Aufstand in Islamabad Islamisten halten noch immer ein Viertel der Roten Moschee

Der Anführer der Islamisten starb gestern im Kugelhagel, das Ende des Aufstandes in der Roten Moschee schien nahe. Doch noch immer kontrollieren bewaffnete Extremisten ein Viertel des Gebäudekomplexes. Die Behörden sollen bereits 300 Leichensäcke angefordert haben.


Islamabad - Militärsprecher Waheed Arshad sagte, die Armee wolle den gesamten Gebäudekomplex räumen und dafür sorgen, dass "Frauen und Kinder in Sicherheit gebracht werden". Zuvor hatte die Armee eingeräumt, dass die fundamentalistischen Kämpfer in der Moschee auch mehr als 24 Stunden nach dem Beginn der Erstürmung noch etwa ein Viertel des Komplexes kontrollierten.

Einen Tag nach der Erstürmung der Roten Moschee erschütterten immer noch Explosionen und Schüsse das Gelände um das sunnitische Gotteshaus. Pakistanische Spezialeinheiten waren am Morgen darum bemüht, den letzten Widerstand zu ersticken. Die noch in dem Gebäudekomplex verschanzten Islamisten hielten weiterhin Frauen und Kinder sowie junge Männer als Geiseln fest. Verwandte warteten verzweifelt auf deren Befreiung.

Bei der gestrigen Erstürmung der Moschee durch die Streitkräfte wurden nach amtlichen Angaben acht Soldaten und mehr als 50 Aufständische getötet, darunter auch der radikale Kleriker Abdul Rashid Ghazi. Er galt als Anführer der Bewegung, die in Pakistan ein islamistisches System nach dem Vorbild der gestürzten Taliban in Afghanistan errichten will. Sein Leichnam wurde nach Angaben des Innenministeriums im Kellergeschoss der Koranschule für Frauen gefunden. Ghazi hatte sich bis zuletzt geweigert aufzugeben.

Die Umstände des Todes waren zunächst unklar. Zuerst hieß es aus dem Inneministerium, Ghazi sei möglicherweise nicht von Regierungstruppen, sondern von den eigenen Leuten getötet worden. Später korrigierte sich der Sprecher: "Er wurde im Keller gesichtet und aufgefordert herauszukommen. Er kam mit vier oder fünf Militanten, die auf die Sicherheitskräfte feuerten." Bei dem Feuergefecht seien Ghazi und seine Begleiter getötet worden.

Zahlen über Todesopfer gehen weit auseinander

Für telefonisch überlieferte Augenzeugenberichte aus der Moschee, nach denen der Boden mancher Räume mit Leichen übersät sei, gab es keine offizielle Bestätigung. Wahrscheinlich sind jedoch wesentlich mehr Menschen ums Leben gekommen, als bisher bekannt. Der Nachrichtensender Dawn berichtet, Vertreter der Behörden hätten 300 Leichensäcke angefordert.

Nach der vollständigen Erstürmung müsse noch sichergestellt werden, dass in dem Komplex keine Sprengsätze mehr verborgen seien, sagte Arshad. Er stellte in Aussicht, dass die Moschee im Laufe des Tages für Journalisten zugänglich gemacht werden solle.

Die langsamen Forstschritte bei der Eroberung der Moschee begründete die Armee unter anderem mit der Kampfkraft der noch verbliebenen Islamisten. Es handle sich um sehr erfahrene Kämpfer, war zu hören, viele von ihnen hätten in Afghanistan gekämpft oder seien in Dschihad-Camps ausgebildet worden.

Den Unruhen, die mit Straßenschlachten vor der Moschee am 3. Juli begannen und zur Belagerung seitens der Streitkräfte führten, sind nach offiziellen Angaben insgesamt mehr als 80 Menschen zum Opfer gefallen. Die Rote Moschee gilt als Hochburg des Widerstands gegen den USA-freundlichen Kurs des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf.

flo/AFP/AP



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