Aufstand in Syrien Opposition fürchtet neue Massaker

Syriens Regierung lastet den Tod von rund 120 Sicherheitskräften "bewaffneten Banden" an - und droht mit Vergeltung. Die Opposition fürchtet nun eine neue Gewaltwelle. Eine prominente Bloggerin wurde offenbar verschleppt, ein Offizier ist öffentlich desertiert.

Screenshot eines YouTube-Videos, das offenbar Demonstranten in Nordsyrien zeigt
AFP/ YouTube

Screenshot eines YouTube-Videos, das offenbar Demonstranten in Nordsyrien zeigt

Von Yassin Musharbash


"Die Freiheit kommt / und hier stehe ich / und warte darauf / sie eines Tages kennenzulernen": So lautet die letzte Zeile des letzten Eintrags der syrischen Bloggerin Amina Abdalla. Es handelt sich um ein Gedicht, das sie am Montagnachmittag veröffentlichte.

Nur Stunden später wurde die junge Frau nach Angaben ihrer Cousine verschleppt - von drei Männern in den Zwanzigern, mitten in Damaskus. Sie hielten ihr den Mund zu und schubsten sie in einen roten Dacia Logan. Seitdem versuchen Angehörige, Freunde, Bekannte und wohl auch US-Behörden, sie zu finden. "Wir hoffen, dass sie nur im Gefängnis ist und ihr nichts Schlimmeres zugestoßen ist", schreibt ihre Cousine. Auf Facebook haben Unterstützer bereits mehrere Solidaritätsseiten eröffnet.

Amina Abdalla, die einen syrischen und einen US-amerikanischen Pass besitzt, ist eine verhältnismäßig prominente Bloggerin. Sie hat offen über ihre Sehnsucht nach einem freieren Syrien geschrieben, was ihr nun anscheinend zum Verhängnis wurde. Sie ist eine von vermutlich Hunderten Aktivisten, die verschleppt wurden - und ein weiteres Beispiel dafür, mit welcher Brutalität und mit welchen Methoden das Regime des Präsidenten Baschar al-Assad die Revolte auszutreten versucht.

Opposition fürchtet neue Stufe der Eskalation

Weit mehr als tausend Menschen kamen seit Beginn der Unruhen vor knapp drei Monaten ums Leben, schätzen ausländische Regierungen und Menschenrechtsorganisationen.

Oppositionelle fürchten nun eine neue Stufe der Eskalation. Am Montag hatte das staatlich kontrollierte Fernsehen erklärt, in der Stadt Dschisr al-Schughur im Nordwesten seien 120 Angehörige der Sicherheitskräfte getötet worden. Dies werde nicht hingenommen.

Ob die Behauptung stimmt, lässt sich nicht prüfen. Syriens Regime verweigerte ausländischen Journalisten die Einreise, und die syrische Presse ist gleichgeschaltet. Oppositionelle Gruppierungen bestätigten übereinstimmend heftige Kämpfe in der Stadt, die sich offenbar über mehrere Tage hinzogen. Tatsächlich scheinen auch Sicherheitskräfte getötet worden zu sein - aber unter welchen Umständen und von wem, lässt sich nicht genau klären.

Zwei Theorien werden verbreitet - die eine vom Regime, die andere von oppositionellen Kreisen:

  • Die Regierung sieht "bewaffnete Banden" am Werk - ein Terminus, den sie seit Wochen für alle Arten von Revoltierenden verwendet.
  • Oppositionelle sowie angebliche oder tatsächliche Zeugen, das lässt sich nicht ohne weiteres prüfen, erklärten dagegen über Twitter, Facebook und andere Kanäle im Internet, die toten Sicherheitskräfte seien das Ergebnis einer Meuterei - sie seien erschossen worden, weil sie desertieren wollten.

"Wir haben zurückgeschossen"

CNN zitiert einen im Ausland lebenden Oppositionellen mit Quellen in Syrien, demzufolge die Kämpfe zwischen Sicherheitskräften und Angehörigen der in Syrien verbotenen Muslimbruderschaft stattgefunden hätten. Der Mann habe erklärt, die Muslimbrüder, die vom Vater des jetzigen Präsidenten brutal verfolgt worden waren, würden die Gelegenheit nutzen, "um Rechnungen zu begleichen". Sie würden Waffen aus der Türkei ins Land schaffen. Auch diese Behauptung lässt sich nicht prüfen.

Die "Washington Post" zitierte einen ebenfalls nicht namentlich genannten Zeugen, der erklärte: "Wir dementieren nicht, dass wir zurückgeschossen haben. Aber wir haben erst zurückgeschossen, nachdem sie begonnen hatten, unsere Leute zu töten. Sie töteten 35 innerhalb weniger Stunden."

Oppositionelle erklärten übereinstimmend, dass sie die Art und Weise, wie das Staatsfernsehen über die toten Sicherheitskräfte berichtete, als Drohung verstanden. Sie befürchten nun neue Massaker. Vielerorts hat das Regime die Armee mit schweren Waffen und Panzern eingesetzt, um den Aufstand niederzuschlagen.

Frankreich will Verurteilung Syriens durch Uno

Unterdessen ist offenbar ein erster hochrangiger Militärangehöriger öffentlich übergelaufen. Der arabische Satellitensender al-Dschasira strahlte am Montag eine Botschaft von Leutnant Abd al-Rasak Tlaas aus. Dieser identifizierte sich zunächst mit vollem Rang und Namen und hielt seinen Militärausweis ins Bild. Sodann erhob er schwerste Vorwürfe gegen Armeeangehörige, die Unschuldige getötet hätten, wobei er Augenzeuge gewesen sei.

Er rief die Offiziere der syrischen Armee auf, ihr "Gewissen zu befragen" und sich zu fragen, ob sie das Volk oder die Familie des Präsidenten zu schützen hätten. "Du bist ein ehrenhafter Offizier, bleib auch einer!", endete seine Botschaft. Ob Tlaas, der aus einer prominenten Soldatenfamilie stammt, noch in Syrien ist, oder ob es ihm gelungen ist, das Land zu verlassen, blieb zunächst unklar.

Auf der internationalen Ebene hat sich Frankreich bisher am deutlichsten positioniert. Der französische Außenminister Alain Juppé erklärte am Montag in Washington, dass Syriens Präsident Baschar al-Assad die Legitimität verloren habe, das Land weiter zu regieren. "Der Reformprozess ist tot", sagte er. Sein Land sei bereit, eine Verurteilung Syriens in den Uno-Sicherheitsrat einzubringen. Angesichts eines im Raum stehenden Vetos gegen eine solche Resolution durch Russland, erklärte Juppé, liege diese dann in Moskaus Verantwortung.

Bisher war eine Uno-Resolution gegen Syrien nicht zustande gekommen, neben Russland hatte auch China Bedenken angemeldet. Juppé sagte in Washington, er sei zuversichtlich, dass elf der 15 Sicherheitsratsmitglieder für eine Verurteilung stimmen würden und dass diese Mehrheit die Vetomächte möglicherweise zum Einlenken bringen würde.



insgesamt 15 Beiträge
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rondon 07.06.2011
1. international
die aufstände in syrien folgen der selben logik wie der aufruhr in europa...in arabien wie in europa organisieren sich die aktivisten über die sozialen netzwerke: http://le-bohemien.net/2011/05/18/spaniens-jugend-auf-der-strasse/
syracusa 07.06.2011
2. Sicherheitskräfte?
Zitat von sysopSyriens Regierung lastet den Tod von rund 120 Sicherheitskräften "bewaffneten Banden" an - und droht mit Vergeltung. Die Opposition fürchtet nun eine neue Gewaltwelle. Eine prominente Bloggerin wurde offenbar verschleppt, ein Offizier ist öffentlich desertiert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767052,00.html
Es ist eine Schande ohnegleichen, dass die gesamte deutsche Presse die Mörderbanden des syrischen Terrorregimes euphemistisch zu "Sicherheitskräften" verklärt. Davon abgesehen finde ich es auch trotz der Gefahr eines russischen oder chinesischen Vetos unbedingt angebracht, die Sache in den Sicherheitsrat zu bringen. Mit dem Veto reissen sich diese antidemokratischen Regime dann selbst die Maske der Menschenfreundlichkeit ab.
mardas 07.06.2011
3. Deutschland ebenso...
Zitat von syracusaEs ist eine Schande ohnegleichen, dass die gesamte deutsche Presse die Mörderbanden des syrischen Terrorregimes euphemistisch zu "Sicherheitskräften" verklärt. Davon abgesehen finde ich es auch trotz der Gefahr eines russischen oder chinesischen Vetos unbedingt angebracht, die Sache in den Sicherheitsrat zu bringen. Mit dem Veto reissen sich diese antidemokratischen Regime dann selbst die Maske der Menschenfreundlichkeit ab.
Da sehen sie mal, wie schlecht Deutschland sich mit seiner Enthaltung zu Libyen dahingestellt hat... Es ist quasi dasselbe Prinzip. In Syrien ist durch die Drohung des Staates alles drin, von Verhaftungen und Beschüssen von friedlichen Demonstranten bis hin zu Massakern und Exekutionen. Rein theoretisch müsste die NATO auch hier eingreifen, doch glaube ich nicht, dass das durchführbar wäre. Eine Verurteilung ist das Mindeste, was durchgeführt werden muss, peinlich genug, dass das noch nicht passiert ist.
sindrian 07.06.2011
4. Halladori
Zitat von mardasDa sehen sie mal, wie schlecht Deutschland sich mit seiner Enthaltung zu Libyen dahingestellt hat... Es ist quasi dasselbe Prinzip. In Syrien ist durch die Drohung des Staates alles drin, von Verhaftungen und Beschüssen von friedlichen Demonstranten bis hin zu Massakern und Exekutionen. Rein theoretisch müsste die NATO auch hier eingreifen, doch glaube ich nicht, dass das durchführbar wäre. Eine Verurteilung ist das Mindeste, was durchgeführt werden muss, peinlich genug, dass das noch nicht passiert ist.
Sie sind sich also absolut und hundertprozentig sicher, dass die in Twitter, Facebook etc. wiedergegebene Wahrheit die der Realität am nähesten kommende ist? Haben sie wohlmöglich diese Erschießungen, Massaker und Exekutionen "live" beobachten können um zu beurteilen, dass diese willkürlich vorgenommen wurden? Wenn nicht; Was macht die Nachrichten von einer Interessengruppe glaubwürdiger als die einer anderen Interessengruppe? Sindrian
rama-6 07.06.2011
5. Die Weltpresse,außer Syrien Lügt?
Zitat von sindrianSie sind sich also absolut und hundertprozentig sicher, dass die in Twitter, Facebook etc. wiedergegebene Wahrheit die der Realität am nähesten kommende ist? Haben sie wohlmöglich diese Erschießungen, Massaker und Exekutionen "live" beobachten können um zu beurteilen, dass diese willkürlich vorgenommen wurden? Wenn nicht; Was macht die Nachrichten von einer Interessengruppe glaubwürdiger als die einer anderen Interessengruppe? Sindrian
Nur eine Frage. Warum verweigert Syrien den Zugang von Reportern,selbst die aus Arabischen Staaten?
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