Aufstand gegen China Wut der Tibeter wächst - Gewalt kein Tabu mehr

Der Dalai Lama fordert friedlichen Widerstand, doch viele Tibeter denken anders: Viele junge Buddhisten verdammen die Untätigkeit des Westens - und verlangen notfalls den Einsatz von Gewalt. Auch wenn sie ihren Führer damit brüskieren.

"Schauen Sie sich das an", fordert der alte Mönch im roten Gewand den Inder auf, der gerade vorbei schlendert, und reicht ihm einen Stapel Fotos. "Das sind Bilder aus Lhasa und aus der Umgebung der tibetischen Hauptstadt." Der Inder, mit seiner Familie in Dharamsala im Himalaja-Bundesstaat Himachal Pradesh im Urlaub, blättert den Stapel durch, hustet, reicht dem Mönch die Bilder zurück. "Das tut mir Leid", sagt er mit blassem Gesicht und geht rasch weiter. "Ich bitte um Vergebung, wenn ich Sie erschreckt habe", ruft der Mönch ihm hinterher - und hält die Fotos dem nächsten Passanten hin.

Exil-Tibeter in Dharamsala: "Ich bete, dass die Proteste friedlich bleiben"

Exil-Tibeter in Dharamsala: "Ich bete, dass die Proteste friedlich bleiben"

Foto: AP

Die Bilder zeigen Leichen, zerschundene, blutige Körper, manche Gesichter bestehen nur noch aus Haut- und Fleischfetzen, bei anderen Toten hängt das Gedärm aus der geplatzten Bauchdecke. Andere Körper weisen nur ein einziges Einschussloch in Stirn oder Brust auf. Diese Bilder haben Flüchtlinge mitgebracht, die vor ein paar Tagen noch rechtzeitig Tibet verlassen konnten, bevor das chinesische Militär jede Stadt, jedes Dorf, in dem es Proteste gegen die Politik Pekings gab, abriegelte und eine Ausgangssperre verhängte. Das Internet funktioniert in ganz Tibet nicht mehr, Telefonverbindungen kommen nur mit Glück zustande.

"Diese Toten sind die Opfer, die das tibetische Volk bringt", sagt der alte Mönch, der vor dem Gelände der tibetischen Exilregierung in Dharamsala steht, und wedelt mit den aufwühlenden Fotos. "Wir wollen allen Menschen in der Welt zeigen, was China uns antut." Er schüttelt den Kopf. "Ich kann nicht glauben, dass die Weltgemeinschaft nichts gegen dieses Morden tut. Unsere Freunde in Tibet tun nichts anderes als wir hier in Dharamsala: Sie protestieren friedlich." Er schiebt seine Brille zurück, die ihm auf der schweißnassen Nase heruntergerutscht ist. "Ich bete, dass es bei friedlichen Protesten bleibt."

Er kennt die aktuellen Nachrichten aus der chinesischen Provinz Gansu nicht, wo rund tausend Tibeter - manche zu Pferde - eine Stadt stürmten und von schwerbewaffneten Soldaten zurückgeschlagen wurden. Die Demonstranten zerrissen chinesische Flaggen, das Militär feuerte Tränengas in die Menge (siehe Fotostrecke). In einem TV-Beitrag von Reportern des kanadischen Senders CTV waren außerdem Detonationen zu hören.

Ginge es nach manchen jungen Buddhisten, könnten solche Bilder bald öfter zu sehen sein - sie wollen die chinesischen Übergriffe nicht länger passiv hinnehmen. Zum einen fordern Gruppen wie die "Studenten für ein freies Tibet" oder der "Tibetische Jugendkongress" die Weltgemeinschaft auf, die Olympischen Spiele in Peking zu boykottieren. Und zum anderen wollen sie nicht länger nur zusehen: "Wir verstehen, dass der Dalai Lama sich für einen Dialog mit China ausspricht und eine friedliche Lösung fordert. Aber wenn die Situation es verlangt, müssen die Tibeter sich wehren dürfen. Die Verantwortung dafür liegt allein bei China", sagt Dhondup Lhadar, Generalsekretär des Tibetischen Jugendkongresses. Ein Mitglied der Studenten für ein freies Tibet sagt: "Gewalt darf kein Tabu für uns sein, wenn uns Gewalt angetan wird."

Seit 50 Jahren kein Fortschritt in der Tibet-Frage

Aus Frustration und Enttäuschung über die seit Jahrzehnten andauernde Unterdrückung stellen junge Buddhisten das Prinzip der Gewaltlosigkeit in Frage. Sie fühlen sich ihrer Heimat beraubt, ins indische Exil gezwungen, ohne Hoffnung auf eine Rückkehr nach Tibet. Viele von ihnen wurden in Indien geboren und waren noch nie dort, von wo ihre Eltern oder Großeltern einst flohen. "Wir sehen in diesen Tagen doch, wohin es führt, wenn man ausschließlich auf friedliche Mittel setzt", sagt der Student. "Seit fünf Jahrzehnten gab es keinen Fortschritt in der Tibet-Frage. Wenn wir so weitermachen, wird es in den nächsten fünf Jahrhunderten keine Lösung geben."

Thubten Samphel, Sprecher der tibetischen Exilregierung, sieht solche Forderungen gelassen. "Wir setzen weiter auf Frieden und darauf, nicht zu tun, was zu Spannungen führt." 99 Prozent der Tibeter würden diesen Kurs unterstützen. "Aber so ist das mit der Jugend überall in der Welt: Sie ist immer ein bisschen aggressiver in der Formulierung ihrer Ziele." Deswegen habe der Dalai Lama die jungen Leute aufgefordert, einen Protestmarsch nach Tibet abzubrechen. "Wir sind eine freie Gesellschaft, wenn die Marschteilnehmer weitermachen wollen, ist es ihre Entscheidung. Aber Seine Heiligkeit hat sie darum gebeten, solche Aktionen zu unterlassen."

China hält bis heute den wahren Panchen Lama gefangen

Die offizielle Forderung der Exilregierung ist: mehr Autonomie, aber Verbleib unter der Herrschaft Pekings. "Wir wollen unsere kulturelle Identität wahren, unsere Religion, unsere Sprache und alles, was sonst noch dazu gehört", heißt die offizielle Sprachregelung. Die Außen- und Verteidigungspolitik soll weiter in Peking gemacht werden.

Doch aus Sicht der atheistischen Regierung in Peking ist das zu viel verlangt. Seit Jahren versucht sie, auf ihre Art Einfluss zu nehmen. So wurde am 17. Mai 1995 der sechsjährige Gundhum Choekyi Nyima mitsamt seinen Eltern entführt - drei Tage nachdem ihn der Dalai Lama als Reinkarnation seines verstorbenen Stellvertreters, den Panchen Lamas, erkannt hatte. Die Behörden räumten ein Jahr später ein, den Jungen in Verwahrung zu haben - und setzen einen anderen Panchen Lama ein, der ihnen passte. Bis heute hängen Bilder des vermissten Jungen an jeder Straßenecke in Dharamsala. "Permanent mischt sich Peking ein, zwingt Kinder in Tibet zu pekingtreuen staatlichen Schulen und versucht, uns unseren Glauben zu verbieten", sagt einer der Studenten.

Die Studenten fordern einen souveränen Staat Tibet

Lauter als bisher fordern Gruppen wie der Jugendkongress und die Studenten für ein freies Tibet nun einen souveränen Staat Tibet. Mit jeder neuen Nachricht über ein abgeriegeltes Dorf, mit jedem neuen Bild aus Tibet wächst die Wut - und die Entschlossenheit, sich das chinesische Vorgehen nicht mehr gefallen zu lassen. Und mit jeder neuen Forderung dieser Art gerät der friedliebende Dalai Lama unter Druck.

Auch die Kritik an den Vereinten Nationen nimmt zu. Bei Protestkundgebungen in McLeod Ganj, einem Vorort von Dharamsala, in dem der Dalai Lama seit seiner Flucht 1959 aus dem besetzten Tibet lebt, fordern Demonstranten heute in Sprechchören Hilfe von der Uno.

"1949 hat China erstmals Teile der Region besetzt, 1959 war ganz Tibet unter chinesischer Kontrolle - und seither, in rund fünf Jahrzehnten, hat die Uno uns nicht geholfen", sagt ein aufgebrachter Mönch. "Die Uno ist eben doch nur eine Plattform der mächtigen Staaten, damit diese ihre Interessen durchsetzen können." Dass im Fall Tibet nicht gehandelt werde, liege an der Mitgliedschaft Chinas im Sicherheitsrat. "Sechs Millionen Tibeter sind unzufrieden mit der Arbeit der Uno. Aber das interessiert niemanden", sagt er.

Dann kramt er in einer Plastiktüte und zeigt Passanten die Bilder - es sind die gleichen grausamen Bilder, die mittlerweile jeder Tibeter in Dharamsala und Umgebung kennt.

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