Aufstand in Syrien Kämpfe erreichen Assads Machtzentrum

In Syrien herrscht Bürgerkrieg: Längst zahlen nicht mehr nur die Aufständischen den Blutzoll. Auch die Freie Syrische Armee tötet ungehemmt. In Damaskus schließen deshalb Botschaften, internationale NGO planen die Evakuierung ihrer Mitarbeiter. Kann Russland jetzt noch vermitteln?

Von , Beirut


Man muss inzwischen von einem Bürgerkrieg sprechen: Die Kämpfe zwischen den Rebellen und dem Regime in Syrien haben bedrohliche Ausmaße angenommen. Längst stehen sich zwei gut bewaffnete Truppen gegenüber - die Anhänger von Präsident Baschar al-Assad und die Deserteure seiner Armee. Sie bekämpfen sich mitleidslos. Die Zahlen vom Wochenende: Von den nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte allein am Sonntag getöteten 66 Menschen waren 31 Kämpfer Präsident Assads. Die Zeiten sind vorbei, in denen vor allem die Aufständischen den Blutzoll der syrischen Revolte zahlten.

Die dramatische Lage in Syrien ist auch in der Hauptstadt Damaskus deutlich zu spüren. Bislang war im Zentrum der Drei-Millionen-Stadt wenig von den Unruhen zu spüren. Doch mit der trügerischen Ruhe ist es seit einigen Tagen vorbei, berichtete ein Augenzeuge SPIEGEL ONLINE. Inzwischen sei auch mitten im Zentrum der Gefechtslärm aus den Vororten der Hauptstadt zu hören.

Dort tobten am Wochenende die schwersten Kämpfe seit Beginn des Aufstands gegen das Regime vor zehn Monaten. Mitte vergangener Woche nahmen Rebellen mehrere Viertel an den östlichen Rändern von Damaskus ein. Dort verschanzten sie sich und richteten eigene Kontrollpunkte ein. Die Regierungstruppen gingen mit Panzern gegen sie vor. Am Sonntag musste sich die Freie Syrische Armee aus dem Osten der Stadt wieder zurückziehen. Der Preis, den die Stadtviertel nun für ihre vorübergehende "Befreiung" zahlen, scheint hoch zu sein. Aktivisten berichteten am Montag, dass regimetreue Truppen von Haus zu Haus gingen und wahllos Menschen festnähmen.

Diplomaten wie westliche Beobachter in Damaskus sehen die Ereignisse mit wachsender Sorge. Die Deutsche Botschaft in Damaskus ist seit dem 22. Januar aus Sicherheitsgründen geschlossen. Auch die USA erwägen, ihre diplomatische Vertretung in der Hauptstadt zu schließen. Wenn die syrische Regierung keine zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der US-Botschaft einleite, werde die Vertretung in Kürze geschlossen, hieß es vor zehn Tagen in Washington.

Russland müht sich in der Vermittlerrolle

Angesichts der dramatischen Lage versucht Russland offenbar einen Dialog zwischen der syrischen Regierung und der Opposition zu vermitteln. Die syrische Führung habe ihre Bereitschaft bekundet, an solchen Gesprächen in Russland teilzunehmen, erklärte das russische Außenministerium am Montag in Moskau. Russland hoffe, dass auch die Opposition das Gesprächsangebot annehmen werde. Ein ranghohes Mitglied des syrischen Oppositionsrates erklärte kurze Zeit später, eine Einladung Russlands liege nicht vor. Sie werde aber abgelehnt werden, wenn sie eintreffen sollte. Die russische Regierung hat seit Sowjetzeiten enge Kontakte zur syrischen Führung. Russland verhinderte als Veto-Macht im Uno-Sicherheitsrat bislang die Verabschiedung einer Resolution, in der die Führung in Damaskus für das Blutvergießen verantwortlich gemacht worden wäre oder die einen Machtwechsel in Syrien gefordert hätte.

Erste Anzeichen, dass der Bürgerkrieg bald auch auf Damaskus übergreifen könnte, gab es schon im Dezember des vergangenen Jahres. Am 23. Dezember hatten Selbstmordattentäter mit Autobomben zwei Anschläge auf Gebäude des Geheimdienstes und der Sicherheitskräfte in der Hauptstadt verübt und dabei 44 Menschen getötet.. Seitdem sind vor wichtigen öffentlichen Gebäuden Betonbarrieren installiert worden.

Flucht aus Syrien

Internationale Organisationen, die in Syrien operieren, erwägen anscheinend, ihr Personal aus Syrien zu evakuieren und ihre Arbeit vom jordanischen Amman aus weiterzuführen. Nach Ansicht der für die NGO tätigen Sicherheitsexperten seien Reisen über Land inzwischen lebensgefährlich, die Lage dort mit einem offenen Krieg zu vergleichen, sagte ein Augenzeuge SPIEGEL ONLINE. Auch die Gefährdung im Zentrum Damaskus sei bald zu hoch, als dass internationales Personal weiter vor Ort bleiben könne.

Derweil häufen sich die Gerüchte, dass auch Baschar al-Assad den zunehmenden Druck spürt. Die ägyptische Zeitung "al-Masri al-Jom" berichtete am Sonntag, dass Syriens First Lady Asma al-Assad versucht habe, außer Landes zu fliehen. Danach soll die Ehefrau Baschar al-Assads mit den drei Kindern des Paares, ihrer Schwiegermutter und einer Cousine des Präsidenten versucht haben, in einem Konvoi zum Flughafen vorzustoßen. Der Flughafen liegt östlich von Damaskus, wo sich Rebellen und Sicherheitskräfte des Regimes in den vergangenen Tagen heftige Gefechte lieferten.

Laut der Zeitung soll sich eine Rebelleneinheit unter dem Kommando des desertierten Generals Mahmud Haluf dem Konvoi spontan in den Weg gestellt haben. Die Männer hätten auf Grund der Luxuskarossen geahnt, dass hier Regime-Größen auf der Flucht seien, zitiert die "al-Masri al-Jom" einen der Kämpfer. Die Präsidentschaftsgarde hätte daraufhin das Feuer eröffnet. Nach einem heftigen Schusswechsel seien die Wagen mit den Familienangehörigen Assads schließlich umgedreht und hätten die Familie zurück in den Palast gebracht. Teile der Garde hätten die Rebellen schließlich in die Flucht getrieben und dann auch verfolgt.

Es hatte in den vergangenen Wochen mehrfach Gerüchte gegeben, dass die Assads sich ins Ausland abgesetzt hätten. Der Präsident konterte sie bislang mit öffentlichen Auftritten. So nahm er vor gut zwei Wochen gemeinsam mit seiner Frau Huldigungen seiner Anhänger auf dem Omajaden-Platz in Damaskus entgegen.

Dass das Gerede um eine Flucht der Diktatorenfamilie trotz dieser Auftritte immer lauter wird, bedeutet auch, dass immer mehr Menschen in Syrien vom bisher Unsagbaren zu reden beginnen: von einem Leben ohne die Assads.

Mit Material von AFP

insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Rodri 30.01.2012
1. ...
Zitat von sysopIn Syrien herrscht Bürgerkrieg: Längst zahlen nicht mehr nur die Aufständischen den Blutzoll. Auch die Freie Syrische Armee tötet ungehemmt. In Damaskus schließen deshalb Botschaften, internationale NGO planen die Evakuierung ihrer Mitarbeiter. Kann Russland jetzt noch vermitteln? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,812233,00.html
Es war von Anfang an Krieg zwischen dem Staat und Islamisten. Dass SPON das jetzt erst merkt, ist an Zynismus nicht mehr zu überbieten.
caecilia_metella 30.01.2012
2. Manchmal frage ich mich wirklich,
wofür Politiker eigentlich bezahlt werden. Ihre Aufgabe ist es doch nicht, eine Welt voller Irrer zu produzieren?
beebo1 30.01.2012
3. Im Vergleich zum US Einmarsch im Irak ist das nicht viel
Wenn man das vergleicht mit den Opferzahlen, die der US Einmarsch im Irak gekostet hat, ist das recht friedlich in Syrien. Im Irak sind über 100.000 Zivilisten aufgrund des von den USA geschaffenen Machtvarkuum getötet worden, in Syrien sollen erst um die 5.000 getötet worden sein. Für 100.000 Irakische Opfer haben sich die westlichen Medien nicht so intensiv gekümmert, als um die Syrischen Opfer.
CommonSense2006 30.01.2012
4. Ente
Zitat von sysopIn Syrien herrscht Bürgerkrieg: Längst zahlen nicht mehr nur die Aufständischen den Blutzoll. Auch die Freie Syrische Armee tötet ungehemmt. In Damaskus schließen deshalb Botschaften, internationale NGO planen die Evakuierung ihrer Mitarbeiter. Kann Russland jetzt noch vermitteln? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,812233,00.html
Hallo, bitte einmal kurz die Plausibilität von solchen nachrichten überprüfen! Die Frau des Präsidenten hat es wohl kaum nötig, sich mit einem Konvoi von Fahrzeugen zum Flughafen durchschlagen zu müssen, wenn da Rebellen irgendwo sein könnten. Für solche zwecke stehen eine ganze Batterie von sowjetischen Militärhubschraubern zur Verfügung. Die Nachricht kam ja wohl von den Rebellen. Wie ist es möglich, dass sie genau gewusst haben wollen, wer die Insassen der Fahrzeuge waren? Die Präsidentengattin sitzt normalerweise hinten und die Fenster dieser Fahrzeuge sind verdunkelt, grundsätzlich und bei allen. Und da wollen die Rebellen jetzt genau angeben können, dass Assma, ihre Schwiegermutter, ihre drei Kunder und ihreCousine gewesen sein soll? Vermutlich waren diese fünf Personen ja auch noch auf mehrere Fahrzeuge verteilt, weil die Rückbank auch von den S-Klassen soooo bequem dann auch nicht mehr sind? Auf welche Entfernung wollen die das gesehen haben? Das riecht alles viel zu streng nach einer Ente, ganz eindeutig. SPON sollte mal ein bisschen schnüffeln, bevor sie solch krauses Zeug weiterverbreiten.
fatali2 30.01.2012
5.
Wenigstens berichtet SpOn endlich mal von einem Bürgerkrieg, und nicht nur von niedergeschlagenen Demonstrationen. Da wird schon seit längerem von Rebellen zurück geschossen.
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