Aufstand in Sanaa Jemens Präsident durch Granatenbeschuss verletzt

In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa spitzt sich die Lage dramatisch zu: Nach Augenzeugenberichten sind zwei Granaten im Palast von Präsident Salih eingeschlagen - es soll mehrere Tote geben. Der Diktator und weitere Regierungsmitglieder wurden verletzt.

DPA

Sanaa - Im Jemen eskalieren die Kämpfe zwischen Regierungssoldaten und Stammesmilizen: Bei einem Granatenangriff auf den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Sanaa wurde der jemenitische Staatschef Ali Abdallah Salih verletzt. Salih sei bei dem Angriff "leicht am Hinterkopf getroffen worden", sagte ein ranghoher Vertreter der Regierungspartei Allgemeiner Volkskongress der Nachrichtenagentur AFP. Salih selbst sagte in einer im Staatsfernsehen verbreiteten Audiobotschaft: "Es geht mir gut, ich bin bei guter Gesundheit."

Salih und ranghohe Staatsvertreter hatten sich zum Freitagsgebet in der Moschee im Präsidentenpalast versammelt, als es zu dem Granatenangriff kam. Es seien sieben Menschen getötet worden. Laut Parteikreisen wurden Salih und der ebenfalls verletzte Ministerpräsident Ali Mohamed Mudschawar in einem Militärkrankenhaus behandelt.

Ein Parteivertreter sagte, der für Verteidigung und Sicherheit zuständige Vizeministerpräsident, Rasched Mohammed El Alimi, sei schwer verletzt worden und habe auf dem Weg zum Krankenhaus das Bewusstsein verloren. Auch der Parlamentspräsident, mehrere Minister und weitere Politiker seien verletzt worden. Dem Gouverneur von Sanaa, Nooman Duik, hätten nach dem Angriff ein Bein und eine Hand amputiert werden müssen. Laut der amtlichen Nachrichtenagentur Saba wurde auch der Imam der Moschee verletzt. Die US-Regierung verurteilte den Angriff auf den Präsidentenpalast scharf und sprach von "sinnloser Gewalt".

Der Sprecher der Regierungspartei, Tarek Schami, machte Angehörige des gegen Salih kämpfenden Haschid-Stammes von Scheich Sadek al-Ahmar für den Angriff verantwortlich. Kämpfer al-Ahmars liefern sich in Sanaa seit Tagen heftige Gefechte mit Regierungstruppen. Dabei wurden seit dem Bruch eines Waffenstillstands am Dienstag mindestens 60 Menschen getötet.

Teile der Armee sind desertiert

Am Freitagnachmittag war die Hauptstadt offenbar in einem chaotischen Zustand. Der Flughafen sei geschlossen, teilten Augenzeugen per Twitter mit, in den Straßen werde "überall geschossen". Stammeskämpfer und Spezialeinheiten der Armee lieferten sich Feuergefechte um die Kontrolle von Regierungsgebäuden. Das Haus von Stammesführer Sadik al-Ahmar sei von Regierungssoldaten beschossen worden, berichteten Augenzeugen. Der neben der Residenz gelegene Sitz der Fluggesellschaft Yemenia soll zerstört worden sein, ebenso die Büros des vom Haschid-Clan kontrollierten Fernsehsenders Suhail.

Auch aus der Stadt Tais im Süden des ärmsten Landes der Arabischen Halbinsel wurden Explosionen gemeldet. Oppositionsgruppen berichteten, Sicherheitskräfte hätten diese Woche 50 Regierungsgegner getötet. Am Donnerstag waren

Tausende Stammeskämpfer in Richtung Sanaa gezogen, um ihren Anführer Scheich Sadik al-Ahmar bei seinem Kampf gegen die Regierungstruppen zu unterstützen.Präsident Ali Abdullah Salih hatte in den vergangenen Wochen immer wieder klar gemacht, dass er nicht gewillt ist, die Macht aufzugeben, bevor zu einem von ihm bestimmten Zeitpunkt Neuwahlen stattfinden. Mit dieser Haltung hat der Politiker, der seit über drei Jahrzehnten regiert, das Land an den Rand des Bürgerkriegs gebracht. Noch vergangene Woche hatte es so ausgesehen, als sei eine Übereinkunft möglich, die Salihs Rücktritt innerhalb von einem Monat vorsah. Ein entsprechendes Abkommen war unter Vermittlung des Golfkooperationsrates und westlicher Diplomaten ausgehandelt worden; Vertreter der Opposition sowie der Regierungspartei hatten es auch bereits unterzeichnet. In letzter Sekunde jedoch verweigerte Salih die Unterschrift.

Daraufhin waren Gefechte zwischen Salih gegenüber loyalen Teilen der Armee und bewaffneten Stammeskriegern ausgebrochen. Teile der Armee sind bereits vor Wochen übergelaufen. Die Kämpfe eskalierten, als regierungstreue Soldaten ein Treffen von Stammesältesten attackierten und diese ebenfalls zu den Waffen griffen und zeitweise Regierungsgebäude übernahmen. Nach einigen Tagen der verhältnismäßigen Ruhe brachen die Kämpfe am Freitag erneut aus.

EU hilft Europäern bei der Ausreise aus dem Jemen

Ali Abdullah Salih genießt international kaum noch Unterstützung. Auch die USA haben ihn mittlerweile zum Machtverzicht aufgerufen. Er wirft seinen Herausforderern vor, einen Bürgerkrieg anzuzetteln - die jedoch geben den Vorwurf zurück.

Die friedliche Opposition, die vor über drei Monaten mit Massenkundgebungen ein Ende von Salihs Autokratie zu fordern begonnen hatte, droht angesichts der Gewalt an Bedeutung zu verlieren. Die Stammeskrieger, die nun Salih herausfordern, vertreten nicht unbedingt dieselbe Agenda demokratischer und wirtschaftlicher Reformen, sondern sind nicht zuletzt von dem Gedanken der Vergeltung angetrieben.

Unterdessen hat die EU-Außenbeauftragte Cathrine Ashton ein Ende der Gewalt im Jemen gefordert. "Ich verlange einen sofortigen Waffenstillstand", sagte Ashton am Freitag in Brüssel. Alle Seiten sollten sich zurückhalten und die "Eskalation der Gewalt" beenden. "Ich habe Präsident Salih immer wieder ermahnt, den Forderungen der Menschen im Jemen zu folgen und die Macht zu übergeben."

Ashton hat die EU-Behörde für den Katastrophenschutz (MIC) eingeschaltet, um Europäern, die den Jemen verlassen wollen, dabei zu helfen. Angehörige von EU-Botschaften können weiterhin vor Ort bleiben. Wie viele Europäer sich im Jemen aufhalten, wurde nicht gesagt. Das MIC hilft üblicherweise bei Bränden, Erdbeben oder Überschwemmungen. Mehrere Staaten hatten diese Woche ihre Diplomaten aus Sicherheitsgründen aus Sanaa abgezogen. Fast alle Deutschen haben das Land bereits verlassen.

Der Jemen ist das ärmste Land auf der arabischen Halbinsel und gilt seit Jahren als de facto gescheiterter Staat. Die Zentralregierung ist außerhalb der großen Städte schwach, im Süden gibt es eine Sezessionsbewegung, im Norden einen Aufstand der schiitischen Huthi-Rebellen, im Hinterland ist das Terrornetzwerk al-Qaida aktiv.

anr/lgr/Reuters/AFP

insgesamt 17 Beiträge
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xeniabloom 03.06.2011
1. Die Koalition der Wiiligen
Zitat von sysopIn der jemenitischen Hauptstadt Sanaa spitzt sich die Lage dramatisch zu: Nach Augenzeugenberichten sind zwei Granaten im Palast von Präsident Salih eingeschlagen, der stellvertretende Ministerpräsident soll verletzt sein.*Regierungstruppen liefern sich heftige Kämpfe mit Stammeskämpfern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,766454,00.html
ist hier gefragt. Wann legen wir los?
Intelligenz_93 03.06.2011
2. Was Jemen braucht!
Die Menschen, die im Jemen jetzt für Freiheit kämpfen bzw. sich einsetzten, brauchen Hilfe. Materiell, aber auch spirituell. Ich appelliere an unsere Politiker hier in Deutschland: Helft den Menschen im Jemen, dass so wenig Leid wie möglich über sie ergehe und dass so wenig Menschen wie möglich ihr Leben werden lassen müssen!
nutzerspiegel 03.06.2011
3. Werden wir niemals
Zitat von xeniabloomist hier gefragt. Wann legen wir los?
Werden wir niemals, das steht schon einmal fest! Wir sollten uns auch erst einmal um uns kümern!
Jonny_C 03.06.2011
4. Jetzt gehts los....
....Militär bekommt "freie Hand".... Denn niemand beschießt ungestraft einen Präsidentenpalast ?! Ob das klug war ?
flower power 03.06.2011
5. Jemen, Syrien...und alle die noch auf uns warten
Wir lösen erstmals unsere Probleme in DE und dann in EU. Danach sind wir eh müde, pleite und kaputt. Die , welche die Welt verbessern wollen, sollen sich auf die Wege machen und es in eigener Regie versuchen. Sie werden sehen, das haut nicht hin. Reichen euch 2-3 Tote pro Woche in Afgh. nicht?
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