Bislang galten Citoyens beim Blick auf das Privatleben ihrer politischen Elite als vergleichsweise tolerant. Während Präsident Giscard d'Estaing seine erotischen Träume in Romanform fasste, waren die mutmaßlichen Eskapaden von Staatschef Jacques Chirac stadtbekannt und François Mitterrand führte als Chef im Elysée das Leben eines Bigamisten. Deshalb erwuchs DSK nach seiner Affäre mit einer IMF-Angestellten 2008 auch kein Nachteil, zumal er selbst nach den prüden Benimmregeln des IMF keinen Machtmissbrauch verübt hatte.

Die Hiobsbotschaft von mutmaßlichen Übergriffen ihres Spitzenmannes auf eine Hotelangestellte löste in der Parteizentrale der Sozialisten an der Pariser Rue Solferino blankes Entsetzen aus. "Die Nachrichten, die uns aus New York erreichen klingen wie ein Donnerschlag, ich bin wie alle völlig überrascht und bitte die Realität der Fakten abzuwarten", sagte PS-Chefin Martine Aubry. Und an die eigenen Parteifreunde gewandt, mahnte sie: "Ich fordere alle Sozialisten auf, geeint und verantwortlich zu bleiben."

Parteiinterne Konkurrenten wittern Morgenluft

Das wird so einfach nicht werden. Zwar mahnten die Anhänger von Strauss-Kahn "Das ist nicht seine Art", "Alles muss nachgeprüft werden" und verordneten erst einmal Funkstille: "Kein Kommentar." Doch nach dem Bekenntnis wider jede Vorverurteilung rechnet sich jeder der parteiinternen Konkurrenten von Dominique Strauss-Kahn bereits seine neuen Chancen aus.

Vorweg PS-Chefin Aubry, die bisher durch eine Absprache mit DSK gebunden war: "Wenn du kandidierst, dann halte ich mich zurück." Auch François Hollande, Vorgänger Aubrys in der Parteiführung wittert Morgenluft, genauso wie seine Ex-Lebensgefährtin Ségolène Royal, die bei den letzten Präsidentenwahlen 2007 gegen Nicolas Sarkozy unterlegen war.

Wer die DSK-Fans innerhalb der Partei und seine Anhänger in der Bevölkerung hinter sich bringen kann, bleibt dabei vorläufig offen. Sicher ist nur, dass der Favorit der Umfragen für das Rennen um den Einzug in den Elysée disqualifiziert ist. Die Bewerber für die PS-Kandidatur müssen ihre Absicht zwischen dem 28. Juni und 9. Juli erklären, bevor Vorwahlen im Oktober über den nächsten sozialistischen Präsidentschaftsanwärter entscheiden.

Zu spät für Dominique Strauss-Kahn, selbst wenn er nach einem Strafverfahren in den USA von allen Vorwürfen freigesprochen werden sollte, warnt der Politologe Stéphane Rozès: "Der Zeitplan der amerikanischen Justiz", so der Sorbonne-Professor, "richtet sich nicht nach dem Terminkalender von Frankreichs Sozialisten."

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