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15. Dezember 2011, 09:24 Uhr

Aufstand gegen Assad

Deserteure töten syrische Soldaten

Der Widerstand gegen das Assad-Regime wird radikaler: Deserteure haben laut Nachrichtenagentur Reuters 27 Soldaten getötet. Die Staatsmacht hat nach Angabe von Human Rights Watch einen Schießbefehl erteilt. Die Militärs haben damit offiziell freie Hand, brutal gegen Demonstranten vorzugehen.

Damaskus - Seit mehr als neun Monaten schwelt der Konflikt in Syrien, mittlerweile zählen zu den Gegnern von Präsident Baschar al-Assad nicht nur Demonstranten, sondern auch Bewaffnete. Jetzt haben übergelaufene ehemalige Kämpfer der syrischen Streitkräfte bei Gefechten in der Provinz Daraa am Donnerstag 27 Soldaten getötet. Dies berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf das Syrian Observatory for Human Rights.

Laut der in London beheimateten Menschenrechtsgruppe nahmen die Deserteure ihre Gegner bei Tageslicht an zwei Orten innerhalb der Stadt Daraa sowie an einem 25 Kilometer entfernten Kontrollpunkt unter Feuer.

Die Nachrichtenagentur AP berichtet dagegen von acht getöteten Soldaten. Die Angaben lassen sich kaum überprüfen, da Syrien ausländische Journalisten des Landes verwiesen hat.

Mit der Attacke sollte offenbar Rache für einen Angriff der Regierungstruppen auf ein Zivilfahrzeug am Mittwoch geübt werden. Dabei wurden in dem Dorf Khattab fünf Menschen getötet, berichtet Syrian Observatory for Human Rights. Das Fahrzeug sei nach dem Beschuss "in einem Feuerball explodiert", so Rami Abdul-Rahman, der der Gruppe vorsteht.

Beobachter berichten von Schießbefehl gegen Demonstranten

In den seit März andauernden Protesten gegen die Herrschaft von Präsident Assad greifen Regierungsgegner vermehrt zu den Waffen. Aus Protest gegen das harte Vorgehen gegen Zivilisten haben viele Soldaten den Dienst quittiert und sich dem Aufstand angeschlossen.

Nach Uno-Schätzungen sind bei den Unruhen bislang mindestens 5000 Menschen getötet worden. Präsident Assad hat "Fehler" eingeräumt, behauptet aber, die meisten Toten seien auf Seiten seiner Streitkräfte zu beklagen, sie seien die Opfer "bewaffneter Terroristen".

Dagegen berichtet die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch von Anweisungen der Regierung an das Militär, die Aufständischen "mit allen nötigen Mitteln" zurückzudrängen. Laut dem Report habe dies einen klaren Schießbefehl eingeschlossen. Die Menschenrechtler berufen sich auf Dutzende Interviews mit desertierten Soldaten und früheren Angehörigen der Geheimdienste.

Ein Scharfschütze in der Protesthochburg Homs sagte aus, er hätte eine Quote erhalten, wie viele Menschen bei Protesten sterben sollten. "Bei 5000 Demonstranten war die Vorgabe beispielsweise 15 bis 20 Menschen." Ein Mitglied einer Spezialeinheit zitierte aus den Anweisungen für seine Brigade: "Benutzen Sie so viele Kugeln, wie Sie wollen."

Es ist das erste Mal, dass offiziell von einem Schießbefehl die Rede ist - er bedeutet, dass Assads Schergen nun offenbar freie Hand haben, brutal gegen Aufständische vorzugehen.

"Überläufer haben uns konkret die Namen, Position und Ränge der Personen genannt, die die Befehle gegeben haben. Diese sind teils in höchsten politischen Kreisen beheimatet", sagt Anna Neistat von Human Rights Watch. 74 Kommandeure und andere Offizielle seien in dem Report namentlich erwähnt.

jok/heb/Reuters/AP

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