Aufregung in Italien Hassprediger-Vorwürfe gegen Turiner Imam

In seiner Moschee sollen al-Qaida-Flugblätter ausliegen, er selbst soll gegen Juden und Christen gehetzt haben: Ein TV-Bericht über einen Turiner Imam sorgt in Italien für Aufregung. Während immer neue Details enthüllt werden, gibt sich der Prediger als Unschuldslamm.

Aus Rom berichtet


Rom - Das unscharfe Fernsehbild, das italienische Zeitungen drucken, zeigt einen bärtigen Mann in grauem Gewand, auf dem Kopf eine weiße Kappe. Er sitzt auf einem knallblauen Stuhl. Der Mann heißt Mohammed Kohaila, kommt aus Marokko, lebt seit 19 Jahren in Italien und arbeitet als Fleischer in der norditalienischen Stadt Turin. Aber Kohaila schlachtet nicht nur Tiere, sondern ist auch Vorbeter der Moschee der Via Cottolengo.

Eine Aufgabe, die er nach Einschätzung italienischer Terrorismusexperten bislang unverdächtig erledigte - es gebe momentan keine Anzeichen über extremistische Machenschaften in der Turiner islamischen Szene, hieß es laut italienischen Zeitungen.

Kein Grund zur Sorge also - bis zum Donnerstag letzter Woche: Im Rahmen eines Berichts über Gewalt an Frauen in muslimischen Familien recherchierten Reporter des italienischen Polit-Fernsehmagazins "Annozero" mit versteckten Kameras auch in der Turiner Moschee - und brachten Beunruhigendes zu Tage: Kohaila soll ein Hassprediger sein.

Seit der Sender Rai Due die Reportage über die Moschee ausgestrahlt hat, herrscht in Italien große Aufregung, zumal Kohaila Nachfolger des Imams Bouiriqui Bouchta ist. Den hatten die italienischen Behörden im Jahr 2005 nach Marokko ausgewiesen. Bouchta wurde vorgeworfen, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in der Turiner Moschee Solidarität mit Osama bin Laden bekundet zu haben.

"Schluss mit Self-made-Imamen"

"Krieg der Moscheen", "Der Imam: Die Ungläubigen sollen getötet werden", "Der Imam gegen die Katholiken", "Imam ruft zum Hass gegen den Okzident" - so titeln seither die italienischen Zeitungen. Der Beitrag von "Annozero" zeige "klare" Bilder, konstatiert die Zeitung "La Repubblica" und beschreibt die Aufnahmen: Zu sehen sei die Moschee, die Predigt, dazu kommentiere die Stimme aus dem Off: "Sie rufen zur Tötung aller Ungläubigen auf, es handelt sich um Schriften der al-Qaida."

Frauen seien den Männern unterlegen, gehorchten sie nicht, müssten sie geschlagen werden, habe der Imam gesagt. Ob Kohaila dabei aus dem Koran zitiert, ob es sich um korrekte Übersetzungen aus dem Arabischen handelt, das ist bislang unklar. Sicher ist aber: Ein moderater Imam würde diese Sätze nicht predigen.

Die Politik schaltete sich jedenfalls bereits ein. Es müssten Wege gefunden werden, um zu verhindern, dass in Moscheen Hass gepredigt werde, so Italiens Innenminister Giuliano Amato. Mario Scialoja von der muslimischen Liga in Italien erklärte laut "Repubblica": "Es muss Schluss sein mit Self-made-Imamen, Personen ohne Bildung, die sich als Vertreter der Muslime hervortun".

Denn Kohaila ist kein Religionsgelehrter, sondern nach eigenen Angaben studierter Geisteswissenschaftler. "Ich bin nur ein Gläubiger wie alle anderen, ich habe nicht auf alle Fragen Antworten", sagt Kohaila über sich selbst. Reflexhaft forderten die italienischen Oppositionsparteien die sofortige Ausweisung des Imams. Die Lega Nord verlangte den sofortigen Stopp jeglicher Pläne zum Bau neuer Moscheen in Italien.



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