Aufstand in Ägypten "Reiht euch ein, reiht euch ein!"

Die Polizei in der Defensive: Ägyptische Sicherheitskräfte haben Befehl, mit Härte gegen die Demonstranten vorzugehen - und kontrollieren die Lage nur noch mit Mühe.

REUTERS/ Egyptian state TV

Aus Kairo berichtet Yassin Musharbash


Auf das Freitagsgebet folgt das Geheul von Sirenen. Massiv geht die Polizei gegen Demonstranten vor, die sich nach den Gebeten in der Innenstadt Kairos zum Protest versammeln. Aus allen Richtungen ist das Krachen von Tränengasgranaten zu hören, am frühen Nachmittag liegt das Gas wie Nebel über dem Zentrum der ägyptischen Hauptstadt. Auch Wasserwerfer und Gummigeschosse werden eingesetzt. Zwischenzeitlich feuern die Sicherheitskräfte im Sekundentakt mit ihren Waffen in die Luft - mit scharfer Munition.

Einige der Kundgebungen entstehen spontan, wo immer eine Gruppe Demonstrierender den Mut findet, sich zusammenzutun. "Reiht euch ein, reiht euch ein", ruft eine Frau den vorbeilaufenden Passanten auf einer der Nilbrücken zu.

In den äußeren Stadtteilen scheint die Lage ruhig, aber in den Innenbezirken sind die Sicherheitskräfte praktisch in jeder Straße präsent. Trotzdem bewegt sich der Protest unaufhaltsam weiter durch das Zentrum der Stadt. Nur der "Platz der Befreiung", an dem am Dienstag Zehntausende zusammengekommen waren, ist am frühen Nachmittag noch vollkommen ruhig - weil abgeriegelt. Ein paar Blocks weiter aber bildet sich ein neues Zentrum der Revolte.

Klare Anweisungen für die ägyptische Polizei

Die ägyptischen Sicherheitskräfte sollen vor Beginn der Großdemonstrationen aufgefordert worden sein, notfalls auch zur Waffe zu greifen. "Die Polizei hat klare Anweisungen erhalten, jede Demonstration zu verhindern und notfalls auch direkt auf mögliche Demonstranten zu schießen", heißt es aus Sicherheitskreisen. Auf den großen Plätzen von Kairo stehen gepanzerte Truppentransporter, in den Nebenstraßen zahlreiche Polizeiwagen.

Eine genauen Überblick über den Verlauf der Demonstrationen, über mögliche Opfer der Staatsgewalt aber gibt es nicht. Laut al-Dschasira soll es am Moneim-Riyad-Platz gewaltsame Auseinandersetzungen gegeben haben, auch von einem Toten ist die Rede, aber das ist angesichts der schlechten Informationslage nicht zu verifizieren.

Die ägyptischen Behörden sabotieren sowohl das Internet als auch das Telefonnetz - und damit erreicht die Zensur des Netzes in Ägypten eine bislang nicht gekannte Dimension. Das Land ist seit der Nacht zu Freitag weitgehend vom Netz getrennt, die viel genutzten Kommunikationswege für die Bevölkerung sind gekappt. Rund 90 Prozent des ägyptischen Netzes seien inzwischen offline, meldete die Monitoring-Site BGPmon. Das besondere daran ist diesmal, dass fast alle Internet-Provider miteinander abgestimmt ihre Zugänge gesperrt haben.

In bislang vergleichbaren Fällen werde typischerweise gern die Kommunikation über Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter geblockt, heißt es bei BGPmon. "In diesem Fall scheint die Regierung das Schrotgewehr gezogen zu haben." Inzwischen ist auch das Mobilfunknetz weitgehend tot. Die Netzbetreiber seien angewiesen worden, in ausgewählten Regionen den Betrieb einzustellen, teilte Vodafone am Freitag mit.

In Ägypten gebe es mit der kompletten Abschottung eine völlig andere Situation als etwa in Tunesien, wo teilweise einige Router blockiert wurden oder in Iran, wo der Datenfluss einfach gedrosselt wurde, schreibt das Internet-Blog Renesys. "Die Aktion der ägyptischen Regierung hat ihr Land essentiell von der globalen Landkarte gelöscht." Abzuwarten bleibe, was passiere, "wenn man eine moderne Wirtschaft und 80 Millionen Menschen vom Internet trennt".

Auch die Server für Webseiten der ägyptischen Regierung und der US-Botschaft in Kairo waren laut CNN offenkundig unterbrochen. Das Auswärtige Amt in Berlin versicherte, man stehe trotzdem weiterhin in engem Kontakt mit der deutschen Botschaft in Kairo. Mehrere deutsche Reiseveranstalter strichen ihre Ausflüge nach Kairo.

Tränengas auch gegen ElBaradei und seine Anhänger

Der kürzlich in seine Heimat zurückgekehrte Mohamed ElBaradei, ehemals Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), und seine Anhänger haben sich den Demonstrationen nach dem Freitagsgebet angeschlossen. Von Wasserwerfern getroffen, zog sich ElBaradei in eine Moschee zurück. Sie wird seitdem von Sondereinsatzkräften der Polizei belagert. In umliegenden Straßen feuern die Beamten Tränengas ab, so dass niemand die Moschee verlassen kann. Die Tränengasbehälter setzen mehrere Autos in Brand, mehrere Menschen erleiden Verbrennungen.

Unterstützt werden die Proteste auch von der größten Oppositionsbewegung, der Muslimbruderschaft. Die Muslimbruderschaft erklärt, fünf ihrer Führer und fünf frühere Abgeordnete, aber auch viele normale Mitglieder seien festgenommen worden.

Proteste werden auch aus Alexandria, Minja, Assiut und Al Arisch gemeldet.

Mit Material von AFP, dpa, Reuters

insgesamt 3689 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
LeisureSuitLenny 27.01.2011
1. Wenn das BKA Facebuck sperren will...
... sollte man also genau hinsehen. Kann sein das da schon längst die Revolution läuft, aber die Medien nicht darüber berichten dürfen. ;)
lynx2 27.01.2011
2. 6% ? Ach, nee?
Zitat von sysopDie Proteste gegen das diktatorische Regime in Ägypten werden immer stärker. In Suez zündeten Demonstranten eine Polizeiwache an. Die Kurse an der Kairoer Börse rasten um mehr als sechs Prozent in den Keller - der gesamte Handel wurde ausgesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741932,00.html
... Nur 6%. In den Keller? Das wäre -100%. Und wenn schon. Was nutzen den Massen hohe Börsenkurse? Nur eine kleine Zocker-Mafia (heute sagt man verfeinert 'Geld-Elite') hat bisher davon profitiert. Hoffentlich sind deren Tage bald gezählt.
lynx2 27.01.2011
3. 6% ? Ach, nee? Gerast?
Zitat von sysopDie Proteste gegen das diktatorische Regime in Ägypten werden immer stärker. In Suez zündeten Demonstranten eine Polizeiwache an. Die Kurse an der Kairoer Börse rasten um mehr als sechs Prozent in den Keller - der gesamte Handel wurde ausgesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741932,00.html
... Nur 6%. In den Keller? Das wäre -100%. Und wenn schon. Was nutzen den Massen hohe Börsenkurse? Nur eine kleine Zocker-Mafia (heute sagt man verfeinert 'Geld-Elite') hat bisher davon profitiert. Hoffentlich sind deren Tage bald gezählt.
Jay's, 27.01.2011
4. Das Jahrzent
des aktiven Widerstands hat begonnen oder die Kettenrevolution nimmt ihren Lauf.
Karapana 27.01.2011
5. Dialog
"Mehrere westliche Regierungen, die enge Beziehungen zur ägyptischen Führung unterhalten, hatten Mubarak und die Regierung in den vergangenen Tagen aufgerufen, einen Dialog mit der Opposition zu beginnen." Da fällt mir ein, das war auch in der DDR das Zauberwort der Kalkköpfe. "Dialog" . Heute kommt noch hinzu: "Regierung der nationalen Einheit". Dabei zeigen die Proteste ja gerade, dass es diese nicht gibt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.